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18.03.2026
- → Feuilleton
Der Tag nach dem Tag
Die von Harlan Ellison herausgegebene Anthologie »Gefährliche Visionen« versammelt 33 der besten Science-Fiction-Autoren der 60er Jahre. Nun ist der Band erstmals vollständig auf Deutsch erschienen
Einen Blick in die Zukunft zu wagen, scheint heutzutage geradezu verwegen. Der Science-Fiction-Literatur ist nun aber eben das als Gegenstand und Auftrag eingeschrieben. Klar, SF-Literatur kann auch reine »Fluchtliteratur« sein oder sich in einer gewaltigen spekulativen Anstrengung über die jetzige Zeit erheben, wie es z. B. Dietmar Dath immer wieder mit seinen Romanen gelingt. Die SF-Literatur kann aber auch ein Spiegel sein, durch den wir auf die Zeit ihrer Entstehung schauen. Und sie kann – das mag gerade für dieses Genre paradox klingen, versucht es doch gerade, sich flinken Fußes aus so etwas wie Gegenwart davonzustehlen – die Umstände ihrer Entstehung, also das jeweilige Gesellschaftssystem, nicht verleugnen.
Es wäre nun zu einfach, den Unterschied zwischen »kapitalistischer« und »sozialistischer« SF-Literatur allein auf die Dichotomie von »Utopie« und »Dystopie« herunterzubrechen, bestreiten lässt sich dieser wesentliche Unterschied zwischen den Büchern sagen wir eines J. G. Ballard und denen eines Stanisław Lem nicht. Einige Autorinnen freilich – wie Ursula K. Le Guin oder Margaret Atwood – machten sich genau solche gesellschaftlichen Widersprüche für ihr Werk zunutze.
Als sich Harlan Ellison, US-amerikanischer Schriftsteller (1934–2018), Mitte der 60er Jahre die Aufgabe stellte, eine Anthologie mit den aus seiner Sicht wichtigsten (britischen und amerikanischen) SF-Autoren seiner Zeit herauszugeben, sah er die Gattung vor einer zweiten »Revolution«. Nach der frühen Science-Fiction-Literatur der Pulpmagazine der 30er Jahre, der zweiten Welle der wissenschaftsbasierten Fiktion im engeren Sinne, fand er die Zeit gekommen für eine dritte Welle der SF und sprach von »spekulativer Literatur«. John W. Campbell, ebenfalls ein US-Autor, hatte 1938 noch gefordert, dass die SF eine Schnittstelle von Wissenschaft und Literatur zu sein habe, dem wollte Ellison nicht mehr folgen.
»Jetzt kann man auf den ehrwürdigen grauen Seiten der New York Times den Mond besiedeln; und zwar nicht als Science-Fiction-Story, sondern als nüchterne Analyse einer realistischen Situation«, schrieb Isaac Asimov, noch so ein großer Name des Genres, damals im Vorwort der Anthologie und beklagte den Verlust eines »Sense of Wonder«.
Worin bestand nun aber diese zweite Revolution? In einem neuen Stil? Ellison nennt eine Grundvoraussetzung, wenn er bekennt, man sei nicht »der Meinung, dass die Handlung im Schatten der Theorie stehen sollte«. »Diese Ideen«, so Ellison weiter, seien so unterhaltsam, »dass es undenkbar erscheint, sie seien nach der Maßgabe geschrieben, Ideen Ausdruck zu verleihen.« »Unterhaltsam«, sind sie allerdings, aber oft auch von einer solchen Düsternis, dass es vielleicht angebracht wäre, von einem Subgenre der »Hard-boiled Science Fiction« zu sprechen.
Da begegnen wir zum Beispiel in Robert Silverbergs Text »Fliegen« dem Astronauten James Cassiday, der – mittels Gentechnik wieder und wieder aus den Resten seines zerfetzten Leibes zusammengesetzt – zum Werkzeug einer außerirdischen Macht wird. In Frederik Pohls Kurzgeschichte »Der Tag nach dem Tag, als die Marsianer kamen« reißt eine Journalistenmeute unentwegt chauvinistische Witze über die Marsianer, während in Brian W. Aldiss’ Story »Die Nacht, in der die Zeit losbrach« Konzerne das neuentdeckte »Zeitgas« vermarkten – mit verheerenden Folgen. Wer sagte, der Kapitalismus wäre in der Zukunft abgeschafft?
Ellison selbst, dessen Hang zur Selbstdarstellung nur von seiner Fähigkeit, abgrundtief böse und lange nachhallende Geschichten zu schreiben, übertroffen wurde, darf bei einer Anthologie der 33 besten SF-Autoren seiner Zeit selbstverständlich nicht fehlen. Seine Fortschreibung der eh schon bitterzynischen Erzählung »Ein Spielzeug für Juliette« von Robert Bloch, in der ein Zeitreisender statt eines willigen menschlichen Objektes für die sadistischen Neigungen seiner Tochter einen Verbrecher aus dem London des späten 19. Jahrhunderts in die Zukunft mitbringt, berechtigte allerdings jeden Autoren zu dieser Eitelkeit. Nicht weniger abgründig beschreibt Miriam Allen deFord in »Das Malley-System« ein Gefängnissystem, in dem die Straftäter dazu verdammt sind, ihre Verbrechen wieder und wieder zu durchleben.
Poul Anderson unternimmt in seiner Erzählung »Eutopia« den Versuch, zwei, drei, viele Gesellschaftssysteme gegenüberzustellen. Sein Held Iason (!) ist auf Abenteuerreise durch die verschiedenen Geschichtsstränge und will doch nur heimkehren. Und das klingt dann so: »Nichts anderes als die Wirbelfelder eines Parachronions vermochten ihn über die Zeitlinien hinweg in seine eigene zu führen.«
Der Herausgeber hat alle Erzählungen mit einer Einleitung versehen, die neben biographischen Details zu den Autorinnen und Autoren vor allem enthält, wie, wann und wo Ellison sie kennengelernt hat. Interessanter wären spezifische Einordnungen gewesen. Es scheint, als habe ihm sein Ego hier im Weg gestanden.
Ausnahmslos alle Erzählungen in dieser Anthologie wurden speziell für diesen Band geschrieben. Vollständig zugänglich geworden sind diese »Gefährlichen Visionen« einer ins dystopische übersteigerten Welt nun in dieser von Hannes Riffel im kleinen und feinen Carcosa-Verlag erstmals auf Deutsch veröffentlichten Edition. Alle Erzählungen wurden dafür von ihm »und zahlreichen Gleichgesinnten« neu übersetzt. Eine Leistung, die vor allem bei der sprachlich anspruchvollsten und zugleich längsten Geschichte des Bandes, Philip José Farmers »Reiter der Purpurprämie« (Deutsch: Alexander Müller), nicht genug gewürdigt werden kann.
Die von Harlan Ellison ausgerufene »Revolution« der Science-Fiction-Literatur mag das Schicksal vieler Revolutionen erlitten haben – sie versandete –, und heutzutage sind die Subgenres der Gattung vielfältiger denn je. Die von ihm herausgegebenen Erzählungen jedoch erlauben den Blick in eine Zukunft, die wir einmal überwunden glaubten. Im Jahr 2026 sind die Visionen durchkommerzialisierter, dekadenter und letztlich barbarischer Gesellschaften so aktuell wie nie.
Harlan Ellison (Hg.): Gefährliche Visionen. Aus dem Englischen von Hannes Riffel (u. a.), Carcosa-Verlag, Wittenberge 2026, 784 Seiten, 48 Euro
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