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Aus: Ausgabe vom 18.04.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

»All das würde bald vorbei sein«

Lutz Seiler erzählt in »Stern 111« von den wilden Wendejahren in Berlin
Von Michael Bittner
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Keine Regeln, kein Gesetz – aber ein Piratenradio, das die Republik der Hausbesetzer mit Nachrichten versorgt

Ein junger Mann aus Thüringen, verträumt und orientierungslos, flieht aus seinem alten Leben und findet in der Ferne eine neue Heimat in einer Gruppe von Außenseitern und Lebenskünstlern, die von einem charismatischen Weltverbesserer angeführt wird. Das ist nicht nur der Plot von Lutz Seilers Debütroman »Kruso«, der 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, genauso lässt sich auch Seilers neuer Roman »Stern 111« beschreiben. Der Autor macht kein Geheimnis daraus, dass sein neues Buch in mehr als einer Hinsicht Fortsetzung seines vorigen ist. Nicht nur treten die zwei Hauptfiguren aus »Kruso« in Nebenrollen noch einmal auf. Auch nautische Metaphern durchziehen »Stern 111«, obwohl die Geschichte diesmal nicht auf der Ostseeinsel Hiddensee, sondern im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg in den Jahren nach dem Mauerfall spielt.

Literarische Dialektik

Seilers Thema ist einmal mehr die Utopie. Auf Hiddensee hatten sich in »Kruso« junge Aussteiger in einer sowohl solidarischen als auch zwanglosen Inselgesellschaft versammelt. Diese kleine Gegenwelt innerhalb des verknöcherten Realsozialismus scheiterte jedoch mit der kapitalistischen Abwicklung der DDR – eine bemerkenswerte literarische Dialektik. Das »kluge Rudel« in Prenzlauer Berg, in das der Protagonist Carl Bischoff in »Stern 111« aufgenommen wird, ist eine neue Miniaturausgabe der kommunistischen Utopie samt Gütergemeinschaft, befreiter Liebe und Basisdemokratie. Leerstehende Wohnungen werden mit dem Brecheisen erschlossen. In einem verlassenen Keller in der Oranienburger Straße entsteht ein »Arbeitercafé« namens »Assel« als »antikapitalistische Untergrundkolchose«.

Der junge Carl macht sich dabei als ausgebildeter Maurer nützlich. Zum Rudel gehören Menschen wie die rustikale Ragna, die den verwahrlosten Carl aus der Obdachlosigkeit rettet, der »Funker« Frank, der über ein Piratenradio die Republik der Hausbesetzer mit Nachrichten versorgt, sowie »Hoffi«, der sich als »Hirte« nicht nur um eine Ziege namens Dodo, sondern die Führung des ganzen Rudels kümmert. Die Subkultur ist für ihn mehr als ein Rückzugsort, sie soll als »Glut des Widerstands« die Revolution entfachen. Die »Assel« wird nicht wie erhofft zum Treffpunkt der Arbeiter, immerhin aber zum »Asyl« für eine gemischte Gesellschaft aus Studenten, Künstlern, Obdachlosen, Prostituierten und Sowjetsoldaten. Irina, die Seelenschwester des Hirten, verkündet die Offenheit des Ortes gerade für die »Nichtsnutze«: »Es gibt hier keine Regeln, kein verdammtes Gesetz.«

»Stern 111« ist auch ein Künstlerroman nach klassischem Muster. Der junge Carl ist ein angehender Poet, dem »nichts wichtiger war als das kommende Gedicht«. Er hofft auf sein erstes Buch und fürchtet sich zugleich vor ihm. Ganz im Stil der Avantgarde träumt er vom »absoluten Gedicht«, in dem das dichterische Wort vom Ballast der Realität, von allen Zwecken, ja selbst vom Sinn befreit wird. Im Kampf um Freiraum will Carl vor allem ein »Territorium poetischen Daseins« für sich selbst erobern. Dass er auch seine Liebe zu der Künstlerin Effi unbewusst zur künstlerischen Selbstbildung missbraucht, wird ihm zu spät klar und stürzt ihn in beinahe selbstmörderisches Unglück.

Alles verschwindet

Ein Roman im Roman erzählt die Geschichte von Carls Eltern Inge und Walter. Unmittelbar nach dem Mauerfall verlassen sie ihre ruhigen Existenz in Gera und wandern in den Westen Deutschlands aus. Die Gründe für die überstürzte Flucht bleiben für den Sohn zunächst völlig unverständlich. Seine Eltern begegnen auf ihrer Odyssee durch den Westen ausbeuterischen Unternehmern, hilfsbereiten Juden aus Syrien und singenden amerikanischen Soldaten. Erst am Ende des Romans offenbart sich an einem völlig unverhofften Schauplatz das Lebensgeheimnis, das Inge und Walter Bischoff auf diese unverständliche »Wanderschaft« getrieben hat.

Die Jahre der chaotischen Freiheit enden im Roman wie in der historischen Wirklichkeit mit dem Einzug der bürgerlichen Ordnung, »in der es keinen Platz mehr geben würde für die gute alte Schwärze, weder für die meines Wohnens noch für die jener Taxis ohne Lizenz und erst recht nicht für den Ausschank ohne Konzession oder die Schwärze des Schwarzschlachtens im Hof hinter dem Haus: All das würde bald vorbei sein.« Der »Hirte« Hoffi verschwindet langsam wie eine mythische Gestalt, während der nüchternere Hans die »Assel« in einen gastronomischen Betrieb umbaut. Die halblegal bewohnten Häuser bekommen neue Eigentümer. Die Sowjetsoldaten verabschieden sich.

Verrücktes Material

Seiler nutzt das komische Potential, das in der Geschichte vom Scheitern der hochfliegenden Hoffnungen steckt, nicht völlig aus – aber nicht aus Unvermögen, sondern weil er die Utopie nicht an die Ironie verraten will. Wenigstens in manchen Individuen bleibt die Idee vom befreiten Dasein lebendig. Aus Carl wird tatsächlich ein Poet. Die deutschsprachige Literatur kann sich glücklich schätzen, dass er wie sein Schöpfer Lutz Seiler sich schließlich doch nicht der absoluten Poesie verschrieben haben, sondern der Wirklichkeit: »Ich sah jetzt, dass die Welt um mich her viel zu bedeuten hatte, sie war ein verrücktes Material, guter Stoff, und einen besseren würde es nicht geben.«

Lutz Seiler: Stern 111. Suhrkamp, Berlin 2020, 528 Seiten, 24 Euro

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