Minuten der Dunkelheit
In Zeiten der total dokumentierten Wirklichkeit: So war die 69. Ausgabe von Dok Leipzig
Während in der Welt die diversen politischen Katastrophen weiter ihren Lauf nahmen, lief vom 26. Oktober bis zum 1. November die 69. Ausgabe des internationalen Dokumentar- und Animationsfilmfestivals Dok Leipzig. Mitbekommen hätte man dort allerdings von der Welt nur wenig. Zwar sprach die neue Festivalleiterin Ola Staszel bei der Eröffnungsveranstaltung unter dem Eindruck der bewegten letzten Monate davon, dass Dok Leipzig in dieser Zeit »zunehmender gesellschaftlicher Spaltung, politischer Krisen und Konflikte (…) ein Ort der Begegnung, des Austauschs und manchmal auch der Reibung (…)« sein sollte. Dafür gab es in diesem Jahr neben dem klassischen Kinoprogramm mit 217 Dok-, Animations- und Kurzfilmen auch noch einige Talkformate, die in der Reihe »Positions« und »Fokus Ost« liefen.
Die Moderatorinnen und Moderatoren betonten wiederholt, dass die Filme in diesen Reihen Menschen dazu bringen sollen, »miteinander zu reden«. Insbesondere der »Fokus Ost« wurde im Programm hervorgehoben. Dies begann schon mit dem Eröffnungsfilm. Während die geladenen Gäste Ina Borrmanns »Guten Abend, du Schöne«, der deutlich an Maxi Wanders 1977 zuerst in der DDR erschienenen feministischen Buchklassiker »Guten Morgen, du Schöne« anknüpft, in der Wärme des Leipziger Schauspiels schauen durften, fror das gemeine Volk einige Stunden später bei der Vorstellung in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofs. Borrmanns »Weiterführung« des wunderschönen, auf Tonbandprotokollen beruhenden Textes funktioniert immer dann, wenn sie imitiert, was Wander bereits vor 49 Jahren unternommen hatte: das Herausstellen kleiner Momente der Verletzlichkeit mit charismatischen Protagonistinnen. Allerdings kann der Film kaum aus dem Schatten seiner Vorlage treten. Er verhandelt das Private sehr getrennt vom Politischen, die DDR ist einfach ein anderes Deutschland, dessen Menschen aus ominösen Gründen nachträglich geradezu dehumanisiert werden; ein Prozess, dem Borrmann sich entgegenstellen möchte. Was nach 1989 mit diesem »anderen« Deutschland passiert ist, traut sie sich nicht zu erkunden, es sei damals einfach etwas »sehr Schönes« passiert.
Der Osten Deutschlands wurde dann auch am 30. Oktober auf einem Panel diskutiert. Dort waren sich alle einig, dass es an Ostdeutschland ein besonderes Publikumsinteresse gebe, aber dass die Filmförderung diesem Interesse nicht gerecht werde. Die Kuratorin Grit Lemke zeigte jedoch bemerkenswerte politische Klarheit, als sie von einem kolonialen Missverhältnis zwischen Ost und West sprach. In der handwerklichen Diskussion blieb man dann allerdings schlapp. Filme sollten ein »positives Signal« aussenden, wie Regisseur Dieter Schuhmann meinte. Politisch sollten sie sein, poetisch, aber kein Agitprop … Allerdings gab es auch positive Beispiele. Minh Anh Nguyens Dokumentation »Onkel Thuan« über ihren ostdeutschen Onkel, erzählt mit bemerkenswertem politischem Bewusstsein von den Widersprüchen zwischen Hoffnung und Realität vietnamesischer Vertragsarbeiter von den späten 1980ern an bis heute. Nguyen verlässt sich nicht auf plumpen Realismus, sondern interveniert und ordnet ein.
Unter dem Label »Positions« begann dann die Woche am 27. unter anderem mit Barbara Kopples Auseinandersetzung mit den Kämpfen der New Yorker Arbeiterklasse. In »Union Town« folgte die US-amerikanische Regisseurin den Lieferantinnen von UPS, Amazon und den Essenslieferanten. Zurückhaltend beobachtend, begleitet sie das Auf und Ab der Arbeitskämpfe der New Yorker Teamsters, die sich vom Lieferriesen UPS zum Onlinehändler und dem dortigen Prekariat erstrecken. Leider krankt der Film an politischer Kurzsichtigkeit, da er kaum einen Blick für politische Kämpfe über den eigenen Betrieb oder den nächsten Vertragsabschluss hinaus hat. Im zusammen mit der Berliner »Woche der Kritik« entwickelten Format »Publikumsjoker« konnte das Publikum mit der Moderation und einer Arbeiterin des lokalen DHL-Hubs am Leipziger Flughafen diskutieren. Viel Politisches war nicht dabei, die DHL-Kollegin wurde meist nur zu Parallelen zwischen ihr und den Kolleginnen in den USA gefragt. Ähnlich flach waren dann auch die Diskussionen nach den Vorstellungen von »Fractures«, Keren Kraizers nachdenklichem Selbstporträt einer israelischen Linken, wie sie zwischen den Widersprüchen von Widerstand und Komplizenschaft in der segregierten Gesellschaft Israels zerrieben wird.
Highlight des Festivals war wie so oft die Retrospektive, dieses Jahr von Florian Wüst kuratiert unter dem Motto »Kino und Kampf. Lateinamerika zwischen Ost und West«. Aus den Archiven der Defa, dem Arsenal-Filmarchiv und dem Bundesarchiv liefen neue und alte Restaurationen antifaschistischer Filme, die die bewegte Geschichte zwischen Revolution und Gegenrevolution begleiteten. Die gezeigten Filme, unter anderem der Klassiker »La hora de los hornos« (Pino Solanas und Octavio Getino, 1968) oder die Premiere der Restauration von »Eine Minute Dunkel macht uns nicht blind« (Walter Heynowski, Gerhard Scheumann und Peter Hellmich, 1976), standen stark in der sozialistischen Filmtradition. Mit dieser politischen Klarheit war die Retrospektive jedoch ein Solitär.
Da stellt sich am Ende des Festivals die Frage, worüber man hätte reden sollen, wenn die Filme zu einem großen Teil nichts recht zu sagen hatten. Der Großteil der Auswahl ist von einer so fetischhaften Fixierung auf das Konzept der Wahrheit, dass man die eigene politische Kurzsichtigkeit gar nicht mehr bemerkt – geschweige denn sich traut, den beobachtenden Realismus abzulegen, um die erzählten Geschichten zu kontextualisieren. Welche Rolle Dokumentaristen in Zeiten der total dokumentierten Wirklichkeit haben, blieb auf der diesjährigen Dok leider wieder mal unbeantwortet.
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