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Aus: Ausgabe vom 02.03.2026, Seite 7 / Ausland
Iran-Krieg

Teherans Strategie

Iran setzt auf Regionalisierung des Krieges: Angriffe auf US-Militärinfrastruktur, Druck auf Golfstaaten
Von Lars Lange
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Rauchwolken über dem Hauptquartier der US-Marine in Manama, Bahrain am Sonnabend

Die Antwort kam umgehend: Binnen einer Stunde nach Beginn der US-israelischen Angriffe am Sonnabend hat Iran mit Gegenschlägen begonnen. Anders als im Zwölftagekrieg 2025, als Teheran moderat vorging, sieht sich das Land nun existentiell bedroht. So überraschte die Dimension des Gegenschlags westliche Beobachter: In den ersten 24 Stunden sollen mindestens 1.000 bis 2.000 Raketen und Drohnen eingesetzt worden sein. Sechs bis acht US-Stützpunkte, darunter in Bahrain und Katar, gerieten unter Beschuss.

Iran beantwortet die Angriffe nicht spiegelbildlich, sondern durch räumliche Ausdehnung – einen regionalisierten Krieg, der die gesamte US-Architektur im Golf erfasst. Obwohl die Golfstaaten den USA ihre Basen offiziell nicht für Angriffe freigegeben haben, greift Iran nicht nur dortige US-Militäreinrichtungen, sondern auch zivile Ziele an, etwa Flughäfen in Dubai, Abu Dhabi und Kuwait oder die Häfen Jebel Ali (Vereinigte Arabische Emirate) und Duqm (Oman). Das ist auch ein Angriff auf die ökonomischen Grundlagen der Golfstaaten. Ziel ist politischer Druck: Iran will die USA und die Golfmonarchien spalten.

Mit der Sperrung der Straße von Hormus gelingt es dem Iran sogar, den Krieg zu globalisieren: Täglich passieren rund 20 Millionen Barrel Rohöl die Meerenge, ein jährliches Handelsvolumen von knapp 500 Milliarden US-Dollar, 84 Prozent davon für asiatische Märkte bestimmt. Die gesamte verfügbare Umleitungskapazität aller alternativen Pipelines zusammen deckt nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) lediglich ein Viertel dieser Menge. Kuwait, Katar und Bahrain haben schlicht keine Ausweichroute – und Katars Flüssigerdgas, das rund 20 Prozent der weltweiten Versorgung ausmacht, lässt sich technisch nicht umleiten. Analysten warnen, dass die Ölpreise dadurch deutlich anziehen könnten – teils bis über 80 US-Dollar, in extremen Szenarien sogar über 100 US-Dollar, sollte es zu einer nachhaltigen Störung der Lieferwege kommen.

Das iranische Vorgehen wirkt kalkuliert: weniger Präzision als Erschöpfung in der Fläche. Ältere Raketen sollen in der gesamten Golfregion Abwehrsysteme übersättigen, bevor präzisere folgen. Eine US-THAAD-Abfangrakete kostet rund 15 Millionen US-Dollar; die Produktion von Lockheed Martin hält mit dem Verbrauch nicht Schritt. Nach dem Zwölftagekrieg 2025 seien die Bestände ohnehin niedrig gewesen, so William Alberque vom Pacific Forum. Die USA verschossen im Juni 2025 etwa 150 THAAD-Raketen, nachgekauft wurden nur einige Dutzend. Bei anhaltender Intensität könnten die Vorräte binnen Tagen kritisch schrumpfen: Der Verbrauch übersteigt die Produktionsrate bei weitem.

Parallel zur Sättigungsstrategie greift Iran gezielt die »Augen« der gegnerischen Luftabwehr an. Bereits am ersten Kriegstag wurden zwei hochwertige Radarsysteme zerstört. In Katar bestätigte der Verteidigungsminister den Treffer auf ein ­AN/FPS-132-Frühwarnradar mit bis zu 5.000 Kilometern Reichweite (Wert: rund 1,1 Milliarden Dollar). In Bahrain wurde eine Radaranlage bzw. ein Satellitenkommunikationssystem am US-Stützpunkt »NSA Bahrain«, dem Hauptquartier der fünften Flotte, getroffen. Die Folge: verkürzte Frühwarnzeiten, potentielle blinde Flecken im Abwehrnetz – weitere Anlagen könnten ins Visier geraten.

