Der unbequeme Marxist
Von Susann Witt-Stahl
Allein sein beißender Spott zog Massen von Zuschauern an. Zu Michael Parentis Paradedisziplinen gehörte es, die herrschende Klasse und ihre Propagandisten der Heuchelei zu überführen. In Vorlesungen sezierte der marxistische Gelehrte und Publizist genüsslich ihre Lügen und Widersprüche. »Zu behaupten, Sozialismus funktioniere nicht, bedeutet alle Fakten zu übersehen, die beweisen, dass er funktioniert«, donnerte er 1996 bei einem Vortrag mit dem Titel »Reflexionen zur Niederwerfung des Kommunismus« und schlug mit geballter Faust auf den Katheder. Er verwies auf Landreformen etwa in der Sowjetunion und Kuba sowie die vielen »dramatischen Verbesserungen der Lebensbedingungen für Hunderte Millionen, wie es sie nie zuvor und auch nicht danach in der Geschichte der Menschheit gegeben« habe. Vor zehn Jahren zog er sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und verstarb am Sonnabend im Alter von 92 Jahren in Berkeley, Kalifornien im Kreis seiner Familie. »Nun ist er im großen Vorlesungssaal im Himmel«, sagte sein Sohn Christian, der Soziologieprofessor an der New York University ist.
Michael Parenti war 1933 in East Harlem in New York City geboren worden und Spross einer italienisch-stämmigen Arbeiterfamilie. Er wuchs als »Kind der Straße« auf und sammelte Erfahrungen, die sein politisches Leben prägen sollten. »Viele von uns, die aus armen Familien kommen, die die verborgenen Wunden ihrer Klasse mit sich herumtragen, sind sehr beeindruckt von den Errungenschaften der sozialistischen Länder und wollen nicht zulassen, dass sie als ›ökonomistisch‹ abgetan werden«, begründete Parenti, warum er die Bekämpfung des Antikommunismus zum Prinzip seines politischen Wirkens erhoben hatte.
Nach der High School schlug er sich mit Jobs durch, besuchte dann das City College of New York, die Brown University, promovierte schließlich in Politikwissenschaft an der Yale University und lehrte eine Zeit an der University of Illinois Urbana-Champaign. Für sein offenes Bekenntnis zum Kommunismus und seine Teilnahme an Protesten gegen den Vietnamkrieg, die ihm 1970 Kriminalisierung unter anderem wegen angeblicher Körperverletzung eines Polizisten und Widerstand gegen die Staatsgewalt bescherte, bezahlte Parenti früh einen hohen Preis: Er verlor seine Professur an der Universität von Vermont und erhielt nie mehr eine unbefristete Stelle an einer Hochschule.
Parenti wusste das brotlose Dasein als freier Dozent und die dadurch gewahrte Unabhängigkeit produktiv zu nutzen. Er veröffentlichte 24 Bücher und diverse Essays, darunter auch die Streitschrift »To Kill a Nation« über die Zerschlagung Jugoslawiens, mit der er sich wüste Attacken aus dem Politik- und Medienestablishment einhandelte. Leider wurden nur wenige Texte von Parenti ins Deutsche übertragen. 2007 erschien von ihm »Weltmachtpolitik der USA nach dem ›Ende der Geschichte‹« – nicht zuletzt eine Abrechnung mit den Wendehälsen und Rechtsopportunisten in der gesellschaftlichen Linken der USA, die sich nach dem konterrevolutionären Epochenbruch 1989/90 zunehmend oppositioneller Regungen enthielten. Hart ins Gericht ging er mit linken Bildungseliten, die sich zwecks Karrieresicherung »immer noch mit den Revolverblatt-Berichten über die ›Schrecken des Kommunismus‹ abgeben«, wie es in seinem Essay für den von Michael Klundt herausgegebenen Sammelband »Kapitalismus versus Barbarei?« heißt. »Sie sind so beschäftigt damit, dass sie scheinbar nicht bemerkt haben, wie sich das Zentrum politischer Kräfteverhältnisse seit dem Umsturz des Kommunismus drastisch nach rechts verschoben hat.«
So trauern Marxisten weltweit vor allem um den klassenbewussten Ideologiekritiker und streitbaren Gelehrten, der »sein Leben der revolutionären Volksbildung und nicht dem Elfenbeinturm gewidmet hat«, wie der linke Journalist Ben Norton schreibt. »Mit seinem Abschied verlieren wir einen Anker«, so Vijay Prashad, Direktor des Tricontinental: Institute for Social Research. »Michael Parenti, Genosse, wir senken unsere rote Fahne zu deinen Ehren.«
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