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Literatur

Aus dem Tagebuch eines Wolfsjungen

»Waterfront Journals«: David Wojnarowiczs Porträt der USA aus der Gossenperspektive

Foto: Moebius/Avant Verlag

David Wojnarowicz hat kein Glück mit seinen Eltern. Die viel zu junge Mutter vernachlässigt ihre Kinder. Der Vater, ein ehemaliger Seemann mit polnischen Wurzeln, säuft, spielt und prügelt. Die Eltern lassen sich früh scheiden, die drei Geschwister werden herumgereicht, leben mal beim Vater und seiner neuen Familie, dann bei der überforderten Mutter, kommen schließlich zu Pflegeeltern. Missbrauch könnte auch im Spiel gewesen sein. Ein bisschen Legendenbildung gehört dazu, um den Marktwert zu erhöhen. In der Kunstszene trägt man seine eigene Haut zu Markte, das hat Wojnarowicz früh gelernt.

Als Teenager macht er seine Mutter in New York ausfindig und kehrt zurück zu ihr. Mehr oder weniger. Immer wieder reißt er aus, lebt auf der Straße und geht auf dem Times Square anschaffen. Wojnarowicz ist schwul, nimmt Drogen und verdingt sich jahrelang als Stricher, trotzdem beendet er irgendwie die High School of Music & Art in Manhattan und findet Anschluss an die Avantgardekunstszene von East Village. Er probiert sich aus, collagiert Bilder, sprüht Graffiti, foto­grafiert, dreht wild-degoutante, »transgressive« Super-8-Filme und spielt in der Punkband 3 Teens Kill 4. Er schreibt daneben auto­biographische ­Texte, in denen er seine Kindheit literarisch verarbeitet, aber eben auch seine Zeit als teilnehmender Beobachter am Straßenrand der Gesellschaft.

Als sein Liebhaber und späterer Mentor, der Fotograf Peter Hujar, 1987 an AIDS stirbt, wie so viele aus ihrem Kreis, widmet Wojnarowicz sich und seine Kunst vornehmlich dem Aktivismus und wird zu einem der schillerndsten und schärfsten Kritiker der US-Gesundheitspolitik unter Reagan, die das Massensterben in der Gay Community anfangs verharmlost und als eine Art »Strafe Gottes« billigend in Kauf zu nehmen scheint. Als Streiter für die Rechte der Infizierten spielt er dann auch neben Keith Haring und Allen Ginsberg eine Hauptrolle in Rosa von Praunheims einflussreichem Dokumentarfilm »Silence = Death«.

Auch Wojnarowicz stirbt 1992 an AIDS. Fünf Jahre nach seinem Tod hat Grove/Atlantic Press sein ursprünglich 1978 als fotokopiertes Heft und 1982 dann beim Indie-Verlag Aloes Books erschienenes Debüt »Sounds in the Distance« noch einmal neu aufgelegt unter dem Titel »Waterfront Journals«, es erscheint jetzt erstmals in deutscher Übersetzung. Die deutsche Ausgabe schweigt sich aus über die Publikationsgeschichte. Ein paar editorische Notizen, etwa auch zu eventuellen Eingriffen der Herausgeberin Amy Scholder, hätten nicht geschadet.

Die »Waterfront Journals« sind ein kollektives Tagebuch der Outsider-Szene, eine Sammlung von Monologen, mit denen Wojnarowicz den Prostituierten und Ausreißern, Hobos und Schwulen eine Stimme verleiht. Die einzelnen Geschichten lesen sich beinahe wie Transkriptionen eines mündlichen Vortrags – oder sollen sich doch zumindest so lesen. Die Erzähler nutzen ein kolloquiales, von Slang und Gosse aufgerauhtes, scheinbar ­aliterarisches Idiom. Dahinter steckt natürlich ästhetisches Kalkül. Wojnarowicz erzählt die Geschichten der Straße, und das geht nur authentisch im Jargon der Straße, den Marcus Gärtner übrigens mit Verve ins Deutsche übertragen hat. Man hat ihm vorgeworfen, seine Diktion sei etwas anachronistisch, aber das muss ja auch so sein, dieses Buch stammt schließlich aus den Siebzigern. »Siehst du«, erzählt ein melancholischer Trucker, »da passiert so was im Leben, und die Leute wollen nur noch weg von allem und jedem. Die wollen überhaupt nirgendwo mehr arbeiten … ertragen andere Leute auf Dauer gar nicht mehr … ziehen einfach weiter, wenn es zu kompliziert wird … von einer Stadt zur anderen, und immer eine ­Pulle Wein dabei … mehr nicht … denen geht alles am Arsch vorbei … die haben komplett abgeschlossen mit ihrer Vergangenheit … das Leben ist für die ne totale Nullnummer, und was sie davon halten, zeigen sie, indem sie selbst Nullen werden … ohne Ziel, ohne Zweck …«

