Toxische Wolke über Teheran
Von Lars Lange
In Teheran ist es halb elf vormittags – doch draußen wirkt es, als wäre es Nacht. Auf der Waliasr-Straße, die den Norden und Süden der iranischen Hauptstadt verbindet, fahren Autos mit eingeschalteten Scheinwerfern, die Sonne verschwindet hinter einer Wand aus schwarzem Rauch. Etwa die Hälfte der Läden hat geöffnet, im Dunkeln. Stunden nach den Luftangriffen auf die Öldepots nahe der Millionenstadt am Sonntag brennen sie noch immer, wie France24 berichtete. Der Niederschlag, der auf Teheran fällt, ist »Ölregen«: Rückstände aus brennenden Treibstoffdepots, die sich mit den Wassertropfen vermischt haben.
Die Iranische Rothalbmond-Gesellschaft warnte die Bevölkerung, die Wohnungen wegen sauren Regens und toxischer Dämpfe nicht zu verlassen. Beim Verbrennen der Treibstoffe entstehen Benzol, Schwefeloxide und krebserregende Kohlenwasserstoffe, die tief in die Lunge eindringen können. Ebenso ist die Trinkwasserversorgung gefährdet: Der Ölregen spült die toxischen Stoffe in Oberflächengewässer und Böden.
Zur gleichen Zeit tritt Modschtaba Khamenei ein schweres Erbe an. In der Nacht zum Montag ernannte der Expertenrat den 56jährigen Sohn des getöteten Revolutionsführers zu dessen Nachfolger – die erste Erbfolge in der Geschichte der Islamischen Republik. Militärisch ist die Personalie jedoch kaum relevant: Mit dem Tod seines Vaters wurde die sogenannte dezentralisierte Mosaik-Verteidigungsdoktrin aktiviert, die die Befehlsgewalt auf 31 autonome Provinzkommandos der Iranischen Revolutionsgarde überträgt. Präsident Massud Peseschkian lieferte am Sonnabend unfreiwillig den Beweis: Sein Versprechen, Angriffe auf US-Militäreinrichtungen in den Nachbarstaaten einzustellen, sollte von dort nicht mehr auf Iran gezielt werden, wurde binnen Stunden gebrochen; seine Regierung räumte ein, dass die Streitkräfte dezentral und unabhängig handeln.
Das erklärt, warum die Angriffe weitergehen und an Reichweite sogar gewonnen haben. Als Reaktion auf die Bombardierung der Ölraffinerie im Süden Teherans sei das israelische Kohlekraftwerk Orot Rabin im Bezirk Haifa attackiert worden, erklärten die Revolutionsgarden am Sonntag. Das Kraftwerk stellt 19 Prozent der Stromkapazität des Landes, Stromausfälle wurden gemeldet. Tatsächlich hat Israel ein elektrisches Inselnetz: Wer die wenigen zentralen Großanlagen trifft, trifft das gesamte System. Iranische Raketen wurden zudem gegen Ziele in israelischen Städten eingesetzt: Ein direkter Einschlag in Haifa sowie drei Raketen auf das LNG-Terminal vor der Küste wurden berichtet. Israels Armee behauptete ferner, Teheran habe Streumunition über Tel Aviv eingesetzt. Auch die Angriffe auf US-Militäranlagen in der Golfregion gingen weiter. Getroffen wurden der Stützpunkt der fünften US-Flotte in Bahrain sowie die einzige große Ölraffinerie des Landes, Bapco. Am Montag wurden weitere Angriffe auf US-Militär im katarischen Al-Udeid, in Al-Dhafra (VAE), im irakischen Erbil sowie nahe des Flughafens Bagdad gemeldet.
Auffällig ist, wie präzise die iranischen Gegenangriffe trotz der eher begrenzten eigenen Satellitenkapazitäten sind. So liefert Russland Teheran offenbar Echtzeitzieldaten, darunter die Standorte von US‑Kriegsschiffen und Flugzeugen. Trotz tagelanger intensiver Bombardierung bleiben die nachweisbaren Verluste der iranischen Streitkräfte zudem gering. Die Datenbank Elmustek, die ausschließlich visuell bestätigte Verluste erfasst, zählt bislang zwölf beschädigte oder zerstörte Luftabwehrsysteme, sechs Radare, 28 Raketenwerfer und 16 Flugzeuge – gemessen am Gesamtarsenal marginal. Der Großteil des iranischen Militärgeräts scheint schlicht verborgen zu sein.
Dass die USA inzwischen auf ukrainische Hilfe zurückgreifen, ist ebenso bemerkenswert: Auf Anfrage schickt Kiew nun Spezialisten und Abfangdrohnen nach Jordanien, wie es am Montag bekanntgab. Der Haken: Die Ukraine braucht jede dieser Drohnen selbst – über den Winter feuerte Russland mehr als 19.000 Angriffsdrohnen auf ukrainische Städte. Unklar bleibt zudem, wie wirksam die ukrainischen Abfangdrohnen tatsächlich gegen die iranischen »Shahed«-Systeme sind. Ebenfalls am Montag verlegte die Türkei sechs F-16-Kampfjets und Luftabwehrsysteme nach Nordzypern. Kurz zuvor hatte Griechenland bereits vier F-16-Flugzeuge und zwei Fregatten auf den griechischen Teil der Insel verlegt – zwei NATO-Mitglieder mit Territorialstreitigkeiten stehen nun mit Kampfjets auf ein und derselben Insel. Dass Riad zudem in Luftbetankungsoperationen involviert ist, scheinen Transponderdaten saudischer Tankflugzeuge zu belegen.
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