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Literatur

Das Blubbern im Birkenpappelblatt

Lutz Seiler unternimmt in seinem neuen Roman »Das tickende Herz« einen Ausflug in den Schamanismus

Foto: Arne Dedert/dpa/picture alliance
Achtung, Dichter: Lutz Seiler

Carl Bischoff ist dabei, sich abhanden zu kommen. Sein altes Leben, seine Dichterexistenz lösen sich auf. Da er vom Schreiben nicht mehr leben kann, macht er, so bemerkt es Autor Lutz Seiler neulich bei seiner Lesung im Berliner Pfefferberg-Theater, im neuen Roman »Das tickende Herz« eine »Klassenreise rückwärts« – und verdingt sich wieder als Maurer. Allerdings als Alleinunternehmer, was sich später noch rächen wird. Verlassen hat ihn auch seine große Liebe Alma.

Carl fühlt sich so gar nicht wohl in dieser Rolle als »Alleinkadaver«: »Es ist, als hätte man seinen Ausweis verloren«, bemerkt er. »Wahrscheinlich ging es nur darum, dass er es noch lernen musste, jener Alleinmensch zu sein, den er seit Almas Weggang darzustellen hatte. Das ganze Repertoire von Gesten und Blicken, die den Alleinmenschen beschützten.«

Trotz »Klassenreise rückwärts« haben wir es hier nicht mit einem weiteren Stück proletarisch-autofiktionaler Literatur à la Edouard Louis oder Christian Baron zu tun, aber Lutz Seiler hat auch dieses Buch aus sich und sich selbst in dieses Buch hineingeschrieben.

Vor seinem ersten Roman »Kruso« (2014) veröffentlichte Seiler vor allem Lyrik, kennt die im Roman geschilderte Prekarität des Aufstrebender-Dichter-Lebens aus nächster Nähe. Die Schilderung der »Deponenta«, eines Poetenabends in einem ehemaligen Erfurter Straßenbahndepot mit fünf Zuschauern, und des Schuftens als Maurer sind erlebtes Leben. Auch der Besuch in Kasachstan hat stattgefunden (2001), war sogar Ausgangspunkt für »Tickendes Herz«, wie Seiler im Gespräch im Pfefferberg berichtet. Das Material habe er eigentlich für ein anderes Buch nutzen wollen, ein Projekt, das sich von einem auf den anderen Tag zerschlagen habe.

Zehn Jahre nachdem wir Carl Bischoff in »Stern 111« (2020), Seilers Roman über die wilde Ostberliner Nachwendezeit, zurückgelassen haben, setzt die Erzählung von »Tickendes Herz« ein. Nicht nur Carls Dichterexistenz ist vergänglich, auch das Umfeld, der Prenzlauer Berg der Bohème des Ostens, ist nicht mehr. Leser von »Stern 111« werden sich an die geradezu magisch anmutenden Durchgänge, die Tunnel zwischen den Häusern, erinnern, Fluchtwege und Traumpfade zugleich. Diese sind nun zugeschüttet, weggentrifiziert, auch wenn der Autor dieses Wort nicht gebraucht. Die legendäre »Assel« öffnet nicht mehr. Lakonisch beschreibt Seiler die Spurensuche: »Es gab neue Häuser in den Bombenlücken, überall wurde gebaut. Der ›Seeblick‹ war geöffnet. Das ›Freak Out‹ war noch da. Im Schaufenster die Schallplatten, im Hinterzimmer der CD-Verleih; dort brannte noch Licht. Fast hätte Carl ans Fenster geklopft – aber wozu, was sollte man sagen?« Übrig geblieben aus alten Zeiten ist nur noch Kumpel Fränkie, eine Nebenfigur aus »Stern 111«, mit Wohnung gleich nebenan im Hinterhaus. Alexander »Kruso« Krusowitsch, der Protagonist von Seilers erstem Roman – ein Schatten an der Wand.

