»Ich liebe Geschichte«
Über Kampfhubschrauber, Laptops, Wodka, römische Philosophie, Sylvester Stallone und seine neue TV-Dokureihe. Ein Gespräch mit Dolph Lundgren
Sie sind Moderator und ausführender Produzent der achtteiligen Dokureihe »History’s Greatest Machines mit Dolph Lundgren.« Haben Sie selbst eine Lieblingsmaschine?
Ich mag Militärmaschinerie, weil mein Vater in Schweden beim Militär war. Ich selbst war auch beim Militär. Außerdem habe ich als Kind oft »Soldat« gespielt. Auf persönlicher Ebene mag ich den Laptop am liebsten. Ich glaube, ohne wäre mein Leben sehr schwierig zu organisieren. Viele Geschäfte wickele ich über den Computer ab. Und jetzt bin ich in Schweden, spreche aber mit Ihnen per Videocall in Deutschland.
Bevor ich Sie nach Ihren Schauspielervorbildern frage, möchte ich wissen, ob es für Sie auch ein Idol aus der Computerwelt gibt?
Ich denke oft an Steve Jobs, denn jedesmal, wenn ich am Flughafen bin, sehe ich alle mit dem Blick auf ihr Smartphone herumlaufen. Und ich erkenne: Hey, vor 2008 gab es diese Dinger gar nicht! Man hatte zwar Blackberrys, aber das war nicht dasselbe. Man konnte damit zum Beispiel keine Videos abspielen. Ich denke also, der PC hat mein Leben sehr viel einfacher gemacht und der Laptop noch mehr. Ich finde, Steven Jobs war ziemlich clever. Manche sagen, er hätte nur geredet, doch das war gerade der Clou. Auch nach seinem Tod inspiriert er mich. Ich habe seit März 2025 zusammen mit meiner Frau Emma Krokdal eine Wodkafirma mit der Marke »Hard Cut Vodka«, die mit einem Alkoholgehalt von 45 Prozent in den USA aus Idaho-Russet-Kartoffeln und Wasser aus dem Snake-River-Aquifer der Rocky Mountains und des Yellowstone-Plateaus hergestellt wird. Als deren CEO muss ich natürlich wissen, wie man eine Firma führt und ein »echter« Unternehmer ist. Und da gibt er mir posthum Anschauungsunterricht.
Nummer eins ist bei mir auch der PC, Nummer zwei die Rakete »Saturn V« bei der Mission Apollo 11, die am 16. Juli 1969 startete und mittels ihrer Fähre »Eagle« vier Tage später die ersten Menschen den Mond betreten ließ.
Ihre Nummer zwei – die Mondrakete – ist eine gute Wahl. Ich würde vielleicht etwas allgemeiner gesagt Jetreisen hervorheben, denn das ist auch etwas, das ich ziemlich oft nutze, da ich aus Schweden komme. Ich arbeite viel in Los Angeles. Vor 150 Jahren hat man solch eine Reise von Skandinavien in die Vereinigten Staaten per Schiff und dann per Zug oder Kutsche natürlich nur einmal gemacht, wenn man sie überhaupt überlebt hat.
Sie erwähnten, dass Kriegsmaschinen Sie faszinieren. Ich finde zum Beispiel den »Apache«-Kampfhubschrauber aufgrund seiner insektenartigen Form »beeindruckend«, wenn man das von einem Kriegsgerät überhaupt so sagen kann.
Das stimmt. Dabei waren die US-Soldaten durch den »Apache«-Hubschrauber natürlich selbst sehr verwundbar, weil sie da drinsaßen und man sie einfach abschießen konnte. Der »AH-64 Apache«, so die genaue Bezeichnung, ist ein schwerer zweimotoriger Kampfhubschrauber, der vor allem von der US Army eingesetzt wird. Der »Apache« wurde vom US-amerikanischen Unternehmen Hughes Aircraft entwickelt und wird heute von Boeing produziert. Was viele nicht wissen und wir nun aus der Doku lernen: Die von den US-Truppen eingesetzten Modelle waren abgesehen von der »Bell AH-1G Cobra« jedoch überwiegend für Transport- und Aufklärungsaufgaben und eben nicht für Kampfeinsätze entwickelt worden und somit unzureichend bewaffnet und geschützt. Die USA verloren über 5.000 Hubschrauber in Vietnam.
Sie haben Chemieingenieurswesen studiert. Hat das die Entscheidung erleichtert, bei der Dokumentation als Moderator und ausführender Produzent zu fungieren?
Ja, natürlich. Als Kind war ich eher ein »Intellektueller«. (lacht) Ich hatte einige Allergien. Ich konnte, bis ich 13 war, kaum Sport treiben. Ich habe mich also nie als Kraftpaket gefühlt. Das kam erst später. Nun bin ich seit 40 Jahren Schauspieler, und jeder denkt bei mir zuerst an meine physischen Rollen, in denen ich nichts sage und einfach Leute verprügele, Autos zu Schrott fahre oder Waffen trage. Also jetzt etwas tun zu können, das mehr meiner eigentlichen Ausbildung entspricht, fühlt sich richtig an.
Was bedeutet Ihnen Geschichte?
