O mein Gott!
Von Michael Sommer
Ein Grund, sentimental zu werden: Ja, zehn Jahre ist David Bowie nun schon tot, und nein, seine letzte Show »Blackstar«, das zwei Tage vor seinem Tod am 10. Januar 2016 erschienene Album und die begleitend veröffentlichten Videos waren keine seiner Tricks, eher ein letzter Kostümwechsel. Auch wenn er sich im Song »Dollar Days« noch ums Verrecken gewünscht hatte, »to fool them all again and again«, sie alle noch mal so richtig zum Narren zu halten. Am Ende war der Leberkrebs ein zu harter Gegner.
Seit Bowies Tod sind einige Archivkramereien, Liveplatten und horrend teure Boxsets erschienen – »Brilliant Adventure« war in der Vinylausführung für rund 380 Euro zu haben –, wirklich neu war daran nichts. Wie auch. Auch in Bowies Fall wird die übliche Leichenfledderei betrieben, die Fans arm und Plattenfirmen reich machen soll. Bereits 2022 hatten Bowies Erben die Rechte an seinen Songs für 220 Millionen Euro an Warner Chappell Music verkauft. Andere Superstars folgten. Wann Kasse machen? Sicher immer eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Der Künstler, seine Platten und seine wechselnden Images – vom Alien Ziggy Stardust über den Thin White Duke bis zum globalen Popstar – sind am Ende gut verkäufliche Produkte. So wegweisend sie auch gewesen sein mögen.
Gecovert haben den lebenden und den toten Bowie viele – mit wechselndem Erfolg. Als Depeche Mode »Heroes« auf der »Global Spirit Tour« 2017 live spielten, war das Fantum. Es gibt allerdings ein schönes Video, das Anna Calvi und Amanda Palmer beim Singen von »Blackstar« zeigt – live mit Orchester in der Royal Albert Hall (Arrangement Jherek Bischoff). Gerade weil das eigentlich gar nicht und auch gar nicht gut ausgeht, lässt es einen zittern.
Auf der besseren Seite der vielen Hommagen und Tributes steht auch die Show »Heroes« mit Alexander Scheer im Berliner Ensemble, die am 8. Januar 2026 zum 23. Mal lief. Die Karten für diese Show gehen immer noch weg wie geschnitten Brot. Scheer und Band bringen dort nicht nur Bowies Musik zur Wiederaufführung, sondern stellen auch den Künstler als Leser vor. Bowie ging nie – seit er sich das leisten konnte – ohne den Truck mit seiner 1.500-Bücher-Bibliothek auf Tour. Die Liste seiner 100 Lieblingsbücher findet man in Shownotes auf der BE-Seite. Christa Wolfs »Nachdenken über Christa T.« ist darunter. Aber auch »Eine Geschichte des amerikanischen Volkes« von Howard Zinn, das kürzlich im März-Verlag wiederveröffentlicht wurde, Saul Bellows »Herzog«, Truman Capote, James Baldwin … keine schlechte Auswahl. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, des Verstorbenen zu gedenken: sich seinen Bücherkanon zu erarbeiten.
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