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20.03.2026
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Eine Niederlage
Unterwegs im ICE von Berlin nach Hamburg lese ich in Siri Hustvedts Buch »Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen«, ihre Essays über Kunst, Geschlecht und Neurologie. Drei Stunden Zugfahrt, geschenkte Zeit! Beharrlich buchen meine Liebste und ich für Reisen immer den Ruhebereich. In der Annahme, dass die Zeichen an den Innenwänden der Waggons beachtet werden. O trügerische Hoffnung!
Sie sitzen auf den Plätzen direkt über den Gang. Eine blonde Frau und ihr Liebhaber im Business Casual Style. Wie alle frisch Verliebten erzählen sie sich gern pikante Details. Sie reden, sie schwatzen, sie turteln. Unter anderem erfahre ich, dass einer ihrer Freunde einen nichtbösartigen Tumor im Anus hat. Zwischendurch muss sie »actually« mal auf die Toilette. Dann reden sie weiter.
Fast drei Stunden lang überlege ich, ob es sinnvoll ist zu protestieren. Das hat mir einige Male bösartige Reaktionen eingebracht und die Atmosphäre im Wagen aufgeladen. Ich lasse es sein und frage mich, ob ich nur zu feige bin. Wäre das jetzt nicht der Moment, um mein ganz persönliches Maß an Zivilcourage zu testen?
Zur Ablenkung stelle ich mir Donald Trump vor, als er bemerkt, dass die deutschen Schnellzüge ICE heißen: »You know what, ICE is great … In Germany they named their fastest trains ICE … don’t know why – they’re stupid over there – but they did … heard their trains are often running late … uuh … maybe I should send some ICE guys over to fix it …«
Siri Hustvedt schreibt über Picasso, de Kooning, Jeff Koons und Louise Bourgeois, aber auch darüber, wie sie Schreibkurse für Insassen psychiatrischer Einrichtungen gegeben hat. Aus neurologischer Sicht ist vielleicht das Phänomen interessant, dass ich in vollen Räumen immer alle Gespräche deutlicher höre, als jenes, das gerade vor meiner Nase abläuft. Es geht mir wie Menschen mit Hörgeräten. Nebengeräusche werden bis auf ein unerträgliches Level angehoben.
Während ich dies schreibe, denke ich darüber nach, ob das hier meine ganz persönliche Form der Rache ist. Und selbstverständlich ist es das. Es gibt keinen anderen Grund: Das Nichtausgesprochene wird ausgesprochen. Aus der Feigheit, dem, was man für sein gutes Recht hält, Gehör zu verschaffen, wird etwas Billiges. Dennoch habe ich dem Affekt nachgegeben.
Natürlich fahren auch die beiden Turteltäubchen bis Hamburg durch (und haben nebenbei eine Flasche Alkohol geleert). Kurz vorm Aussteigen spreche ich sie an. Der Mann reagiert. Obwohl ich ihn gesiezt habe, duzt er mich: Hättest du mal früher was gesagt, dann hätten wir beide einen ruhigeren Vormittag gehabt, sagt er. Ich bin verwirrt, frage aber zurück, ob er schon häufiger Bahn gefahren sei und das mit dem Ruhebereich als Prinzip verstehen würde. Er geht nicht darauf ein, sondern setzt noch eins drauf: Sonst seien sie ja beide viel lauter. Darüber mag ich nicht nachdenken, mir schießen Bilder ins Gehirn, die ich dort nicht haben will. Ich schweige. Es folgen ein paar Minuten der peinlichen Stille, bis der Zug hält.
Es bleibt das Gefühl, eine Niederlage erlitten zu haben.
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