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Aus: Ausgabe vom 18.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Ein Dolch ist da versteckt

Polina Semionowa brilliert als »Dornröschen« in der Inszenierung von Marcia Haydée beim Staatsballett Berlin
Von Gisela Sonnenburg
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Mit dem Flair des Bolschoi: Polina Semionova

Selten treffen sich Stuttgart und Berlin so freudig und auf so hohem Niveau: Vorigen Freitag hatte die 1987 fürs Stuttgarter Ballett entstandene Inzenierung von »Dornröschen« von Marcia Haydée beim Staatsballett Berlin (SBB) in der Deutschen Oper Berlin Premiere. Polina Semionowa, steter Gaststar in Berlin, bezaubert darin als kindhafte Frau von Format, meisterlich und dennoch immer irgendwie unschuldig. Es blieb ihr ja zum Glück erspart, sich öffentlich dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie aus Moskau kommt. Sie verströmt jenes Flair von ballettöser Sinnlichkeit, das typisch ist für den Stil, in dem sie ausgebildet wurde: Semionowa ist bestes Bolschoi. Ihre Aurora, also das Dornröschen, ist spontan, verliebt, erotisch – ein Augenschmaus aus Warmherzigkeit, gepaart mit Virtuosität.

Dabei stehen im Mittelpunkt von Haydées Inszenierung nicht nur die Liebenden, sondern vor allem die Hassenden. Haydée kreierte für Primoballerino Richard Cragun, den Mann, den sie in ihrer Jugend liebte, eine neue Fassung der bösen Fee ­Carabosse. Mit einer Eskorte geschmeidiger Kreaturen heizt diese Figur nun die Stimmung auf. Zwar wurde Carabosse schon bei der Uraufführung des Tanzmärchens 1890 in Sankt Petersburg durch das Ballettgenie Marius Petipa männlich besetzt. Aber Marcia Haydée machte aus einer zickigen Wutbraut eine furios-dämonische Diva. Beim Stuttgarter Ballett triumphiert aktuell der Ausnahmetänzer Jason Reilly in dieser Partie, dicht gefolgt vom Nachwuchsstar Ciro Ernesto Mansilla.

In Berlin gibt es außer der sprungstarken Premierenbesetzung Dinu Tamazlacaru zwei weitere temperamentvolle Männer, die das arglose Dornröschen tänzerisch verfluchen: Alexej Orlenco und Arshak Ghalumyan. Ihre Soli strotzen nur so vor teuflischer Expressivität, und ihre Kampfszenen mit der mildtätigen Fliederfee sind wahre Duelle der Schamanenkraft.

Als Fliederfee lädt Elisa Carrillo Cabrera ein ins Reich der Schönheit und Geborgenheit, der Schutzwürdigkeit und auch der Eleganz. Die guten Feen – es gibt noch vier weitere – sind für Marcia Haydée aber keine Elfen. Sie tragen weder Flügel noch Zauberstäbe, sondern glitzernde Diademe im Haar: wie Königinnen aus Fantasia. Es sind verhältnismäßig weltliche Feen.

Die Taufe der kleinen Aurora, bei der die guten Feen Tugenden verkörpern, wird jäh von der wutschnaubenden Carabosse unterbrochen. Diese wurde nicht eingeladen, also sinnt sie auf Rache und stößt einen Fluch aus: Aurora soll an ihrem 16. Geburtstag sterben. Mit viel Grazie kann die Fliederfee den Fluch wandeln, Aurora wird »nur« 100 Jahre schlafen. Als der tückische Geburtstag naht und vier Prinzen zwar mit Aurora das »Rosenadagio« tanzen, sie aber nicht für sich gewinnen, rückt Carabosse mit Blumen an. Ein Dolch ist da versteckt, prompt sticht sich Aurora daran und taumelt, anmutig wie eine Blume im Wind, auf Zehenspitzen ins Koma.

Es wird Zeit, den Retter kennenzulernen. Alexandre Cagnat spielt einen melancholischen Jungmann, der seine Jagdgesellschaft im Nebel vorm Schlosspark am liebsten einfach stehenlassen würde. Als die Fliederfee erscheint und ihm in einer Vision Aurora zeigt, verliebt er sich.

Doch bevor er Dornröschen – ganz zart – wachküssen darf, hat er Kämpfe mit Carabosse zu bestehen. Ein riesenhaftes schwarzes Seidentuch würgt und fesselt ihn, und nur die Magie der Fliederfee gibt ihm die Kraft, sich zu befreien. Die beiden Feen zanken noch, da wird auch schon fürs Hochzeitsfest gerüstet.

Entzückende Divertimenti, in denen Murilo de Oliveira bravourös als Ali Baba pirouettiert, erfreuen und lassen einen schmunzeln. Die vorbildlichen Details sind ein Trumpf der Inszenierung. Das freundliche Menschenbild, das Choreographin Haydée vertritt, prägt auch ihre Arbeit. Und es legt Zeugnis ab von John Cranko, dem Mentor und Ballettwunderchef in Stuttgart, der zwar schon 1973 verstarb, dessen künstlerisches Erbe aber weiterhin wirkt.

Haydée, heute 85, war seine Ballerina und Beraterin. Und wenn sie die Berliner in der geschmackvoll-opulenten Ausstattung von Jordi Roig zur melodiösen Musik von Peter I. Tschaikowski walzern lässt, spürt man jene Kraft, die nur von hoher Tanzkunst ausgeht. Das Corps de Ballet des SBB ist mal wieder bestechend gut geprobt worden: Mitreißend, unterstützt vom famosen Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Ido Arad, stampft und stapft, springt und gleitet es über die Bühne. Märchenkunst vom Feinsten.

Nächste Vorstellungen: 18., 19. und 28. Mai

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