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Aus: Ausgabe vom 09.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Fotografie

Das zufällige Glück des Gelingens

»Freudensprünge und andere Begegnungen«: Eine Ausstellung der großen Porträtfotografin Angelika Platen in Braunschweig
Von Frank Schäfer
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Angelika Platen: »Sigmar Polke – Mitten in der Luft« (1971)

»Die Sechziger und Siebziger waren eine schreckliche Zeit!« Angelika Platen schimpft zwischen Amüsiertheit und Empörung beim Rundgang durch ihre Ausstellung »Freudensprünge und andere Begegnungen« und erzählt dann auch noch eine exemplarische Anekdote. »Ich hatte mir damals zu einer Vernissage einen violetten Hosenanzug gekauft, todschick sah der aus, aber der Wärter am Eingang meinte nur: ›Hier kommt keine Frau in einer Hose rein.‹« Sie selbst hatte die Ausstellung kuratiert.

Nach ihrem Fotografiestudium arbeitet Angelika Platen zunächst als Bildjournalistin für Magazine und Zeitungen. Ihre intellektuelle Heimat und ihr Lieblingssujet ist die internationale Kunstszene. Schon ihre erste Fotoausstellung im Jahr 1969 heißt »Künstler sind auch nur Menschen«. Eine Weile redigiert sie dann in der Zeit die Rubrik »Kunst als Ware«, bis 1972 der Sammler und – wie er sich selbst gerne nannte – »Playboy« Gunter Sachs sie als Leiterin seiner legendären »Galerie an der Milchstraße« engagiert. In diesen Jahren entstehen Hunderte von mitunter ikonischen Porträts der jungen Avantgarde, mit denen sich Platen internationales Renommee erarbeitet. Sie hatte sie alle vor der Kamera, die etablierten und kommenden Stars der Szene – Beuys, Hanne Darboven, Walter de Maria, Sigmar Polke, Günther Uecker, Blinky Palermo, Andy Warhol und nicht zuletzt den damals noch eher unbekannten Gerhard Richter, dessen Werke mittlerweile die höchsten Preise auf dem internationalen Kunstmarkt erzielen.

Die Braunschweiger Ausstellung in der Halle 267 liefert einen repräsentativen Überblick über Platens umfangreiches fotografisches Werk, das allein 25.000 Analogfotos umfasst. In vielen dieser Bilder spiegelt sich die Kunstgeschichte, im doppelten Sinn, denn sie enthalten im Idealfall auch eine Auseinandersetzung mit dem Werk der Porträtierten. Gerade dieses Wechselspiel macht die Qualität ihrer Aufnahmen aus. Zu den bekanntesten gehört der titelgebende Freudensprung Sigmar Polkes, der als überlebensgroße Fototapete eine exponierte Rolle in der Ausstellung spielt. Polke wird bekannt als Pop-Artist, der den hehren Kunstpopanz ironisch auf links dreht und dem Aleatorischen, dem Spielerischen viel Platz einräumt. In dem zentralen Foto einer ganzen Serie springt er ausgelassen von einer Wippe und schwebt mit fröhlichem Grinsen in der Luft. Das zufällige Glück des Gelingens, das in seiner Kunst zum Ausdruck kommt, manifestiert sich geradezu in diesem Foto. »Es war die Gunst der Hundertstelsekunde«, erklärt Angelika Platen lächelnd, als ob sie gar nichts dafür könnte.

Anderen Bildern sieht man deutlicher die Inszenierung an, etwa wenn sie Joseph Beuys vor der berühmten Rodin-Plastik »Die Bürger von Calais« positioniert und eine der Bronzefiguren ihm geradezu huldvoll seine Reverenz erweist. So als wollte sie für Beuysʼ »erweiterten Kunstbegriff« von einem der Klassiker der Bildhauerei ironisch seinen Segen einholen. Oder wenn Walter De Maria sich bäuchlings auf eine Flughafenlandebahn legt, er inspiziert einen weißen Markierungsstreifen, der sich am Horizont verliert. Man kann auch ganz ohne kunsthistorischen Kontext Spaß haben an diesem Foto, aber wenn man weiß, dass der Konzeptkünstler auf der Documenta 1977 mit seiner Bohrung »Der vertikale Erdkilometer« ein Schlüsselwerk der Land-Art vorgelegt hat, ergibt das einen zusätzlichen Hintersinn.

Die skeptisch-scheue Hanne Darboven und die mit mondäner Pelzmütze angetane Amerikanerin Dorothy Iannone gehören zu den wenigen Künstlerinnen, die Angelika Platen bereits in den späten Sechzigern vor die Linse bekommen hat. Das liegt schlicht daran, dass Frauen bei den breitbeinigen Mackern der Kunst- und Kulturszene nicht wohlgelitten waren – oder doch allenfalls als Muse. Um diese historische Scharte auszuwetzen, kümmert sie sich in ihren aktuelleren Arbeiten besonders um den weiblichen Beitrag zur Kunstgeschichte. Die Ausstellung würdigt diesen Schwerpunkt mit einem eigenen Raum. Da schmiegt sich Sofia Hultén an ein Gitter aus ihren Installationen, die nackte Marina Abramović inszeniert sich selbst als weiblichen Messias und Monica Bonvicini sitzt gelassen hinter einer hochglanzpolierten Kettensäge. Sie ist offenbar jederzeit bereit, einer weiteren maskulinen Institution den Garaus zu machen.

Im Interview mit Elke Buhr vom Monopol-Magazin hat Platen mal eingeräumt, ihr sei damals gar nicht wirklich aufgefallen, dass sie fast nur Männer fotografiert habe. So selbstverständlich war diese Hegemonie. Die aktuelle Ausstellung dieser Szenechronistin zeigt auch, dass diese Zeiten glücklicherweise der Vergangenheit angehören.

Angelika Platen: »Freudensprünge und andere Begegnungen«, bis zum 29. März in der Galerie Halle 267, Braunschweig

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