In der Dunkelkammer
Von Sabine Matthes
Lee Miller lebte den Surrealismus. Wandlungsfähig wie ein Chamäleon rebellierte sie gegen die Konventionen. Schön, talentiert, experimentierfreudig, beseelt von wildem Freiheitsdrang, furchtloser Neugier und Mut setzte sie sich auf der Achterbahn der Geschichte in den vordersten Wagen, um die kreativen Höhen genauso wie die Abgründe des letzten Jahrhunderts mitzuerleben. Vom Glamour der New Yorker Modewelt zur künstlerischen Avantgarde in Paris, über Kairo und London in die Hölle des Zweiten Weltkriegs. Die Tate Britain in London zeigt noch bis Mitte Februar mit etwa 250 Abzügen in elf chronologischen Kapiteln die poetische Vision und den rastlosen Geist der brillanten Fotografin und Zeitzeugin.
1907 in Poughkeepsie, New York, »geboren und aufgewachsen quasi in einer Dunkelkammer« (Miller über Miller), posierte sie schon als Kind für ihren Vater, einen passionierten Amateurfotografen. Mit 19 Jahren entging sie in Manhattan nur knapp einem Autounfall – ihr zufälliger Retter war der Verleger Condé Montrose Nast, u. a. Herausgeber der Vogue, der ihr spontan einen Vertrag als Fotomodel anbot. Aus »Elisabeth« wurde »Lee« Miller. Der Beginn ihrer ersten Karriere, als Model in New York.
In Vogue erschien sie nicht nur vor, sondern ab den 30ern auch zunehmend hinter der Kamera. Als Miller im Sommer 1929 nach Paris ging, stellte sie sich mit einem Empfehlungsschreiben von Edward Steichen bei Man Ray als dessen neue Schülerin vor. Sein anfängliches Nein akzeptierte sie nicht als Antwort. Aus dem Arbeits- und späteren Liebesverhältnis der beiden entstanden ikonische Kunstwerke. Und die Wiederentdeckung der Solarisation, die verfremdende Nachbelichtung in der Dunkelkammer. Wie die Pariser Surrealisten war Lee Miller fasziniert vom Zufall – der Kraft des Unerwarteten und Unheimlichen, von Traum und Schlaf und unkonventionellen erotischen Begierden. Als Nebenbeschäftigung dokumentierte sie Operationen für eine Pariser Klinik. Sie ließ sich zwei amputierte Brüste geben, drapierte sie jeweils auf einem Teller neben Messer und Gabel und fotografierte diese Stilleben. Mit Spiegelungen und Schatten, ungewöhnlichen Gegenüberstellungen, Blickwinkeln und Ausschnitten verwandelte Miller Alltagssituationen auf den Straßen von Paris in eine fremdartige Welt seltsamer Schönheit. In Jean Cocteaus Film »Das Blut eines Dichters« (1930) spielte sie eine armlose Statue, die lebendig wird. »Versuche weiter, in den Spiegel zu gehen«, fordert sie einen Dichter auf, um dort eine andere Welt zu entdecken.
1932 kehrte sie nach New York zurück und verlagerte ihr bisheriges Studio von Montparnasse nach Manhattan. 1934 heiratete sie den reichen ägyptischen Geschäftsmann Eloui Bey, das Paar zog nach Kairo. Nach anfänglicher Erschöpfung und Abkehr von der Fotografie reiste sie 1935 nach Jerusalem, eine kreative Neuerweckung. Die nächsten vier Jahre führte ihre Abenteuerlust sie nach Syrien, Palästina, Libanon, Zypern, Rumänien und Griechenland. Bei Expeditionen in die ägyptische Wüste entstanden berühmte Bilder wie »Portrait of Space« (1937). Eine Reise nach Paris im Sommer 1937 wurde zu einem weiteren bedeutenden Wendepunkt. Lee Miller begegnete dem surrealistischen Künstler Roland Penrose, »Verändert und glühend und erneuert« kehrte sie nach Ägypten zurück. Gab surrealistische Soireen, machte Pläne mit der linken ägyptischen Surrealistengruppe »Art et Libertè« (1938–1948), die sich mit den verfolgten Künstlern des Naziregimes solidarisierte. Gleichzeitig wuchs ihre künstlerische Bekanntheit in London. 1939, kurz vor Ausbruch des Krieges, reiste sie für ein neues Leben mit Penrose nach England.
