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Literatur

Ein kommender Aufstand

Während alles zu Bruch geht, bleibt die Syntax heil: Robert Stährs »TAGE BUCH«

Foto: Otto Saxinger.
Robert Stähr hat keine Dystopie geschrieben, sondern die imaginierte Chronik einer Denormalisierung

Zunächst wird eine Szenario entworfen, das so alltäglich ist wie auch banal: Ein heterosexuelles Paar hat sich getrennt. In Rede und Gegenrede werden Anschuldigungen erhoben und zurückgewiesen: Die namenlose Frau hat eine gefüllte Kaffeetasse auf den Boden geschleudert, der namenlose Partner seine Beherrschung verloren: »Ich habe zugeschlagen. Sie schlug nicht zurück, sondern lief aus dem Zimmer, aus der Wohnung.«

Nun sitzen »er« und »sie« in getrennten Wohnungen, die so nahe beieinander liegen, dass die Gefahr eines zufälligen Aufeinandertreffens besteht: »Nicht auszuschließen, dass sie mir unterstellt, ich würde ihr nachspionieren.« Das unterstellen die beiden sich aber ohnehin wechselseitig. Der Mann verkneift es sich, »an die frische Luft zu gehen«, seine Expartnerin könnte ja auch auf diese Idee kommen. Paranoia mischt sich in die Wut über das Beziehungsende, während der Fernseher Beunruhigendes in die Wohnung spült: »Aufgeregte Nachrichtensprecher und Moderatoren reden laut, mit sich überschlagenden Stimmen, und zeigen mit den Fingern auf leuchtend markierte Punkte einer Weltkarte.«

Um was genau es geht, was passiert sein und die Krise ausgelöst haben könnte, das wird auch aus den Beobachtungen einer Helikopterbesatzung nicht deutlich, die als »wir« sich artikuliert und deren Berichte einen weiteren Textstrang bilden. Trotz des Überblicks aus ihrer Flughöhe scheinen sie doch keinen Überblick über die Lage zu haben. Sprechchöre werden registriert, ein Transparent mit der Botschaft »Stoppt die Kriegstreiber sofort!« Auf der Autobahn und im öffentlichen Raum der Stadt, bei der es sich um einen Regierungssitz handeln muss, bricht sich unverhohlene Aggression Bahn. Der private und der politische Ausnahmezustand werden zu einer gefährlichen Belastung: »Der von der Straße eindringende Lärm verstärkt meine Unruhe und Gereiztheit zusätzlich.« In die Bedrohung, die von der unklaren Situation ausgeht, mischt sich die Angst vor einer Begegnung mit der früheren Partnerin, die hinter jeder Straßenecke halluziniert wird: »Eine Frau schreit hysterisch und ohrfeigt den ihr gegenüberstehenden Mann. Als ich die beiden anstarre, funkeln sie böse zurück. Die Frau hat eine entfernte Ähnlichkeit mit … ihr.«

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Robert Stährs »TAGE BUCH« schreitet auf 140 Seiten von Tag eins voran bis zu Tag neun. Während die Welt in wenigen Tagen buchstäblich aus den Fugen gerät und von der Stadt am Ende nur noch »Ruinenlandschaften« übrigbleiben, ist die Sprache in jedem Moment nüchtern, gefasst und präzise. Während alles zu Bruch geht, bleibt die Syntax heil. So wird ein Abstraktionsgrad inszeniert, der es erlaubt, reale Vorkommnisse, Propaganda, subjektive Wahrnehmungen und paranoide Phantasien aus einer Äquidistanz zu beobachten. Und da die für die Akteure im Ausnahmezustand alles entscheidende Frage nach den Ursachen und Hintergründen der bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen unbeantwortet bleibt, wird die Aufmerksamkeit der Leser auf die Struktur der Ereignisse gelenkt, auf Muster, die sich bei der Eskalation einer Krise und den subjektiven Reaktionen darauf herausbilden. Robert Stähr hat keine reißerische Dystopie geschrieben, sondern die genau beobachtete bzw. imaginierte Chronik einer Denormalisierung, um den Begriff des Normalismustheoretikers Jürgen Link aufzugreifen. Zudem beweist der aus der österreichischen sprachexperimentellen Tradition kommende Autor, dass er mit diesem poetische Rüstzeug tiefer in die Materie eindringen kann, als das realistische Kolportagen vermöchten.

Während die Bevölkerung dazu aufgerufen wird, Ruhe zu bewahren, ist das männliche Ich davon überzeugt, observiert zu werden. Das weibliche Ich verbarrikadiert sich in der Wohnung und fühlt sich verfolgt, sobald es sich ins Treppenhaus wagt. Nicht nur die Bewohner der Stadt, sondern auch die Politiker verlassen den Regierungssitz, während in den staatlichen Medien immer noch verkündet wird, dass die Regierung alles im Griff habe. Auf der Straße indes: »Lärmende, aggressiv auftretende Menschen, einige von ihnen in paramilitärischen Uniformen. Darauf sehe ich, dass mehrere von denen, die besonders laut Slogans gegen die Regierung schreien, Schusswaffen tragen.« Derweil versuchen sich die Insassen des Helikopters einen Überblick aus der Luft zu verschaffen und kriechen dann wieder in unterirdische Stollensysteme. »Menschenströme und Autokolonnen, Scharmützel zwischen Bevölkerung und Exekutive, Überflug von Drohnen mit Überwachungskameras.«

Irgendwann werden Versammlungen ab einer Anzahl von fünf Personen verboten – das erinnert an die Coronazeit, als die westlichen Demokratien eine autoritäre Fratze zeigten. Internetnutzung und Social Media werden eingeschränkt – solche Zensurtools werden derzeit in EU-Europa vorangetrieben. Man hat bei der Lektüre nicht den Eindruck, dass Stähr von einer kuriosen Diktatur hinter den sieben Bergen erzählt. Er seziert Prozesse, die hier und jetzt in Gang kommen könnten. »Den da, wo immer er sich herumtreibt, möchte ich keinesfalls treffen«, sagt sich »die da« auch noch am achten Tag angesichts des allgemeinen Chaos. Dass die beiden sich schließlich doch begegnen, kann nicht ausbleiben. Am neunten Tag freilich kippt Stährs kaltes Protokoll, und unter Heranziehung von Textmaterial von Adalbert Stifter und Bret Easton Ellis tut sich ein poetisches Tableau auf – eine utopische Wendung? »Wir brechen in Gelächter aus. Lachen und klatschen in die Hände. Musik und Tanz. Schreie und Singen.«

→ Robert Stähr: TAGE BUCH. Ritter-Verlag, Klagenfurt 2026, 148 Seiten, 21 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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