65 Jahre später
Von Gerrit Hoekman
Die Entscheidung ist historisch: Die belgische Anklagekammer in Brüssel hat am Dienstag beschlossen, den Prozess gegen den früheren belgischen Spitzendiplomaten und heute noch aktiven Geschäftsmann Étienne Davignon zu eröffnen. Der 93jährige wird der Beihilfe an der Entführung und Ermordung des ersten vom Volk gewählten Premierministers der Demokratischen Republik (DR) Kongo, Patrice Émery Lumumba, beschuldigt. Davignon war am Dienstag im Gericht nicht anwesend. Er kann noch Berufung gegen den Beschluss einlegen und wird das vermutlich tun.
Der Prozess ist der erste gegen einen Kolonialbeamten aus Belgien. Lumumbas Familie hat bereits vor 15 Jahren ein Strafverfahren angestrengt, doch die Justiz ließ sich Zeit. Geschehen war der Mord kurz nach der Unabhängigkeit der Kolonie Belgisch-Kongo am 30. Juni 1960, die sich Belgien 1908 einverleibt und brutal ausgebeutet hatte. Der bis heute in seiner Heimat und in ganz Afrika als Freiheitsheld verehrte Lumumba wurde am 17. Januar 1961 von Gefolgsleuten seiner politischen Rivalen Moïse Tschombé und Godefroid Munongo mit Unterstützung unter anderem der Belgier ermordet. Die Leiche wurde anschließend in Säure aufgelöst.
Davignon war seinerzeit als Diplomat im Außenministerium für Belgisch-Kongo zuständig. Laut dem öffentlich-rechtlichen flämischen Sender VRT Nws schickte ihn der belgische Außenminister Paul-Henri Spaak in den Kongo, wohl mit dem Auftrag, den als radikal geltenden Lumumba kaltzustellen. Im Detail wirft die Staatsanwaltschaft Davignon vor, an einem Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Bereits Lumumbas rechtswidrige Inhaftierung habe gegen internationale Konventionen verstoßen. Lumumba sei ein ordentliches und unparteiisches Gerichtsverfahren verweigert worden. Das Gericht in Brüssel weitet den Gegenstand des Verfahrens auf die damaligen Minister Maurice Mpolo und Joseph Okito aus, die gemeinsam mit Lumumba erschossen wurden.
Dass Davignon 65 Jahre lang unbehelligt blieb, ist ein Skandal im Skandal um den Mord an Lumumba und seinen Parteifreunden. Während die Hinterbliebenen um Gerechtigkeit rangen, machte Davignon Karriere. Zunächst in der Politik, danach in der Wirtschaft. Zwischen 1977 und 1985 war er in der Europäischen Kommission verantwortlich für den Binnenmarkt, die Verwaltung der Zollunion und industrielle Angelegenheiten. Von 1981 bis 1984 reüssierte er unter dem Luxemburger Gaston Thorn als Vizepräsident der Europäischen Kommission.
1989 verließ Davignon die Politik und wurde unter anderem Vorstandsvorsitzender des belgischen Bergbauunternehmens Union Minière, das in der DR Kongo in der Provinz Katanga aktiv ist. Daneben saß er in den Vorständen der Hotelkette Accor, des Energieunternehmens Tractebel, des Luxemburger Stahlkonzerns Arbed und der Fortis-Bank Belgium, außerdem in zahlreichen Aufsichtsräten, unter anderem bei Fiat, BASF und dem belgischen Chemiekonzern Solvay. Ab 2005 war er einige Jahre Präsident der undurchsichtigen Bilderberg-Konferenz, eines illustren Kreises einflussreicher Personen aus Wirtschaft, Politik, Hochschulen, Militär, Medien, Hochadel und Geheimdiensten, der sich jährlich trifft, um sich hinter verschlossenen Türen über das Weltgeschehen auszutauschen. 2000 ehrte ihn die Hans-Böckler-Stiftung des DGB mit einem Preis. Bis heute ist der Belgier laut Guru Focus einer der Direktoren des US-amerikanischen Biopharmaunternehmens Gilead Science. Die Aktien, die der Belgier am Unternehmen hält, sollen einen Wert von 168 Millionen US-Dollar haben.
Lumumbas Familie verfolgt andere, ideelle Ziele: »Für unsere Familie ist dies nicht das Ende eines langen Kampfes, sondern der Beginn einer Abrechnung, die die Geschichte längst gefordert hat. Für den Kongo, für Afrika und für alle ehemaligen Kolonien trägt dieser Moment unserer Überzeugung nach eine Bedeutung, die weit über unseren Namen hinausgeht.« Eine leider wohl zu späte Genugtuung, denn Davignon wird wegen seines hohen Alters höchstwahrscheinlich niemals eine Gefängniszelle von innen sehen. »Doch die Anklage gegen Étienne Davignon nach jahrzehntelanger Straflosigkeit ist ein historischer Präzedenzfall für die Strafjustiz im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus«, stellt Wolfgang Kaleck, der Generalsekretär des Europäischen Zentrums für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR), in einer Presseerklärung fest. »Belgien muss den Mut haben, seiner kolonialen Vergangenheit ins Auge zu sehen, und das ist heute geschehen«, freute sich Lumumbas Enkel Yvan. »Wir wollen keine Rache; sie bringt die Toten nicht zurück«, sagten die Nachkommen VRT Nws zufolge, als sie den Gerichtssaal am Dienstag verließen.
Gerd Schumann: Patrice Lumumba. Papyrossa, Köln 2024, 135 Seiten
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