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Aus: Ausgabe vom 24.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Im Larvenstadium

Das Boxset »Nightlife/Fighting 74–75« dokumentiert die Frühzeit der legendären Quartettformation von Thin Lizzy
Von Frank Schäfer
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Phil Lynott (l.) und Scott Gorman von Thin Lizzy beim Reading Festival des Sommers 1977

Im Frühjahr 1974 stehen Thin Lizzy vor dem Aus. Sie haben keinen Gitarristen mehr, Drummer Brian Downey will auch schon die Stöcke hinschmeißen. Aber die Band hat in der Zwischenzeit 20.000 Pfund Sterling Schulden angehäuft und ist zum Weitermachen verdammt. Also beraumen Bandchef Phil Lynott und sein Schlagzeuger Auditions an, um mit einer neuen Besetzung auf die Bühne zurückzukehren. Zuerst kommt Brian Robertson dazu, ein arroganter schottischer Rotzlöffel, der zuviel trinkt und entschieden zu gut Gitarre spielt für sein Alter. Lynott will schon die weiteren Termine abblasen, da überzeugt ihn Robertson, noch einen zweiten Gitarristen an Bord zu holen. Der ruhige, sonnengebräunte Kalifornier Scott Gorham bekommt seine Chance. Er ist eigentlich nach England gekommen, um bei Supertramp vorzuspielen, aber die Stelle ist schon besetzt, also formiert er seine eigene Band Fast Buck und hält sich mit kleineren Gigs in Pubs über Wasser. Da ereilt ihn das Angebot von Thin Lizzy. Gorham ist der komplementäre Gitarristentypus. Während Robertson vor allem mit scharfen, liquiden Sololäufen auftrumpft, spielt Gorham strukturierter und liedhafter, vor allem hat er ein Händchen für Melodien und Riffs.

Die beiden kommen gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit gut miteinander aus. Bereits in der zweiten Junihälfte schickt ihr Management sie auf eine kurze Tour durch Großbritannien, wo sie sich die Hörner abstoßen können. Sie stellen ihr Programm komplett um und spielen bereits einige neue Songs, die ihre doppelläufige Flinte besser zur Geltung bringen. Darunter ist auch die langsame, seelenvolle Blues-Ballade »Still In Love With You«, einer ihrer späteren Klassiker, in die sich Nigel Grainge, seines Zeichens Artists-and-Repertoire-Manager bei Phonogram, sofort verliebt. Als er etwas später Zeuge wird, wie Thin Lizzy das Marquee auseinandernehmen, bekommen sie einen Deal bei Vertigo.

Grainge erkennt unmittelbar das Potential dieser Band. Lynott ist ein charismatischer Demagoge, der das Auditorium mit den üblichen markigen Anmachen aus der Reserve locken, aber dann eben auch eine fast schon intime Tresenatmosphäre erzeugen kann, so als würden er und die paar hundert Leute im Saal die Köpfe zusammenstecken und private Dinge bereden.

Auch die beiden Gitarristen bestehen die Feuerprobe auf der Bühne, aber da kommt schon die nächste Herausforderung – Vertigo will ein neues Album. Im Studio sind Robertson/Gorham totale Novizen und bleiben deshalb anfangs weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Auch weil ihnen der Produzent nicht helfen kann. Ron Nevison ist ein Gernegroß, der im Rolls-Royce vorfährt und selbst im Sommer mit weißem Pelzmantel herumläuft. Er hat als Toningenieur mit The Who und Bad Company erfolgreiche Platten aufgenommen. Wie man einer Band wie Thin Lizzy zu einem halbwegs geschlossenen Album verhilft, weiß er nicht. Hauptsongwriter Phil Lynott ist im Blues, Soul und Celtic Folk ebenso zu Hause wie im harten Rock ’n’ Roll. Seine stilistische Diversität ist die große Stärke und zugleich das Problem seiner Band. Ihre Alben sind Wundertüten. Und so krankt auch die erste Kollaboration des Quartetts, »Nightlife«, trotz diverser Preziosen wie »She Knows«, »Still In Love With You« oder dem Proto-Banger »Sha La La« an Lynotts fehlender Fokussierung und einem viel zu cleanen, geschliffenen Pop-Sound.

Die anschließende sechswöchige US-Tour im Vorprogramm von Rush, ZZ Top, Styx, Kiss, Bob Seger und vor allem Bachman-Turner Overdrive (BTO) im März/April 1975 lässt die Band weiter zusammenwachsen. Sie machen den Hauptacts Abend für Abend das Leben schwer und ärgern vor allem die Mormonenbrüder von BTO mit ihrem liederlichen Lebenswandel. Ihr US-Label Mercury sorgt dafür, dass sie auch bei deren Europa-tour im Vorprogramm spielen. Die Bachmans wissen jetzt, was ihnen blüht, und würden daher gern die Auftrittsreihenfolge tauschen, aber Lynott und Co. fühlen sich wohl in der Rolle des Openers und wischen mit ihnen lieber regelmäßig den Bühnenboden auf. Den Rest des Jahres sind sie in England und Irland unterwegs, nehmen alles mit, was sie kriegen können, kleine Clubgigs genauso wie das Reading Festival, allerdings schlägt sich ihre Livepräsenz immer noch nicht in den Verkaufszahlen nieder. Angeblich setzen sie 10.000 Exemplare von »Nightlife« ab, das enttäuscht nicht nur ihre Plattenfirmen.

Nach der Erfahrung mit Nevison produziert Phil Lynott das nächste Album selber, und so klingt »Fighting« zwar härter, aber immer noch zu zahm im Vergleich zu ihren Shows, in denen sie sogar Status Quo die Butter vom Brot klauen. Vielleicht ist die Studiotechnik Mitte der Siebziger auch einfach noch nicht weit genug, ihre Bühnenheaviness einzufangen. Aktuelle Remixe in diesem mit Alternativversionen, B-Seiten, BBC-Sessions usw. reichhaltig ausgestatteten Boxset sorgen für etwas mehr Druck, aber Lizzys grundsätzliche Zahmheit im Studio lässt sich so nicht beheben. Ihre Songs entschlüpfen erst live dem Larvenstadium, das beweist der Mitschnitt ihrer sagenhaften, sanguinischen Show am 21. November 1975 in Derby.

Immerhin, die beiden Gitarristen bekommen endlich den gebührenden Raum. Sie liefern sich bei »Suicide« furiose Soloduelle, finden sich allerdings bei »Wild One« oder dem »Freedom Song« auch schon zu jenen eingängigen, filigranen Twin-­Leads zusammen, die bald zu ihrem Markenzeichen gehören und die Formensprache des Heavy-Genres entscheidend erweitern. »Fighting« legt den Grundstein des Erfolgs, auch wenn sie damit noch nicht ganz durchdringen. Platz 60 in den UK-Charts, bei 20.000 verkauften Platten, ist nicht mehr als ein Achtungserfolg. Erst das nächste Album »Jailbreak« beweist ihren Labels, dass sie das Zeug zu mehr haben. Die Lizzy-Addicts jedoch wissen das längst.

Thin Lizzy: »Nightlife/Fighting 74–75« (Universal)

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