Hör nicht auf dein Raumschiff
Von Norman Philippen
Kannte ich bisher nur die Band Flying Lesbians († 1977), überraschte mich der geschätzte Filmredakteur kürzlich mit kosmischen Lesbenprinzessinnen aus der Zukunft. Eine davon ist die zugeknöpfte Saira auf dem von ihren stolzen lesbischen Königinnenmüttern regierten Planeten Clitopolis. Sie muss die kiebige Kopfgeldjägerin Kiki, ihre aufgrund akuter Langeweile vor ihr geflohene Exfreundin, aus den Klauen der Straight White Maliens befreien. Das sind die lustigerweise als unbeschriebene weiße Blätter animierten, ungewollt zölibatären Misogynen von morgen. Die wollen Kiki nur freigeben, wenn sie von Saira binnen 24 Stunden etwas erhalten, was zufällig auf dem Cover der einzigen Platte der als erste reine Frauenrockband Deutschlands geltenden Flying Lesbians prangt: eine Labrys, eine auch Amazonenaxt genannte Doppelaxt also. Aber nicht irgendeine Labrys wollen die Incels der Zukunft, sondern die mit lesbischer Macht ausgestattete königliche Doppelaxt! Ob die zur langweiligsten Royal ihres Planeten gewählte, nur Vanilla Sex praktizierende Saira das Ding wohl rechtzeitig einsacken und außerhalb des »Safe Space des queeren Weltraums« den Frauenhassern im »Normie-Space« wird überbringen können? Und ob sich Kiki dann wieder ihrer erbarmt?
Klingt doch nach einem Film für die ganze Familie. So steht es auch auf den Filmplakaten. »Teddy Award/Bester Spielfilm«, »Panorama-Publikumspreis Zweitbester Spielfilm« (der Berlinale 2025) und »Adelaide Film Festival/Publikumspreis Bester Spielfilm« steht auch drauf. Warum »die Sittenwächter:innen der FSK« befanden, der Film sei erst für Menschen ab 16 Jahre geeignet? Wohl »aus Gründen, so geheimnisvoll wie der unendliche Weltraum«, heißt es im Pressetext.
Die Gründe für das Wohlwollen der Kritik sind offensichtlicher. Mit Kleinstbudget und nur fünfköpfigem Team animierten die Australierinnen Leela Varghese und Emma Hough Hobbs ein intergaylaktisches Coming-of-age-Pink-Space-Musical, wie man noch keines zu sehen und hören bekam. Viele der von der musicalerfahrenen Varghese komponierten Songs sind so kurz wie das Film-Theme (»She’s a lesbian / She’s in space / And she is also a princess / Oh, and she is very sad«), deshalb passen davon auch reichlich in die mit hintergründigen Witzchen und Hinweisen gut gefüllten 87 Minuten. Eine Botschaft der Liebe, ach, der empowernden Selbstliebe. Die allerdings etwas verzögert verfängt, der Film braucht eine gute Viertelstunde, um in Fahrt zu kommen.
Die besten Witze werden freilich von Sairas mansplainendem Chauviraumschiff und den Hardcoreheteronormativen gerissen, was man als einen feinen Zug der Regisseurinnen verstehen kann. »Wir brauchen ihre Labrys, um unseren ultimativen Frauenmagneten anzutreiben«, sagen die unbeschriebenen Blätter selbst. Die koloniale Struktur des »Normie-Space« ist immer auch eine triebhafte. Statt mit einem filmlangen Zeigefinger zu wedeln, setzt die keineswegs pinkwaschende Animation lieber auf frische, freche Unterhaltung für die ganze Familie. Eine freudige Überraschung.
»Lesbian Space Princess«, Regie: Emma Hough Hobbs/Leela Varghese, Australien 2025, 87 Min., bereits angelaufen
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