Ja, geht denn der Joint niemals aus?
Von Frank Schäfer
Die Stoner-Szene muss sich schon seit geraumer Zeit mit dem bösen Gerücht auseinandersetzen, es passiere nicht viel Neues mehr unter der heißen Wüstensonne. Völlig falsch ist das nicht, aber damit auch noch nicht richtig. Wie immer, wenn sich Subgenres voll etabliert und gewisse ästhetische Merkmalskombinationen durchgesetzt haben, Riffpfade entsprechend ausgetreten sind, meinen schwerhörige Menschen oft, alles schon zu kennen. Das war schon in den frühen Tagen des Metal so. Egal, wen ich da aus dem Hut zauberte, Accept, Judas Priest, Saxon, es gab immer irgendwelche Blues-Connaisseurs oder New-Romantic-Fachfrauen, die einem jegliche Illusionen nahmen. »Klingt ja wie AC/DC!«
Crossover-Experimente sind bekanntlich eine probate Maßnahme, ein bisschen Unordnung zu stiften, und oftmals finden so an der Peripherie Innovationen statt, die irgendwann ins Zentrum rücken. Nur bereitet die Beurteilung mitunter Schwierigkeiten. So geht es einem jedenfalls mit dem italienisch-serbischen Multikultiquartett Litania, das seinen klobigen, aber melodisch bisweilen gar nicht unebenen Doom-Riffs indische Folkloreharmonien aufpfropft. Elisa De Munari ätherischer Gesang und ihr klassisches Instrumentarium (Sitar, Dilruba und Tanpura) geben dem Ganzen eine esoterische Schlagseite, so Richtung Ausdruckstanz in wallenden Gewändern. Es klingt unorthodox, ist nicht ohne Reiz, aber so richtig traut man diesem transzendentalen Mummenschanz nicht über den Weg.
Ich erinnere an Ravi Shankar beim Concert for Bangla Desh. Als der seine Sitar zu zupfen begann, ging die Menge sofort steil. Shankar reagierte ziemlich überrascht. »Ich hoffe, ihr mögt mein Spiel genauso gern wie das Stimmen meines Instruments.« Damit hatte er das Problem auf den Punkt gebracht, abendländische Ohren hören das Exotische, aber nicht die strukturellen Feinheiten des Raga.
Das Doom-Urviech Scott »Wino« Weinrich hat in Kollaboration mit dem deutschen Country-Folk-Schwarzkünstler Conny Ochs leichter zu goutierende Crossover-Alben geschaffen – zumindest für die westliche Welt. Sein neues Solowerk »Create or Die« steht abermals zwischen den Stühlen und Genres, versammelt ursprünglich akustische Songs, die Wino teilweise nachträglich elektrifiziert hat. Man hört selbst den heavy Nummern ihre Lagerfeuerherkunft durchaus noch an, sie sind locker aus dem Handgelenk geschrammelte, ruppig intonierte Doom-Folk-Rocker, die mitunter ein bisschen an Neil Young erinnern, wenn der mit Crazy Horse voll aufdreht. Aber das Feuer ist hier heruntergebrannt, die anderen Gäste sind längst gegangen, und kein Stern steht am Himmel. Wino singt trotzdem weiter, um die Schwärze der Welt zumindest im Song einigermaßen in Schach zu halten.
Erfreulicherweise erweisen jetzt mehr Frauen dem Genre die Ehre, und zwar längst nicht mehr nur am Mikro. Ihre Anverwandlungen des Markenkerns sorgen mitunter für neue Impulse. Das Duo Friendship Commanders aus der Country-Hochburg Nashville zum Beispiel flüchtet regelmäßig nach Salem, Massachusetts, um mit Kurt Ballou in dessen God City Studio zu arbeiten. Brennen muss Salem! Tatsächlich fackeln die beiden auf »Bear« zehn intrikate Stoner-Grunge-Piecen ab. Die als Solokünstlerin grammyprämierte Sängerin und Gitarristin Buick Audra ist das musikalische Gehirn der Band, sie schüttelt famose Hooks aus dem Ärmel und mörtelt darunter alles zu mit ihrer Fuzz-Gitarre, Jerry Roe am Schlagzeug, Bass und Synth rührt zusätzlichen Beton an. Instrumental passiert hier nicht viel, solistisch gleich gar nichts, es sind die famosen Gesangsmelodien, die in Audras lieblicher, passionierter, immer wieder mit sich selbst im Duett singender Stimme den adäquaten Ausdruck finden. Sie klingt wie die jüngere Cousine von Lee Aaron, die nach ihrem Anthropologiestudium in besetzten Häusern lebt.
Friendship Commanders sind gerade in den USA als Koheadliner mit Temptress unterwegs. Das Trio aus Dallas lässt die schwarze Schlacke sprudeln. Ihr liquides Gemisch aus Stoner, Doom und Post-Metal überzeugt durch unbeschwerte Spielfreude, die stets den Vorzug erhält vor technischer Raffinesse. Schlagzeugerin Andi Cuba spielt schön rudimentär, Kelsey Wilson an Gitarre und Mikro ist eine abgefeimte Pragmatikerin und der Quotenmann am Bass, Christian Wright, passt da voll rein. Ihr aktuelles Album »Hear« versprüht Energie und beschwört eine ganz eigene Atmosphäre herauf. Ihre instrumentale Rabaukinnenhaftigkeit bekommt eine astrale Aura durch den fragilen, feenhaften Gesang, der aber nicht völlig in verführerischem Schönklang aufgeht. Auch Märchen können bekanntlich böse enden. Die Doom-Elegie »Be Still« mit ihren somnambulen Melodien gehörte jedenfalls auf meine Monatsbestenliste, wenn ich so eine hätte.
Auch das ursprünglich aus Portland stammende, mittlerweile in Los Angeles beheimatete All-female-Quartett Blackwater Holylight verbindet auf spannungsvolle Weise stilistische Gegensätze. Sphärisch wabernde, immense Hallräume einnehmende Gothic-Psych-Nebel werden hier immer wieder geerdet von klobigen, brutzelnden Doom-Riffs. Sunny Faris’ zierlicher, bisweilen an New-Age-Folkies wie Enya erinnernder Traumgesang scheint sich fast zu verlaufen im mythischen Elfenland, doch dann fräst Mikayla Mayhew mit ihrer Fuzz-Gitarre eine Schneise hinein, um den Blick wieder freizumachen für die profane Realität. Es ist eigentlich ein simples Konzept aus Kontrasten, das sich auf ihrem vierten vollwertigen Album noch nicht abgenutzt hat. Das liegt daran, dass den vier melodisch so schnell nicht die Ideen ausgehen. Und dass hier nichts, aber auch gar nichts, das darf ich mit großer Ernsthaftigkeit vermelden, wie AC/DC klingt.
Litania: s/t (Heavy Psych/Subsound)
Wino: »Create or Die« (Ripple)
Friendship Commanders: »Bear« (Magnetic Eye)
Temptress: »Hear« (Blues Funeral)
Blackwater Holylight: »Not Here Not Gone« (Suicide Squeeze)
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