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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 15 / Politisches Buch
Debatte

Nicht auf den Müll

Das neunte Heft der Neuausgabe des Magazins Die Weltbühne ist erschienen
Von Norman Philippen
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Die Erinnerungen der Ostdeutschen: Arbeiterin im VEB Schwermaschinenbau »Karl Liebknecht« in Magdeburg

Die seit Mai letzten Jahres wieder erscheinende Monatsschrift Die Weltbühne. Magazin für Politik – Kunst – Wirtschaft liegt in ihrer neunten Ausgabe vor. Warum das Heft »dem Freistaat Bayern gewidmet« ist und auf der Rück- der Vorderseite ein Portrait des ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner prangt, erklären die Herausgeber Behzad Karim Khani und Per Leo im Editorial damit, dass »bei allen offensichtlichen Unterschieden (…) der Jahresanfang 2026 mit dem von 1919 eines gemeinsam« habe: »Die Zukunft scheint so offen wie lange nicht mehr.«

Nachgedruckt wird ein Brief, den Eisners Witwe Else an den einstigen Weltbühne-Herausgeber Siegfried Jacobsohn schrieb. »Dass sie im Dialog mit Siegfried Jacobsohn (…) Begriffe verwendet, die ihren Anteil an der bald schon folgenden Katastrophe hatten, soll uns nicht zu Richtern machen«, schreiben Leo und Karim Khani. So sei der unveränderte Nachdruck »nicht als plumpe Analogie gemeint – sondern als ein Spiegel der Vieldeutigkeit«.

Den bemühen sich die Herausgeber auch mit dem neuen Heft den Lesern anzubieten, das acht Texte versammelt. Den Anfang macht der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt mit Auszügen aus seinem Buch »Plankton fischen in Marzahn«, das O-Töne aus den Erinnerungen von Ostdeutschen versammelt. Ein Projekt mit dem Schmidt »Menschen ermutigen (will), ihre Lebensgeschichte nicht auf den Müll zu werfen, sondern von den Kleinigkeiten zu berichten, aus denen das Leben besteht.« Ein fortlaufendes Projekt, an dem Anstoß nur nehmen kann, wer der Auffassung ist, dass ostdeutsche Lebenserinnerungen per se keine lesenswerte Lektüre ergeben können.

Kaum kontroverser kann wohl den meisten Leser Isabelle Rogges Text »The South Did That« vorkommen, in dem die Journalistin den Auf-/Abstieg Comptons, Vorort von Los Angeles und »Geburtsstätte des Gangsta Raps«, nachzeichnet. Interessant wird der Text durch den Einbezug der soziodemographischen Gründe für die dargestellte Entwicklung des vor allem von Afro- und Lateinamerikanern bewohnten Compton sowie der unter dem Deckmantel des »War on Drugs« dort vorgenommenen »Massseninhaftierungen als Katalysator der Gangkultur und des Gangsterkodex«.

Immer interessant sind Einsichten über den antiantichristlichen Techtyrannen Peter Thiel, die der deutsch-italienische Philosoph Luca Di Blasi anbietet, indem er Thiel »als einen apokalyptischen Reiter (…), als Surfer einer von ihm selbst mitentfesselten apokalyptischen Welle« analysiert.

Um fehlende Kritik generell unbesorgt darf sein, wer die Lage in Nahost auf nicht unbedingt staatsräsontragender Folie bespricht, mit einem Krimi vergleicht und »kurz gesagt« »die Umsiedlung der europäischen Juden nach Palästina« als ein von Anfang an auch antisemitisches Projekt bezeichnet. Und gar »noch einen Schritt weiter« geht, indem er »die Verbindung mit dem Antisemitismus« als »frühe(n) Makel des zionistischen Projekts«. Das schreibt in dem Heft Slavoj Žižek.

Ebenfalls um Gegenwind nicht bemühen muss sich, wer – wie der Moderator Zuher Jazmati in seinem Text »Queers for Hamas!« »den konstruierten Dualismus aus einem queerfreundlichen Westen (Israel) vs. dem barbarischen und queerfeindlichen Orient (Gaza)« in Frage und feststellt: »Queers of Color sollen existieren können, wenn sie im hegemonialen Diskurs keinen Widerspruch formulieren.«

Außerdem finden sich in dem Heft ein Interview mit dem panafrikanischen Denker P. L. O. Lumumba, in dem dieser kritisiert, »dass Afrika in der Opferrolle verharrt«, Überlegungen des Wirtschaftsjournalisten Wolfgang Münchau zu »Europas Demütigung in der Ukraine« sowie ein Abschnitt eines Texts des ägyptischen Schriftstellers Haytham El-Wardany zu der über zehn Jahre nach dem »arabischen Frühling« gestellten Frage: »Wie aber können wir vom Trümmerfeld aus ›wir‹ sagen?« Das neunte Heft der neuen Weltbühne lädt einmal mehr zu Debatten ein, die in anderen Medien in dieser Form nicht stattfinden.

Die Weltbühne. Magazin für Politik – Kunst – Wirtschaft. Nr. 9, 47 Seiten, 11 Euro, Bezug: Die Weltbühne/Berliner Verlag GmbH, Karl-Liebknecht-Str. 29, 10178 Berlin, Mail: kontakt@weltbuehne.com

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