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Wohnungspolitik

Werden Sie gegen Immobilienkonzerne aktiv?

Die Unternehmen interessiert nicht die soziale Frage des Wohnens, sondern nur Gewinnmaximierung, sagt Aaron Pfeiffer

Foto: IMAGO/Carsten Thesing
Die zu hohen Mieten belasten insbesondere die Werktätigen und bedrohen die Wohnviertel (Berlin, 1.6.2024)

Mit den »Housing Action Days« hat das Mietenwahnsinn-Bündnis gegen explodierende Mieten in Europas Städten protestiert. Kaum waren die Aktionstage am Sonntag vorbei, ging es weiter: Am Dienstag verhandelte das Amtsgericht Mitte in Berlin zu einer Eigenbedarfskündigung. Sie begleiteten den Prozess solidarisch – mit welchem Ziel?

Ein Mitglied unserer Gewerkschaft lebt seit 15 Jahren in seiner Wohnung im Bezirk Prenzlauer Berg. Nun beabsichtigen die Eigentümer, ein Ärztepaar, ihre Tochter darin unterzubringen. Die hat bereits eine Wohnung: kleiner, nicht so gut gelegen. Ein vorheriger Richter hatte den Anspruch auf Eigenbedarf für nicht glaubwürdig gehalten. Dagegen ging das Paar in Berufung, stilisierte sich als Opfer. Anders als der Richter zuvor appellierte die Richterin in der Berufungsverhandlung am Dienstag, sich gütlich zu einigen. Das Ärztepaar regte völlig absurd an, die jetzige Mieterin solle die Wohnung mit der Tochter tauschen. Aus unserer Sicht ist es eine politische Frage, ob man asymmetrische Macht- und Eigentumsverhältnisse weiter aufrechterhält. Die in unserer Gewerkschaft organisierte Mieterin hatte einen Todesfall in der Familie, kann sich nicht um diesen Stress kümmern und erkennt die Kündigung nicht an. Der Prozess wurde vertagt. Es ist wichtig, sich gegen Eigenbedarf zu wehren. Dass wir es tun, zeigt Wirkung. Richterinnen und Richter merken, wie angespannt die Lage ist.

Dienten die »Housing Action Days« vom 23. bis 29. März dazu, den Zusammenhalt der Mietenwahnsinn-Bewegung zu fördern, und gab es Außenwirkung?

Beides. Europäisch und global gab es in mehr als 90 Ländern weltweit etwa 180 Aktionen. In Berlin hatten wir mit unserer Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumung mit bis zu 300 Leuten vorm Roten Rathaus demonstriert sowie in Neukölln einen Kiezspaziergang gegen Aufwertung und Verdrängung organisiert. Wir haben Informationen gesammelt, welche Eigentümer welche Häuser besitzen, und über die Erhöhungen von Mieten diskutiert. Diese Kenntnisse können wir später wiederverwerten.

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Vom 8. bis 12. Juni werden globale Immobilienkonzerne, die Wohnungen als Spekulationsobjekte und Kapitalanlagen ansehen, beim »Private Equity Kongress Super Return« im Intercontinental-Hotel in Berlin tagen. Werden Sie aktiv?

Auf jeden Fall. Schon im Juni 2025 haben wir dort demonstriert und sind zu einer weiteren Konferenz des Interessenverbandes ZIA für kapitalmarktorientierte Immobilienunternehmen gelaufen. Finanz- und Immobilienhaie verstecken sich meist, handeln intransparent. Sie interessiert nicht die soziale Frage des Wohnens, sondern nur Gewinnmaximierung.

Was findet in Europa an gemeinsamen Protesten statt?

Mit der European Action Coalition kämpfen wir jedes Jahr gegen die internationale Messe für Immobilienfachleute MIPIM. Diese reine Geldanhäufungskonferenz läuft seit 1990 jährlich im März in Cannes in Frankreich. Dort beschließt man, unsere Städte, Viertel, lokale Solidarität und unser Leben zu zerstören, um Büros, Luxuswohnungen oder Touristenunterkünfte für den Profit zu bauen. Dagegen setzen wir unsere internationale Vernetzung.

Was erwarten Sie von der Bundesregierung, die aktuell nur in Kriegsvorbereitung und Aufrüstung investieren will? Müsste das Bündnis Mietenwahnsinn nicht mit der Friedensbewegung kooperieren?

Wir erwarten nichts von der CDU. »Ihr werdet nicht wohnungslos sein, müsst euch nur fügen«, so deren Mär. Mit der neuen Grundsicherung müsse niemand Angst haben, behauptet die SPD. Sie sind realitätsfern. Und ja, alles Geld geht in Kriegsvorbereitungen. Eine Kooperation mit der Antikriegsbewegung ist für uns Zukunftsmusik, aber aufgrund der aktuellen Lage sollten wir es angehen. Bisher kooperieren wir mit der Klimabewegung; durch Abriss und Luxusbauten werden mehr Emissionen verursacht. Wir müssen für Wohnraum kämpfen. Wen es heute nicht trifft, den könnte es morgen treffen: Also müssen wir jetzt zusammenstehen.

Aaron Pfeiffer ist Sprecher der Mieter*innengewerkschaft, die gemeinsam mit dem Mietenwahnsinn-Bündnis Aktionen plant

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 04.04.2026, Seite 2, Inland

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