Urlaub mit Exguerilleros
Von Sara Meyer, Bogotá
In einem Backsteinhaus mit weißen Fenstern in der Hauptstadt Kolumbiens, der »Casa de la Paz« (Haus des Friedens), wurde am Freitag ein Schritt für den Frieden unternommen. Mit »Huellas« (»Fußabdrücke« oder »Spuren«) präsentierten ehemalige Guerillakämpfer in Bogotá eine neue Tourismusmarke, die auch zur Versöhnung und Bildung zum bewaffneten Konflikt beitragen soll. Fünfzehn Unterzeichner des Friedensvertrags zwischen der FARC-Guerilla und dem kolumbianischen Staat von 2016 haben sich in der Initiative zusammengeschlossen. Die Idee hinter »Huellas« ist auch, Beschäftigungsmöglichkeiten für Personen in abgelegenen ländlichen Gegenden zu schaffen. Davon sollen nicht nur die ehemaligen Kämpfer, sondern mehr als 300 Personen, die Opfer des bewaffneten Konflikts wurden, profitieren.
»Über den Krieg zu sprechen ist nicht einfach«, sagt Doris Suárez Guzmán. Die ehemalige Kämpferin der marxistischen FARC-EP ist heute Unternehmerin: Sie leitet die Casa de la Paz. Suárez sieht in der Initiative die Möglichkeit, »das soziale Gefüge durch den Tourismus wieder aufbauen« zu können. In sieben Departamentos, die vom jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt besonders betroffen waren, wollen Betroffene den Touristen von ihren Kriegserfahrungen – ob als Opfer, Kämpfer oder beides – berichten. Damit soll nationalen und internationalen Gästen auch die Angst genommen werden, Gebiete zu bereisen, die lange Zeit als unzugänglich galten.
Mit Hilfe lokaler Universitäten wurden die Erfahrungen der Zeitzeugen für diesen Erinnerungs- und Friedenstourismus aufbereitet. Sie sollen genutzt werden, um den Dialog über die Vergangenheit auf sensible Weise möglich zu machen. Ziel ist außerdem, dass diejenigen, denen während des Konflikts Gewalt zugefügt wurde, nicht mehr nur als Opfer, sondern als aktive Akteure gesehen werden, die ihre Regionen aus einer völlig neuen Perspektive zeigen. Doch das zu erreichen ist schwierig, sagt Marie Witzel, Leiterin der deutschen Sektion des Tourismusvereins V Social. Sie hat den Aufbau von »Huella« in den vergangenen zwei Jahren begleitet und benennt die größte Hürde: Viele der Gegenden seien aufgrund ihrer Geschichte aktuell noch nicht »die Nummer-eins-Orte, in die man reisen will«.
Eine, die diese Gebiete von innen kennt, ist Jiménez. Die ehemalige FARC-Kämpferin stammt aus dem Departamento Caquetá im Süden des Landes. Sie betont die Eigenständigkeit der Initiative: Die Projekte seien »ganz alleine aus der Gemeinschaft entstanden«. Der Tourismus wäre »ein wichtiges Instrument, um über Erinnerung und Frieden zu sprechen«, warb sie. Diego, der ein Projekt in den Bergen von Caquetá leitet, möchte die menschliche Seite ländlicher Gemeinschaften zeigen. Er betont, dass die Landbevölkerung in Regionen wie Caquetá oft stigmatisiert wird – auch wegen der mit solchen Provinzen assoziierten Gewalt. Mit dem Projekt wolle er vermitteln, dass die Bewohner nur um Menschen sind, »die weinen und lachen«. Sein Ziel ist es, das »Stigma der Unsicherheit« Caquetás endlich aufzubrechen. »Der Konflikt betraf ganz Kolumbien«, erinnert er – egal, ob Stadt oder Land.
Das gastronomische Herz des »Hauses des Friedens« verkörpert Tanja. Die Afrokolumbianerin aus der Pazifikstadt Tumaco erklärt, wie sie Menschen durch Traditionen vereinen möchte: »Wir machen nur traditionelles Essen, eigene Gerichte aus der afrokolumbianischen Gemeinschaft.« Für sie ist auch die Küche ein Friedensangebot: Mit Gewürzen aus dem Pazifik und Viche bringt sie den Geschmack der marginalisierten Regionen direkt in die Hauptstadt Bogotá und verbindet so das urbane Leben mit dem Land.
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