Zwischen September 1940 und Mai 1941 bombardierte die Deutsche Luftwaffe London. Geschätzte 40.000 Zivilisten kamen ums Leben, jeder sechste in der Acht-Millionen-Stadt wurde obdachlos. In der unwirklichen Szenerie der Ruinenstadt plazierte sie Modelle mit extravaganten Hüten, wie in einem Science-Fiction-Film. Als die Büros der britischen Vogue in der Bond Street im September 1940 bombardiert wurden, wollte man mit dem Aufruf »Here is Vogue, in spite of it all!« mit Millers Fotos der Zerstörung Zuversicht signalisieren – so wie es die britische Regierung auch von Frauenzeitschriften erwartete, um die Moral des Landes – den »Blitz Spirit« – hochzuhalten.
»Es scheint ziemlich albern, weiter für eine frivole Zeitschrift wie Vogue zu arbeiten«, schrieb Lee Miller an ihre Eltern und war frustriert, weil sie nicht näher an der Front war. Im Dezember 1942 wurde Miller akkreditierte US-Kriegsberichterstatterin für die Vogue. Sie musste aber bis Juli 1944 warten – nach dem D-Day, der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 –, bis Frauen als Berichterstatterinnen endlich in Kriegsgebiete (jedoch nicht an die Front) gelassen wurden. Sie überzeugte Audrey Withers, die verantwortliche Redakteurin der britischen Vogue, sie in die Normandie zu schicken. Nach »Unarmed Warriors«, ihrem Artikel über Armeekrankenschwestern in einem Feldlazarett am »Omaha Beach« für Vogue im September 1944 erlaubte ihr Withers, dem Vormarsch der Alliierten in Frankreich und Deutschland zu folgen. Was sie gemeinsam mit dem Time Life-Fotografen David E. Scherman dann auch tat. In ihrer Reportage über die Belagerung der Festung Saint-Malo hielt sie einen der ersten Einsätze von Napalm fest.
Der schwarze Humor des Surrealismus und die Ironie in Millers Worten und Bildern wirkten anfangs wie ein Schutzschild gegen den Irrsinn der Realität. Aber je tiefer sie jenseits des Kanals in die Hölle Europas vordrang, um so mörderischer, zermürbender, verzweifelter, hasserfüllter wurde die Arbeit. Mitte April 1945 wurde sie Zeugin der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, dokumentierte die Leichenberge und das Elend der Überlebenden. Zwei Wochen später, am 30. April, kam sie zum KZ Dachau, dessen Überlebende einen Tag vorher befreit worden waren. Fotos von verhungerten Gefangenen, ungläubige GIs vor ausgemergelten Leichen in Viehwaggons, aufgeschichtete Skelette. »Believe it«, »Ich flehe euch an zu glauben, dass dies wahr ist«, kabelte Miller verzweifelt an die Redaktion in London, als angesichts der Monstrosität der Verbrechen bereits Gerüchte eines Schwindels zirkulierten. Wohlgenährte SS-Monster flehten ihre hohlwangigen Opfer um Gnade an, wurden geschlagen, erhängt, ertränkt, begingen Selbstmord. Am Abend, nachdem Scherman und Miller die Greuel in Dachau dokumentiert hatten, fuhren sie nach München, wo sie mit dem 179. Regiment der 45. Division der US-Army in Hitlers Wohnung am Prinzregentenplatz 16 wohnten. Sie nahmen das erste warme Bad seit langem, wuschen sich den Dreck von Dachau ab, fotografierten sich gegenseitig in Hitlers Badewanne – die Uniform auf einem Schemel, die dreckigen Armeestiefel vor der gekachelten Wanne – am selben Tag beging Hitler in Berlin Selbstmord.
Auf die Frage, wie Miller das alles durchgestanden habe, antwortete ihr Kollege Scherman: »Sie war voll von eiskalter Wut.« Im Juni 1945 erschien in der Vogue ihr Artikel »Germans Are Like This«. In dem bissigen Text schwingt ihre ganze Verachtung der Deutschen mit: »Sie waren abstoßend in ihrer Unterwürfigkeit, Freundlichkeit und Heuchelei. Ich wurde ständig beleidigt von schleimigen deutschen Essenseinladungen …«, als könnten sie sich »in den ungelüfteten Gassen ihrer Gehirne« nicht vorstellen, dass die »geblitzten« Londoner und misshandelten Kriegsgefangenen nicht ihre Freunde gewesen waren. Dem Foto wohlgenährter deutscher Kinder stand das von verbrannten Knochen verhungerter Gefangener gegenüber.
Lee Millers Kriegsfotos gingen um die Welt und machten die grausame Wahrheit bekannt. Zurück in England heiratete sie 1947 Roland Penrose, gebar ihren Sohn Antony (dem späteren Herausgeber ihrer wiederentdeckten Kriegsreportagen) und entwickelte eine neue Passion für experimentelle Kochkunst. Die Kriegszeugnisse verbannte sie auf den Dachboden wie böse Geister.
»Lee Miller«, Tate Britain, London, noch bis 15. Februar
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