Wojnarowicz romantisiert das Milieu nicht. Im Gegenteil, seine Protagonisten beschreiben immer wieder die Gewalt in den Parks und Hinterhöfen, die physische und psychische Derangiertheit der Kunden, ihre animalische sexuelle Gier, die Amoralität und Skrupellosigkeit, die nötig sind, um auf der Straße zu überleben, und nicht zuletzt eine große Einsamkeit und Desillusionierung, denn für die wenigsten gibt es einen Ausweg aus der Misere – anders als für den Autor, der schließlich in der New Yorker Kunst- und Dickdenkerszene unterkommt.

Doch inmitten all der humanen Abgründe gibt es eben auch kleine Momente der Wärme und Empathie. Die sind allerdings so selten, dass sie nicht als Hoffnungsschimmer taugen, sondern die Kaputtheit dieser Existenz eher noch bestätigen. »Heute nachmittag saß ich hier und schaute den Prostituierten auf der anderen Straßenseite zu, da ist eine aus ihrem Hauseingang gekommen und hat diesen kleinen Kerl mit der Gitarre an der Hand genommen, der war gerade aus irgendeinem Lkw aus Arizona geklettert, ganz sacht hat sie ihn an der Hand genommen, wie wenn er ein Kind am ersten Schultag wäre, und dann sind sie zusammen die Straße runter zum Hotel gelaufen, er mit der Gitarre in der Hand, ohne Koffer, als ob er quer durchs Land ununterbrochen spielen würde, und jetzt würden sie in einem quietschenden Bett in einem Dreckshotel landen, wo ihn jemand mal ein bisschen im Arm halten würde, und wenns nur zehn Minuten wären, weißt du … hat mich irgendwie traurig gemacht, denn so ist es ja … es ist nie mehr als so eine kleine Geschichte … und wenn es mehr wird … dann ist jeder Versuch, dein Leben in Form zu bringen, eh sinnlos … Sinn macht ja nie was …«

Die letzten beiden Geschichten haben einen etwas anderen Ton. Wojnarowicz erzählt von sich und bedient sich hier einer stärker amplifizierten, poetisch durchgearbeiteten Sprache. Sie sind auch reflexiver. Er beschreibt hier nicht nur seinen schwulen Alltag, sondern sinnt auch über seinen Platz in der Gesellschaft nach. »Wohin ich unterwegs bin, ist mir immer noch nicht klar; ich habe beschlossen, dass ich weder verrückt noch fremd bin. Es ist nur eben so, dass ich wie eines dieser Kinder bin, die man tief im Dschungel oder in den Wäldern Indiens findet. Ein Wolfskind. Und sie haben mich in diese beschissene Schizokultur gezerrt, ich habe gefaucht und gespuckt und bin auf zusammengekrampften Knöcheln gelaufen. Sie wollen mir eine feuchte Matratze in der Ecke zum Schlafen geben, dabei möchte ich nur das derbe Aroma irgendeines Kerls, in dessen pelzige Unterarme und Schoß ich mich kuscheln kann. Ich werde kehlige Töne ausstoßen, das Essen und Trinken einstellen und innerhalb eines Jahres nicht mehr am Leben sein. Meine Augen sind schon immer Reklametafeln für einen frühen Tod gewesen.«

Wojnarowicz skizziert hier ein Porträt der durch und durch maroden USA. Es gibt kaum ein überzeugenderes Verfahren, um mit dem amerikanischen Aufstiegsoptimismus, dem ideologischen Klebstoff dieses kaputten Landes, kurzen Prozess zu machen, als den »Abschaum« der Gesellschaft zum Sprechen zu bringen. Der bürgerliche Kulturbetrieb weiß schon genau, warum er die Gossenperspektive gern aus der Literatur verbannt.

Auch das vom Studio-54-Hype etwas zu rosarot gefärbte Bild der schwulen New Yorker Subkultur in den Siebzigern bekommt in den »Waterfront Journals« ein paar Grautöne beigemischt. Wer sich an die zivilisatorischen Fortschritte unserer Zeit erinnern lassen will, jedenfalls was die Toleranz gegenüber Homosexualität angeht, und immer noch eine Warnung vor den Folgen braucht, wenn sich der Wind mal wieder dreht, findet sie in diesem Buch.

David Wojnarowicz: ­Waterfront Journals. Aus dem amerikanischen Englisch von Marcus Gärtner. ­Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025, 187 Seiten, 23 Euro

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 5, Feuilleton

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