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Aus: Ausgabe vom 20.03.2026, Seite 15 / Feminismus
Feminismus

Protest an der Urne

Kolumbiens Feministinnen haben sich bei ihrem Kampf für Frauenrechte am 8. März auf die Kongresswahlen fokussiert
Von Sara Meyer, Bogotá
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Nicht nett und folgsam, sondern laut und militant: Teilnehmende des Protestmarschs am Sonntag in Bogotá

In Kolumbien herrscht am 8. März gewöhnlich lebhaftes Treiben auf den Straßen. In den Metropolen wie Bogotá, Medellín und Cali verschmelzen dann die lila und grünen Halstücher, die sogenannten Pañoletas, zu einem Meer aus Protest und Forderung nach Gerechtigkeit. Doch in diesem Jahr war die Atmosphäre in den großen Avenidas eine andere. Die gewohnte Lautstärke der Megaphone wich einer Stille, die jedoch kein Zeichen von Rückzug war, sondern von strategischer Ausrichtung. Das lag daran, dass der Internationale Frauentag in diesem Jahr mit den Wahlen zum Kongress und den parteiübergreifenden Vorwahlen zusammenfiel. Dieses Jahr fand der Protest für viele Kolumbianerinnen daher an der Wahlurne statt.

Die Entscheidung der großen feministischen Kollektive, darunter des einflussreichen »Bloque ­Feminista«, war historisch: Um die Teilnahme an der Abstimmung nicht zu gefährden, wurde für eine Protestwoche mobilisiert. Die Demonstrationen fanden vom 2. bis zum 7. März statt, damit der eigentliche Wahltag ganz im Zeichen des demokratischen Rechts stehen konnte. In den sozialen Netzwerken verbreitete sich der Aufruf des Bloque Feminista wie ein Lauffeuer: »Wir Frauen haben die Verantwortung, dieses Recht auszuüben, für das so hart gekämpft wurde. Wir laden euch ein, mit euren lila Tüchern in die Wahllokale zu gehen – als Symbol des Widerstands.«

Die Wichtigkeit von Wahlen für Frauen ist in der kolumbianischen Geschichte begründet. Erst am 25. August 1954 gelang es ihnen unter der Diktatur von Gustavo Rojas Pinilla, nach Jahrzehnten des Kampfes das aktive und passive Wahlrecht durch eine Verfassungsreform zu erringen. Tatsächlich erfolgte ihre erste Stimmabgabe jedoch erst am 1. Dezember 1957 während eines historischen Plebiszits. Dass der 8. März dieses Jahr mit der Wahl zusammenfiel, verlieh dem Datum eine Ernsthaftigkeit und erinnerte an die Pionierinnen, die diesen Weg für Frauen geebnet haben.

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Auch nach dem für Frauen positiven Wahlausgang gibt es genügend Gründe für Protest

Die demographische Realität Kolumbiens unterstreicht, warum die weibliche Stimme Wahlen entscheiden kann: Mit etwa 27,27 Millionen Frauen gegenüber 26,39 Millionen Männern stellen Frauen nicht nur die Mehrheit der Bevölkerung, sondern das entscheidende Wählerpotential dar. Das schlug sich in den Ergebnissen 2022 nieder. Der Kongress der Republik weist seither eine Rekordbeteiligung auf: Von den insgesamt 295 Sitzen werden 85 von Frauen besetzt – das sind 31 Abgeordnete mehr als in der vorangegangenen Legislaturperiode. Damit stieg der Frauenanteil im Parlament von 19,7 Prozent auf beachtliche 29,2, ein Zuwachs von fast zehn Prozentpunkten.

Ein besonderes politisches Beben löste die Nachricht aus, die nur einen Tag nach dem Weltfrauentag die Schlagzeilen dominierte. Präsidentschaftskandidat Iván Cepeda von der bei den Kongresswahlen stärksten Partei, dem Linksbündnis »Pacto ­Histórico«, präsentierte seine Vision für die Zukunft des Landes: Er nominierte die indigene Politikerin und Menschenrechtsaktivistin Aída Quilcué als Vizepräsidentschaftskandidatin. Diese Entscheidung ist weit mehr als Taktik; sie ist die Anerkennung der intersektionalen Kämpfe in Kolumbien. Quilcué, eine erfahrene Verteidigerin der Rechte indigener Gemeinschaften, verkörpert den Widerstand gegen Gewalt und die Forderung nach territorialer Selbstbestimmung. Ihre Nominierung am Tag nach den Feierlichkeiten zum 8. März signalisierte, dass die Zeit, in der Politik über die Köpfe von Frauen und ethnischen Minderheiten hinweg gemacht wurde, endgültig vorbei zu sein scheint.

Während die großen Märsche am Wahltag ausblieben, verwandelte die Stadtverwaltung von Bogotá unter der Leitung des Frauensekretariats den gesamten März in einen »Frauenmonat«. Im Rahmen der offiziellen »Politik zur Gleichstellung der Frauen« (2020–2030) verwandelte sich die Hauptstadt im März in ein Zentrum für Empowerment. In Parks wie ­Pablo VI. und Bosque de Hayuelos präsentierten mehr als 50 Unternehmerinnen des Programms »Hecho en Bogotá« (in Bogotá gemacht) ihre Arbeit, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen zu fördern.

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In kleinen Schritten: Auch nach dem für Frauen positiven Wahlausgang gibt es genügend Gründe für Protest

Die kulturelle Landschaft Bogotás zog nach: Das Kulturkino Cinemateca präsentierte die Filmreihe »Cine en voz de mujer« (Kino mit der Stimme der Frau), während im Parque de los Novios literarische Aktivitäten stattfanden, um das Schreiben von Frauen im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Ein zentrales Thema der städtischen Agenda ist zudem die Mobilität. Da laut Umfragen nur 24 Prozent der Fahrradwege von Frauen genutzt werden, setzt Bogotá auf eine inklusive Fahrradpolitik. In diesem Kontext spielt die Stadträtin Quena Ribadeneira eine Schlüsselrolle. Als prominente Stimme im Stadtrat setzt sie sich vehement für die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum ein. Ribadeneira betont immer wieder, dass das Fahrrad ein Werkzeug der Freiheit ist, dessen Nutzung für Frauen jedoch oft durch Unsicherheit und Belästigung erschwert wird. Ihr Ziel ist es, die weibliche Bevölkerung »in Bewegung zu setzen« und die Infrastruktur so zu gestalten, dass Frauen sich ohne Angst durch die Stadt bewegen können.

Dieser 8. März in Kolumbien war leiser auf den Straßen, aber kraftvoller in den Institutionen. Er markierte den Übergang von der rein symbolischen Forderung hin zur aktiven Gestaltung der Machtverhältnisse. Zwischen der Unterstützung lokaler Unternehmerinnen in den Parks, dem Kampf für sichere Radwege durch Politikerinnen wie Quena ­Ribadeneira und der historischen Chance, nach Francia Márquez, Kolumbiens erster schwarzer Vize­präsidentin, eine indigene Frau in diesem Amt zu sehen, hat das Land bewiesen: Feminismus findet nicht mehr nur am Rand statt – er ist das Herzstück der neuen politischen Realität. Die Gründung des Ministeriums für Gleichheit und Gerechtigkeit im Juni 2023 war dabei nur der konsequente Schritt einer Bewegung, die am Wahltag ihre Stärke entfaltet hat. Am Sonntag strömten dennoch Tausende auf die Straßen, um den großen Marsch nachzuholen und sich damit nicht zufrieden zu geben.

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