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Mathrock

Denn sie wissen, was sie tun

Believe the Hype: Die sehr unterhaltsame Musik des sehr lustigen Duos Angine de Poitrine aus Québec

Foto: Earth Agency
Außerirdische in Polka-Dot-Kostümen oder Angine de Poitrine? Beides

Es geht ein Hype um im weltweiten Netz, und die Frage, die sich immer stellt, sobald so ein Hype herumgeht, besonders, wenn es sich um Musik handelt, ist natürlich: Ist er denn gerechtfertigt? Um es kurz zu machen: Ja, ist er. Absolut.

Es geht um Angine de Poitrine, zwei Frankokanadier, die vorgeben, Außerirdische zu sein und sich in Polka-Dot-Kostümen wanden, also auf künstliche Anonymität setzen. Ist das neu? Nein, so etwas ähnliches hat man schon bei den White Stripes gesehen, die auf rote und weiße Streifen setzten, oder bei Devo, die sich auch gern lustige, irreale Kopfbedeckungen ausdachten, um sich darunter zu verstecken. Man darf auch an Daft Punks Helmmode denken.

Aber es geht nicht nur um das Auftreten, sondern auch um die Musik. Das Duo, das derzeit viral geht wie sonst nichts, macht Post- oder Mathrock mit Looppedalen, und das ist tatsächlich neu: Der eine, nennen wir ihn Khn, spielt gleichzeitig Bass und Gitarre, was geht, weil er die beiden Instrumente hat zusammenschweißen lassen, um sie abwechselnd spielen zu können. Der andere, er nennt sich Klek, hat sein Drumset mit Tuch bedeckt, natürlich mit schwarz-weiß gepunktetem, so dass alles etwas gedämpfter, trockener klingt.

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Die beiden, deren Konzert bei der französischen Webradioklitsche KEXP aus Rennes der Auslöser für den ganzen Rummel war, haben sichtbar Spaß an ihrer frickeligen, sehr ausgedachten und nichtsdestotrotz überraschend eingängigen Musik: Wer das Video von KEXP schon mal gesehen hat – es ist stark anzunehmen, dass nur Leute auf Digitalentzug noch nichts von dem Duo gehört haben –, wird sich rasch dabei ertappt haben, mitzuwippen oder bei dem Versuch, das eine oder andere Gitarrenthema nachzupfeifen, ­kläglich gescheitert zu sein. Ist da nicht auch etwas Surfmusik rauszuhören? Khruangbin? Geese? Mittlerweile wird zumindest meine Timeline mit Experten geflutet, die versuchen, Bassläufe, Riffs (Stichwort Mikrotonalität) und Schlagzeugspiel musikwissenschaftlich einzuordnen oder gar nachzuspielen und nach weiteren Vorbildern, siehe oben, zu fahnden. Daft Punk als Postrockband wäre da noch ein Beispiel.

Lustig auch, dass das alles so lustig ist. Dem Klek baumelt beim Spielen die Nase, Khn mit Riesenhut weist eine auf, die Pinocchio vor Neid erblassen ließe. Seine geschminkten Barfüße suchen gekonnt nach den Pedalen, die loopen und verzerren oder einfache elektronische Störgeräusche produzieren. Hier und da fallen dosig klingende Kunstworte, die mit albernen Wackelgesten unterstrichen werden. Androgyn wirkt das auch noch. Es ist alles so lustig wie virtuos: Hier finden postpubertäre Nerds aus dem Québecschen Hinterland ihr Glück und behandeln es mit viel Liebe zum Spiel.

Zum Ende wird das Dreieck gezeigt: neben den Punkten das Symbol der Band. Aber was heißt schon Symbol? Bedeuten kann dieser Hype alles und nichts. Von künstlicher Supernerdmusik als Antwort auf KI-Tristesse ist die Rede, von Dada aus dem All einhundert Jahre nach Zürich, vom wohltuend Humanen der Musik bei aller Technik, die natürlich auch hier eine große Rolle spielt. So oder so, es gibt Angine de Poitrine – auf deutsch: heftige Brustschmerzen, Angina pectoris – auch auf Platte, nach »Vol. 1« (2024) ist jetzt »Vol. 2« erschienen: angenehm kurz, hypnotisch, mega. Hype und Platte des Jahres, jetzt schon.

→ Angine de Poitrine: »Vol. 2« (­Spectacle Bonzai)

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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