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Aus: Ausgabe vom 23.04.2026, Seite 5 / Inland
Lebensmittelindustrie

Fachkraft nur auf dem Papier

Westfleisch soll Inder mit falschen Jobzusagen beschäftigt haben – Ermittlungen wegen Lohnbetrug und Menschenhandel
Von Gerrit Hoekman
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Schlachten und zerlegen im Akkord: Arbeitsalltag in fleischverarbeitenden Betrieben

Wieder ein Skandal in der Fleischindustrie und wieder einmal in Nordrhein-Westfalen. Wie der WDR am Dienstag abend in seinen Sendungen »Aktuelle Stunde« und »Lokalzeit Münsterland« berichtete, soll der Konzern Westfleisch aus Münster in seinem Werk in Hamm vier Arbeiter aus Indien beschäftigt haben, die eine Anwerbeagentur vor Ort gegen eine hohe Gebühr und mit falschen Versprechungen nach Westfalen gelockt hatte. Nur, um bereits nach wenigen Wochen und noch während der Probezeit wieder entlassen zu werden.

Den Betroffenen droht nun die Abschiebung, weil sie nur über ein Visum verfügen, das an eine Arbeitserlaubnis geknüpft ist. In Paragraph 18b des deutschen Aufenthaltsgesetzes steht, dass Fachkräften aus Drittstaaten mit einer akademischen Ausbildung für die Ausübung jeder qualifizierten Beschäftigung eine Aufenthaltserlaubnis erteilt wird, wenn sie einen Arbeitsvertrag vorlegen können. Tätigkeiten als Helfer sind ausdrücklich ausgeschlossen. Das Visum weist sie jedoch als Fleischer aus, die in Deutschland als Fachkraft gelten. Tatsächlich wurden die Inder von Westfleisch aber wohl nur als Aushilfskräfte am Fließband eingesetzt. Für den dafür üblichen Lohn, der um einiges niedriger ist, als der ihnen bei der Anwerbung versprochene. »Wir können nicht zu unseren Familien zurück«, sagt einer von ihnen gegenüber dem WDR. »Wir haben eine Menge bezahlt. 10.000 Euro! Das ist ein Vermögen in Indien.«

Die vier wurden in ihrer Heimat auf ein Inserat der indischen Agentur Ebrado Dreamz aufmerksam. Sie versprach ihnen einen guten Job, einen anständigen Lohn und eine Unterkunft in Deutschland. Die Vermittlungsgebühr betrug zunächst 4.200 Euro. So steht es jedenfalls im Vertrag, der dem WDR vorliegt. In Wirklichkeit hätten sie aber insgesamt 10.000 Euro zahlen müssen, behaupten die vier Inder. Um die Summe aufzubringen, hätten sie das Haus verpfänden müssen.

Ebrado Dreamz arbeitet wohl nicht direkt mit Westfleisch zusammen, sondern offenbar mit einer Agentur in Baden-Württemberg. Von dort aus werden die angeworbenen Arbeitskräfte dann weitervermittelt, in diesem Fall an Westfleisch. Die Agentur biete deutschen Unternehmen »eine wertvolle Lösung für den zunehmenden Fachkräftemangel«, heißt es auf ihrer Homepage. Weil die Fleischindustrie in Deutschland schon seit Jahren kaum noch Arbeitskräfte findet, die den Job machen wollen, lässt sie gezielt im Ausland suchen. Bevorzugt in Osteuropa und Asien.

Die vier Inder erfüllten formal die Bedingungen. Sie haben ein abgeschlossenes Studium, und der Arbeitsvertrag weist sie als qualifizierte Fleischer aus, mithin als Fachkräfte. Nur haben sie bei Westfleisch offensichtlich nie als solche gearbeitet, sondern als einfache Produktionshelfer mit einem deutlich niedrigeren Lohn als ein Fleischer. Acht Stunden am Tag mussten sie mit scharfen Messern Fleisch schneiden. Eine eintönige Arbeit, bei der schon mal die Konzentration nachlässt. »Viele Kollegen hatten Verletzungen an der Hand«, erinnert sich einer der Inder. Die vier waren auch betroffen. Ein Arzt habe sie krankgeschrieben. »Drei Tage später bekamen wir die Kündigung.«

»Kündigungen innerhalb der Probezeit erfolgen auf gesetzlicher Grundlage und nach individueller Prüfung«, sieht sich Westfleisch gegenüber dem WDR auf der sicheren Seite. »Inzwischen haben wir durch Mitarbeitende aus sogenannten Drittstaaten erfahren, dass Mitarbeitende (…) an regionale Agenturen unangemessen hohe ›Gebühren‹ bis zu 15.000 Euro für die ›Vermittlung‹ zur Beschäftigung in Deutschland (meist in bar) bezahlen mussten. Dies widerspricht dem Werteverständnis von Westfleisch zutiefst (…)«, heißt es in einer Stellungnahme an den WDR. Die Zusammenarbeit mit der Agentur habe Westfleisch gekündigt.

Den Vorwurf der Beteiligung an einem Visaverstoß, an Lohnbetrug oder Menschenhandel weist das Unternehmen vehement zurück. Westfleisch will »kurzfristig ein finanzielles Unterstützungspaket für besonders betroffene Mitarbeitende aufsetzen«. Das Arbeitsministerium von NRW wusste übrigens bereits vor einigen Monaten von den Vorwürfen, konnte aber bei einer Prüfung keine Unregelmäßigkeiten feststellen. Inzwischen soll aber der Zoll laut WDR Hinweisen auf Arbeitsausbeutung nachgehen.

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