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Kolumbien

Gefährliches Engagement

Kolumbien: Drei politische Aktivisten ermordet. Bereits mehr als 100 Tote in diesem Jahr

Von Sara Meyer, Bogotá
Foto: Luisa Gonzalez/REUTERS
Angehörige der afroamerikanischen Community in Kolumbien protestieren gegen politische Gewalt (Bogotá, 9.10.2024)

In Kolumbien wird durchschnittlich alle zwei Tage eine Person aufgrund ihres Engagements für das Gemeinwohl getötet. Sie sterben, weil sie sich für eine bessere Lebensqualität, eine saubere Umwelt oder soziale Gerechtigkeit einsetzen – etwas, was in anderen Teilen der Welt als selbstverständlich gilt. Die Morde ereignen sich landesweit, überwiegend jedoch in ländlichen Regionen, in denen der Staat häufig abwesend ist und bewaffnete Gruppen die Kontrolle ausüben.

Doch auch städtische Gebiete sind betroffen. Am 8. Oktober wurde Jaime Roncancio, Mitbegründer der Initiative »Breaking Borders«, in Bogotá getötet. Diese vor acht Jahren gegründete Initiative wollte das als gefährlich geltende Viertel Egipto im Stadtzentrum für Touristen zugänglich machen und dessen Geschichte erzählen. Nur drei Tage zuvor war in einem anderen Stadtteil von Bogotá der Leichnam des Menschenrechtsverteidigers Martín Emilio Rodríguez gefunden worden, der sich in Medellín für die Jugend engagiert hatte. Rodríguez war zudem Mitarbeiter im präsidialen Beratungsbüro für Menschenrechte. Der jüngste bekanntgewordene Mord betrifft Juan Diego Cubides, einen Aktivisten für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, wie das Institut für Studien zu Frieden und Versöhnung (Indepaz) am vergangenen Mittwoch mitteilte.

Auch die Zahlen des Instituts sind alarmierend: Allein im Jahr 2024 wurden demnach bereits 144 Aktivisten ermordet. Vom 1. Januar 2016 bis zum 31. August 2024 waren es insgesamt 1.420. Die Morde stehen in engem Zusammenhang mit dem Kampf illegaler bewaffneter Gruppen um territoriale Kontrolle. Die nationale Ombudsstelle fordert seit langem effektivere Maßnahmen, um der Gewalt entgegenzuwirken.

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Zusätzlich zu den Morden an politisch Aktiven stellen auch die gezielten Angriffe auf Unterzeichner des Friedensabkommens von 2016 eine ernsthafte Bedrohung für den Friedensprozess in Kolumbien dar. Das Abkommen, das die kolumbianische Regierung mit der ehemaligen FARC-Guerilla unterzeichnet hatte, sollte den langjährigen Konflikt beenden und den Weg für Versöhnung und Wiedergutmachung ebnen. Viele der ehemaligen Kämpfer, die freiwillig ihre Waffen niederlegten, engagieren sich heute für Frieden und den Wiederaufbau des Landes.

Doch die Bilanz ist erschreckend: Seit der Unterzeichnung sind mehr als 400 ehemalige FARC-Mitglieder aufgrund ihrer Vergangenheit ermordet worden – allein 25 im Verlauf dieses Jahres. Die gezielten Tötungen untergraben nicht nur die Bemühungen um Stabilität und Versöhnung, sondern setzen ein gefährliches Signal für den Umgang mit jenen, die sich zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft bereit erklärt haben. Der Schutz der ehemaligen Kämpfer ist somit entscheidend für die Glaubwürdigkeit und das Fortbestehen des Friedensprozesses. Neben den Einzelmorden finden regelmäßig Massaker an der Zivilbevölkerung statt. 2024 meldete Indepaz bereits 57 Massaker. Zuletzt wurden am 8. Oktober in der Stadt Barrancabermeja drei Männer von Bewaffneten überfallen, einer starb am Angriffsort, die anderen im Krankenhaus.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.10.2024, Seite 6, Ausland

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