Lohnt es sich noch, gegen »Stuttgart 21« zu kämpfen?
Interview: Gitta Düperthal
Die Deutsche Umwelthilfe, DUH, ist gegen eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Stuttgart in Berufung gegangen, das 2025 eine Klage gegen die Abbindung der Gäubahn abgewiesen hatte. Worum geht es dabei?
Wir kämpfen dafür, dass die oberirdischen Gleise auf kurzem Wege erreichbar sind. Statt der bundesweit bekannten »Fernwanderwege« um die Baustelle (des Großprojekts »Stuttgart 21«, jW) herum fordern wir den direkten Zugang zu den Kopfbahnhofgleisen. Alles andere ist unzumutbar. Die jahrelange Kappung der Strecke Stuttgart–Zürich – erst ab März 2027, nun für frühestens 2028 angekündigt – muss verhindert werden. Wer zum Hauptbahnhof will, müsste in die S-Bahn umsteigen, solange bis der Pfaffensteig-Tunnel fertig ist. Am Mittwoch zog die DUH deshalb mit ihrer Klage in Sachen Planfeststellung Gäubahn (Anbindung von Norditalien, der Schweiz und des südlichen Baden-Württembergs ans europäische Netz, jW) gegen die BRD in der Berufung vor den Verwaltungsgerichtshof Mannheim.
Die Bewegung gegen »Stuttgart 21« plant für den 30. März die 800 Montagsdemo auf dem Stuttgarter Schloßplatz. Sie sind als Moderatorin angekündigt. Für Ihren bisherigen Einsatz hat Sie die DUH mit dem Bürgerschafts- und Engagementpreis »Druck machen – für die Umwelt!« ausgezeichnet. Lohnt es sich noch, weiter gegen das Großprojekt anzukämpfen?
Selbstverständlich. Es kommt jetzt darauf an, die oberirdischen Gleise zu erhalten und den Kopfbahnhof in Stuttgart zu sanieren. Der Klimaschaden durch den Tunnelbahnhofsbau ist schon schlimm genug. Jetzt soll auch noch mit dem längsten Eisenbahntunnel Deutschlands eins drauf gesetzt werden: Die Reisenden auf der Strecke Stuttgart–Zürich sollen in überfüllte Straßen- und S-Bahnen umsteigen müssen. Dieser Tunnel dient nur den Bau- und Tunnelbohrkonzernen, um Rendite zu erwirtschaften. Er ist komplett unnötig, wenn wir die oberirdischen Gleise und den Kopfbahnhof erhalten können. Diese Gleise werden zukünftig sowieso gebraucht, weil der Tiefbahnhof nachweislich zu klein dimensioniert ist.
Wie schafft es die Widerstandsbewegung, nicht den Mut zu verlieren?
Man kann ja leider insgesamt nicht gerade behaupten, dass antikapitalistische, demokratie- und klimafreundliche Projekte auf der Erfolgsstrecke wären. Wir sind derart empört, dass es uns auf die Straße treibt. Unsere Montagsdemos haben 2009 begonnen, die meisten Gesichter kennt man. Zu sehen, dass wir gegen die Machenschaften der Großkonzerne nicht alleine da stehen, tut gut. Bei unseren Protesten trifft sich Aktive des gesellschaftspolitischen und sozialen Widerstands auch über das Bahnthema hinaus: zum Beispiel mit Infoständen gegen die Bezahlkarte für Geflüchtete. All das gibt uns Mut. Und genau deshalb hat die Deutsche Umwelthilfe auch den Preis verliehen. Sie will die Zivilgesellschaft stärken.
Eine Massenbewegung, wie zu Beginn der Proteste, ist es aber jetzt nicht mehr.
Okay, aber wo in Deutschland schafft es heute eine Protestbewegung Woche für Woche 300 Leute auf die Straße zu bringen wie wir? Massenbewegungen, die Zehntausende elektrisieren, halten ja nicht über so viele Jahre. Viele hatten sich mit der Wahl der Grünen 2011 das Ende von »Stuttgart 21« erhofft. Leider haben sie den Bau nur legitimiert und Chancen zum Umstieg nie genutzt.
Weshalb feiern die Grünen dennoch ständig Wahlerfolge?
Die Grünen in Baden-Württemberg machen CDU-Politik. Seit dem Volksentscheid 2011 berufen sie sich immer auf die Mehrheit, die »S 21« gewollt hätte. Dabei ging es nur um den Kostendeckel von 4,5 Milliarden Euro und die schnelle Fertigstellung des Baus. Die Kostenschätzung liegt heute bei ungefähr 11,4 Milliarden Euro. 15 Jahre lang wurde eine demokratische Legitimierung des Projekts behauptet, die es de facto nie gab. Und die Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs wird nach Medienberichten nicht vor 2031 sein.
Sie haben in Stuttgart auch das feministische Frauengesundheitszentrum mitgegründet. Was hat dieses Engagement mit dem Widerstand gegen Großprojekte wie »S 21« gemeinsam?
Für mich hat unser Widerstand mit Gerechtigkeit zu tun: zwischen den Geschlechtern, Arm und Reich sowie zwischen einerseits Auto- und andererseits Rad- und ÖPNV-Fahrern. Züge fallen aus, sind verspätet, unvermutete Umstiege, lange Fahrzeiten: Was arbeitenden Menschen für Profite der Bauwirtschaft und das große Ego meist alter weißer Männer angetan wird, ist heftig.
Angelika Linckh ist Frauenärztin und engagiert sich aktiv für eine Verkehrswende zur Stärkung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs
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