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Carl Bischoff ist – und das wird sich über das ganze Buch hinweg nicht ändern – eine einigermaßen passive Figur, ein zögerlich teilnehmender Beobachter. Der Anstoß, sein Leben zu ändern, kommt von außen. Die Reise, die ihn zunächst als plötzlich gefeierten Autor über verschiedene Festivals und dann in die Welt (den Abgrund?) des Schamanismus führen wird, beginnt mit seiner Begegnung mit Aysha, eigentlich Anna Gabyshewa, die ihn in der geheimnisvollen Eröffnungsszene »auserwählt«. Seitdem trägt er ein sichelförmiges Mal in der Schreibhand – ist es ein C wie Carl? Aysha, zuerst als Übersetzerin eingeführt, wird seine Begleiterin in die kasachische Steppe, hinein in eine tarkowskiähnliche (den Namen des Filmemachers erwähnt Seiler im Buch) »Zone«. Das sogenannte Polygon in Kasachstan, in dem die Sowjetunion in früheren Zeiten Atomraketen getestet hat.

Was Carl für diese Rolle, erst als Lernenden, dann als Liebhaber und endlich als Begleiter der Schamanin Aysha, qualifiziert, sind seine Herkunft und sein Schreiben. Großgeworden in Gera hat er den Uranbergbau aus nächster Nähe erlebt. Das Uranerz aus der Wismut im Osten Thüringens war der am schnellsten verfügbare Stoff, mit dem die Sowjetunion ihre atomare Aufrüstung befördern konnte. Dass er seine Erlebnisse aus Kindheit und Jugend als Stoff für seine Gedichte genutzt hat, macht Carl zu einer Art Messias oder Opferlamm – das bleibt Auslegungssache – für die in und um die »Zone« lebenden Kasachen, die mit der atomaren Verseuchung leben und ihr mit schamanistischen Heilungsritualen zu begegnen suchen. Eine weltweite Geheimgesellschaft, Seiler nennt sie die »Schamintern«, inklusive.

Seiler eröffnet hier eine Metaebene: Erlebtes wird zu Geschriebenem, Geschriebenes führt zu neuem Erleben, was wiederum Stoff für neue Literatur wird. Denn es geht in diesem Roman nicht zuletzt um die Macht der Sprache. Sprache ist das Mittel, mit dem Carl und Fränkie in einem »Totenwache« genannten Ritual die Geister des alten Szeneviertels Berlin-Prenzlauer Berg beschwören: Aljoscha Rompe, den Dichter Matthias BAADER Holst, den Maler Clemens Wallrodt … Und es gibt Sprache, die zu getanzter Sprache wird, bei Aysha, der Heilerin. Die Sprache ist es aber auch, die Carl die Welt öffnet, ihm den Weg ebnet auf gut dotierte internationale Lyrikfestivals, auf denen er seinen Vorbildern begegnet, unter anderem Leonard Cohen.

Hier schreibt offenkundig ein Lyriker. Seilers Sätze haben Rhythmus, er findet und erfindet schöne Wörter, besonders mit den im Deutschen so beliebten Komposita. Da gibt es den »Milchersatz«, das »Haldenglühen«, sein Carl erfreut sich am »Blubbern« im Wort »Birkenpappelblatt«. Das Straßenpflaster wird zu »Glatzen aus Granit«. Doch gibt es auch »Schalterkasachen« und den »Messerkasachen«. Das schmeckt abwertend, soll es aber sicher nicht sein.

Die Schilderungen von Carl Bischoffs Streifzügen durch das verschwundene Bohème-Biotop Prenzlauer Berg gehören zu den Stärken des Buches. Wenn die Handlung mehr oder weniger nur noch aus Carls Fieberträumen besteht, beansprucht der Autor den Leser zunehmend mehr. Wer Lust hat, ihm auf seinen Ausflug zu Gaia und in den Animismus – den Glauben, alle Dinge auf der Erde seien belebt – zu folgen, wird bis zum Ende dranbleiben. Carls Handmal wird im letzten Drittel des Romans anfangen zu blühen.

Am Ende ist Carl Bischoff zurück in der Welt, aber doch sich selbst »abhanden gekommen«. Man kann »Das tickende Herz« durchaus als Entwicklungsroman lesen. »Mir fehlte der Mensch, der ich gewesen war«, bemerkt die Hauptfigur leicht melancholisch im aus der Ich-Perspektive erzählten Epilog. Mit Fränkie richtet er sich in dessen Dachwohnung ein. Das neue Leben im alten. Werden wir ihm wiederbegegnen?

→ Lutz Seiler: Das tickende Herz. ­Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026, 464 Seiten, 28 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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