Ich liebe Geschichte. Ich glaube, wenn man die Gegenwart verstehen will, muss man sich die Geschichte ansehen, weil sich die Dinge wiederholen. Wir machen häufig einfach dasselbe durch. Die Technologie hat sich verändert, aber wenn man römische Philosophen liest, sprechen sie über dieselben Dinge, mit denen wir heute konfrontiert sind. Sie machten sich Sorgen um ihre Familien, die persönliche Entwicklung, ihre Karrieren, wie man miteinander umgeht, wie man eine Führungspersönlichkeit wird etc. Das sind Dinge, die sich nie geändert haben. Ich versuche mir immer vorzustellen, wie es gewesen wäre, vor 100 oder auch nur 50 Jahren zu leben, eher als vor 200 Jahren. Diese Menschen waren eigentlich genauso wie wir. Mein Großvater wurde 1890 geboren, da befand sich in Schweden das Technikzeitalter in den Kinderschuhen. Schweden war nicht der »Wilde Westen«, aber der »harte Norden«. Ich habe meinen Großvater noch gekannt. Ich meine, ich kannte ihn wirklich.
Mit ihrem Vater hatten Sie eine Zeitlang Differenzen.
Als ich Kind war, diente mein Vater beim schwedischen Militär. Er war schon während des Zweiten Weltkriegs beim Militär und irgendwie fasziniert vom Krieg. Lange Zeit hatten wir auch deswegen kein einfaches Verhältnis zueinander. Nach der Besetzung von Norwegen und Dänemark im Frühjahr 1940 erlaubte Schweden dem Deutschen Reich unter Druck der Nazis den Transit von deutschen Soldaten und Kriegsmaterial durch sein Staatsgebiet. Ich habe als Kind viel von dieser Zeit von ihm, aber auch anderen gehört, die die »wohlwollende Neutralität« weitaus kritischer sahen.
Wie sehen Sie als Europäer, der auch in den USA lebt, die Vereinigten Staaten heute?
Wenn man nur einige Generationen in den USA zurückgeht, ist man bei Abraham Lincoln. Ich bin also immer wieder überrascht, wie kurz das eigentlich her ist. Er hat geholfen, die Skaverei abzuschaffen. Und jetzt ist da jemand Präsident, der würde sie am liebsten wohl wieder einführen.
Sie haben sich schon 2018 in der Wiederbelebung Ihrer ikonischen »Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts«-Rolle als sowjetische Boxmaschine Ivan Drago in »The Late Show with Stephen Colbert« über Donald Trump lustig gemacht.
Gut recherchiert. Bei Colbert machte ich nach seinen ersten Eskapaden als Präsident scherzhafte Anspielungen auf ihn und – in Anlehnung an meinen Drago-Satz: »Stirbt er, stirbt er eben« – seine Haare: »Wenn er färbt, färbt er eben.«
In »Rocky IV« gaben Sie physisch alles, verletzten sich bei den Boxszenen und mussten sogar in die Notaufnahme. Stimmt es, dass Sylvester Stallone so beeindruckt von Ihren Nehmerqualitäten war, dass Sie deswegen Freunde geworden sind?
Nun, Sly hat mich eben ein bisschen verprügelt. Er hat sich aber auch verletzt. Wir haben uns also beide wehgetan. Wir haben halt geboxt, dabei haut man sich gegenseitig um. Das ist schließlich ein physischer Sport, nicht wahr? Obwohl er älter als ich ist und zudem mein Chef im Ring, Pardon: am Set war, sind wir ziemlich eng befreundet geblieben. Das hat einen besonderen Grund: Man muss dem anderen vertrauen, wenn er einem aus Nahdistanz ins Gesicht schlägt. Später haben wir noch fünf weitere Filme zusammen gemacht: vier Teile von »The Expendables« und »Creed II – Rocky's Legacy«. Als Familienväter verbindet uns auch einiges: Er hat drei Töchter, ich habe zwei. Ich war immer sehr dankbar dafür, was er karrieretechnisch für mich gemacht hat. Deshalb habe ich ihn in meinem Leben immer sehr geschätzt. Er ist ein sehr kluger und talentierter Mann, der sogar – leider vergeblich – versucht hat, Franz Werfels Roman »Die 40 Tage des Musa Dagh« über den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich zu verfilmen. Sly war mir stets eine große Hilfe. Wir sind uns also tatsächlich sehr nahe und eng befreundet. Er lebt in Miami, also sehe ich ihn nicht oft. Aber ich habe ihn vor ein oder zwei Monaten getroffen. Sly ist ja gerade 80 geworden. Und dann steht da ein Typ vor dir, der ins Fitnessstudio geht, sein Pensum absolviert und fünf Monate im Jahr dreht. Er ist also wie ein Vorbild für mich, um noch eine Ihrer ersten Fragen zu beantworten.Text und Interview: Marc Hairapetian
→ »History’s Greatest Machines mit Dolph Lundgren«. Jeden Montag montags um 20.15 Uhr auf dem History Channel sowie auf Abruf.
Dolph Lundgren, geboren am 3. November 1957 in Stockholm als Hans Lundgren, ist ausgebildeter Chemieingenieur sowie Schauspieler, Regisseur und Kyokushin-Meister. Weltbekannt wurde er als sowjetischer Boxer Ivan Drago in »Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts« (1985) und Inkarnation der Spielzeugfigur He-Man in »Masters of the Universe« (1987).
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