Was Iran derzeit zeigt, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Vorbereitung. Waffensysteme, Produktion und Kommandostrukturen wurden systematisch unter die Erde verlagert. Raketen starten aus Silos und Höhlen, mobile Abschussrampen wechseln ständig den Standort. Damit unterscheidet sich Iran deutlich von den exponierten, oberirdisch verwundbaren Infrastrukturen der Golfstaaten. Zudem dürften frühere Bewertungen der iranischen Arsenale zu niedrig gewesen sein. US-Schätzungen gingen von nur etwa 3.000 Raketen unterschiedlicher Reichweite aus – nach dem Zwölftagekrieg schätzten israelische Stellen das verbleibende Arsenal sogar auf nur noch 1.500 Raketen. Doch der Umfang des Raketeneinsatzes allein in den ersten zwei Tagen kann darauf hindeuten, dass die tatsächlichen Reserven größer sein könnten als bislang angenommen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf Gerkan aus Hannover (3. März 2026 um 13:15 Uhr)
    »Obwohl die Golfstaaten den USA ihre Basen offiziell nicht für Angriffe freigegeben haben, greift Iran nicht nur dortige US-Militäreinrichtungen, sondern auch zivile Ziele an, etwa Flughäfen in Dubai, Abu Dhabi und Kuwait oder die Häfen Jebel Ali (Vereinigte Arabische Emirate) und Duqm (Oman)«, das klingt ähnlich wie die amerikanische Strategie gegen Afghanistan nach dem WTC-Anschlag. Statt nur die Höhle zu bombardieren, in die sich der vorgeblich verantwortliche Osama bin Laden verkrochen hatte, wurde ein breit angelegter Krieg gegen die Talibanregierung geführt. Die jetzige iranische Reaktion ist demgegenüber sehr zurückhaltend und auf militärische bzw. militärisch nutzbare Infrastruktur begrenzt. Dass Osama bin Laden gar nicht der Chefplaner des WTC-Attentats war (sondern die in Pakistan lebenden Herren Khalid Sheikh Mohammed und Ramzi Binalshib), interessiert heute wohl kaum jemanden mehr, ebensowenig wie die logische Folge, dass die USA den Taliban eine Vorlage von Beweisen für die Schuld bin Ladens verweigerten. Bush Junior begnügte sich mit der Feststellung, dass – sinngemäß – die Beherberger von Terroristen genauso bombardiert werden sollten wie die Terroristen selber. Nach diesen amerikanischen Maßstäben (die man sich nicht zu eigen machen sollte) dürften auch die iranischen Angriffe auf zivile Flughäfen klar gerechtfertigt sein.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (2. März 2026 um 13:24 Uhr)
    Anders als im Irak unter Saddam Hussein, in Muammar al-Gaddafis Libyen, in Baschar al-Assads Syrien ist die Islamische Republik zwar autoritär, wird jedoch nicht von einer einzelnen Person beherrscht. Der Oberste Führer verkörpert ihr theokratisches Gesicht, zugleich agiert er in einem Gefüge, in dem mehrere, teils miteinander konkurrierende und sich überschneidende Machtzentren nebeneinander bestehen. Durch die Angriffe haben die Revolutionsgarden und die mit ihnen verbundenen paramilitärischen Milizen ihre Machtstellung gefestigt. Ebenso ist denkbar, dass die Hardliner innerhalb des Regimes durch amerikanische und israelische Angriffe erneut gestärkt werden. Eines steht fest: Die Zukunft des Landes wird im Innern entschieden. Die Geschichte lehrt, dass sich ein Regime nicht allein aus der Luft zu Fall bringen lässt. Israel und die USA mögen die Führung des iranischen Systems empfindlich geschwächt haben, doch ihr Einfluss auf die weitere Entwicklung bleibt eher sehr begrenzt.

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