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Aus: Ausgabe vom 18.03.2026, Seite 7 / Ausland
Iran-Krieg

Zensur in Tel Aviv

Kaum Informationen nach Vergeltungsschlägen auf Israel. Mutmaßungen über Netanjahus Verbleib. Mögliche Tötung von Irans Sicherheitsratschef Laridschani
Von Lars Lange
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Das Militär hat spätestens seit dem Sechstagekrieg Erfahrung im Zensieren (Tel Aviv, 12.3.2026)

Aus Israel dringt derzeit nur ein fragmentarisches Bild der Wirklichkeit nach außen. Siebzehn Tage nach Beginn der US-amerikanisch-israelischen Aggression gegen Iran hat die israelische Militärzensur die Informationslage so weit verengt, dass selbst akkreditierte Auslandskorrespondenten kaum noch in der Lage sind, das Geschehen vor Ort zuverlässig zu dokumentieren. Ein leitender Mitarbeiter eines internationalen Medienunternehmens sagte dem israelischen Investigativmedium +972 Magazine, die Behörden meldeten nach Angriffen häufig weder Einschläge noch Schäden – obwohl Ziele getroffen worden seien. Sein Urteil: Die Berichterstattung über diesen Krieg ist nicht wahrheitsgemäß.

Tel Aviv gibt derweil weiter an, Iran feuere Streumunition auf Israel ab. So berichtete etwa Associated Press unter Berufung auf »einen anonymen israelischen Militäroffizier«, die Hälfte der auf Israel abgefeuerten Raketen sei mit Streumunition bestückt. Diese ist international geächtet. Bekannt ist, dass Teheran Raketen vom Typ »Chorramschahr« einsetzt, die neben dem Hauptsprengkopf bis zu 80 weitere Raketen gezielt abwerfen können.

Nach einer Auswertung des Sicherheitsanalysten Ibrahim Dschalal, die den Stand vom 17. März um Mitternacht, erfasst, hat Iran seit Kriegsbeginn insgesamt mehr als 5.175 Projektile auf Ziele in der gesamten Region abgefeuert. Auf Israel entfielen dabei 310 Raketen und mehr als 530 Drohnen – rund 17 Prozent aller Angriffe. Wie groß der Schaden tatsächlich ist, lässt sich kaum beziffern – nicht zuletzt, weil Israel systematisch einschränkt, dass er dokumentiert wird. Das dem Armeenachrichtendienst unterstellte Militärzensurbüro verpflichtete Medien zur Vorabeinreichung aller Inhalte zu Einschlagsorten, Abfangraketenbeständen, Luftabwehrsystemen und operativen Schwachstellen. Diese Zensurvorgaben bestehen seit dem Sechstagekrieg 1967, werden im aktuellen Konflikt jedoch deutlich verschärft angewandt.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt der Fall von zwei CNN Türk-Journalisten. Als eine iranische Rakete am 3. März ihr militärisches Ziel und Splitter eine benachbarte Schule trafen, durfte nur über die Schule berichtet werden. Dafür, dass die Journalisten bei einer Liveübertragung auch das Militärhauptquartier in Tel Aviv filmten, wurden die beiden festgenommen. Und so liegt die offiziell bestätigte Zahl der Todesopfer in Israel bei rund 15 – angesichts der Informationslage ist sie kaum zu verifizieren.

Während Tel Aviv versucht, die Informationslage zu kontrollieren, kursieren in sozialen Netzwerken seit gut einer Woche Spekulationen über den Verbleib von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Ausgangspunkt war seine auffällige Abwesenheit: Seit dem 28. Februar ist Netanjahu nur noch per Videobotschaft aufgetreten, Berichte über verpasste Kabinettssitzungen – die indische Economic Times spricht von sieben in Folge – verstärkten die Gerüchte. Tel Aviv reagierte mit Gegenvideos. Ein am Sonntag erschienenes zeigt Netanjahu in einem Jerusalemer Café. Darin kommentiert er die Todesgerüchte trocken: Er sterbe gerade vor Verlangen nach Kaffee. Das Café Sataf bestätigte den Besuch mit Fotos auf Instagram. Weitere Videos folgten – ein Spaziergang durch Jerusalem, eine Nowruz-Grußbotschaft an das iranische Volk. Doch die Videos dämpfen die Spekulation nicht, zumal ein verschwindender Ring an Netanjahus Finger auffällig ist, ebenso wie eine Kaffeetasse, die sich trotz Trinkbewegung nicht leert. Der KI-Chatbot Grok hatte das Café-Video zunächst als hundertprozentig gefälscht bezeichnet – um in anderem Zusammenhang die Gerüchte als widerlegt darzustellen.

Derweil gab Israels »Verteidigungsminister« Israel Katz am Dienstag an, Sicherheitschef Ali Laridschani getötet zu haben. In Washington mehren sich unterdessen die kritischen Stimmen. So trat der Leiter des US-Terrorabwehrzentrums, Joseph Kent, aus Protest gegen den Iran-Krieg zurück. Iran habe keine unmittelbare Bedrohung für die USA dargestellt, schreibt Kent in einem auf der Plattform X veröffentlichten Brief an Präsident Donald Trump. Auch David Sacks, KI-Beauftragter des Weißen Hauses und einflussreicher Trump-Vertrauter, kritisierte den Verlauf des Krieges öffentlich. Er warnte, dass Israel und die Golfstaaten großflächig zerstört werden könnten, sollte der Krieg über Wochen oder Monate andauern. Sacks sprach auch offen die Gefahr eines israelischen Atomwaffeneinsatzes an.

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