Land der Freien – Heimat der Ungleichheit
USA: Anteil der Konzerne am Nationaleinkommen auf Rekordhoch, während Kaufkraft sinkt
Die Unternehmensgewinne in den USA haben ein Rekordhoch erreicht, während der Anteil der Beschäftigten am Nationaleinkommen auf einen historischen Tiefstand gesunken ist. Das ging am Mittwoch aus der vierteljährlichen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Bureau of Economic Analysis (BEA) hervor. Demnach beliefen sich die Vorsteuergewinne der Konzerne im zweiten Quartal auf annualisiert 4,8 Billionen US-Dollar – mit 18 Prozent des Nationaleinkommens der höchste Anteil seit dem Zweiten Weltkrieg. Zugleich sank der Anteil der Lohnabhängigen auf 60 Prozent, den niedrigsten Stand seit den 1950er Jahren.
Seit den frühen 1980er Jahren hat sich das Kräfteverhältnis zugunsten des Kapitals verschoben: unter anderem aufgrund des Rückgangs der Gewerkschaftsmitgliedschaften und der zunehmenden Auslagerung von Arbeitsplätzen. In den vergangenen fünf Jahren und insbesondere in den letzten zwölf Monaten hat sich der Rückgang des Einkommensanteils der Beschäftigten jedoch beschleunigt. US-Aktien erfreuen sich jedenfalls Höhenflügen. Der KI-Boom beschert den Techkonzernen Rekordgewinne, während Trumps Krieg gegen den Iran die Kraftstoffpreise und Margen der Ölgiganten in die Höhe treibt. Diese Rekordgewinne verschärfen die Ungleichheit in den USA. Vor allem wohlhabendere Amerikaner profitieren von den hohen Kapitalrenditen, während Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen stärker auf Arbeitseinkommen angewiesen sind.
Das BEA beließ seine Schätzung für das annualisierte Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal bei 1,5 Prozent, korrigierte die Konsumausgaben jedoch von 3,2 auf 3,4 Prozent nach oben. Dies deutet darauf hin, dass der private Konsum, der rund zwei Drittel der US-Wirtschaftsaktivität ausmacht, in der ersten Jahreshälfte stabil blieb. Die überraschende Widerstandsfähigkeit des Konsums ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die US-Wirtschaft eine Rezession vermieden hat und weiter solide wächst. Fraglich ist nun, ob die Haushalte diesen Trend angesichts der bevorstehenden, durch Zölle bedingten Preissteigerungen aufrechterhalten können. Zumal die reichsten zehn Prozent der Amerikaner, die mindestens 250.000 US-Dollar im Jahr verdienen, inzwischen die Hälfte der gesamten Konsumausgaben bestreiten.
Der Rest der Bevölkerung leidet unter der anhaltenden Inflation. Letztere stieg zudem rapider als die Löhne, wodurch die realen Stundenlöhne im Juli im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Prozent sanken. Die Preise legten im Juli gegenüber dem Vorjahr um 3,7 Prozent zu und stiegen damit genauso schnell wie im Juni. Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar, als die Inflation bei 2,9 Prozent lag, hat sich der Preisdruck verschärft. Die Inflationsrate liegt damit deutlich über dem Zentralbankziel von zwei Prozent.
Im Rahmen von Trumps Wirtschaftsagenda wurden umfassende Steuersenkungen umgesetzt, von denen vor allem Konzerne und wohlhabendere Amerikaner profitieren, während die Mittel für Sozialprogramme wie Lebensmittelmarken drastisch gekürzt wurden. Die wachsende Kluft zwischen Unternehmen und ihren Investoren auf der einen und einkommensschwächeren Amerikanern auf der anderen Seite sorgt angesichts der zunehmenden Ungleichheit für eine wachsende Unzufriedenheit der Wähler. Eine von Focaldata durchgeführte landesweite Umfrage ergab, dass mehr als 53 Prozent der registrierten Wähler angaben, ihre finanzielle Lage habe sich seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus verschlechtert.
Die anhaltend hohen Preise zeichnen sich als zentrales Thema bei den Zwischenwahlen ab, die nun nur noch neun Wochen entfernt sind. Ein Problem, das sich verschärfen könnte, da kein Ende des Kriegs gegen den Iran absehbar ist und der Handelskriegsherr im Weißen Haus mit neuen Zöllen gegen Kanada und China droht. Ob die Demokratischen Sozialisten Amerikas, die innerhalb der Demokratischen Partei zu einer aufstrebenden Kraft geworden sind, daraus politisches Kapital schlagen können, bleibt abzuwarten. Denn trotz populärer Spitzenfiguren wie New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani müssen sie sich weiterhin zunächst gegen das eigene Parteiestablishment behaupten.
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