Kameliendame 2000
Großes Kino, Kultursoziologie, Möglichkeitsräume: Beim Hamburg-Ballett tanzt eine junge Generation
Wie zaubert man beim Tanztheater Atmosphären? Wie überall sonst auch. Mit den Bühnenbildern, mit Kostümen, mit Musik, mit Licht – und mit Bewegung. Da zählt freilich auch die Individualität der Tanzenden. Das Hamburg-Ballett hat das große Glück, mit den bahnbrechenden Choreographien von John Neumeier einen veritablen Fundus zu haben, der neue Interpretationen durch nachwachsende Tänzerinnen und Tänzer ermöglicht. Unlängst debütierte Louis Musin, 24 Jahre jung, in der begehrten Hauptrolle des Armand in Neumeiers Ballett »Die Kameliendame« nach dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas fils und Musik von Frédéric Chopin. Ganz romantisch-verspielt, mehr zärtlich als drängend und doch über beide Ohren verliebt, spielt er den Liebhaber einer im Paris des 19. Jahrhunderts stadtbekannten Luxuskurtisane, die literaturverliebt genug ist, ihre Intimbeziehungen mit der Geheimsprache der Blumen zu regeln.
Sie, die besagte Titelfigur, die eine Kamelie am Dekolleté trägt, wird von Ida Praetorius so auf den Punkt zwischen Diva und Mädchenhaftigkeit getanzt, dass man glaubt, ein ganz neues Stück zu sehen. Dabei fand die Uraufführung des Balletts schon 1978 statt. Die Beziehungstänze der Liebenden wurden 1981 ergänzt und mit neuen Raffinessen aufgeladen. Diese Version begeistert seither Menschen von New York bis Moskau, von Paris bis Shanghai.
Große Feste, Theater-im-Theater-Szenen (»Manon Lescaut«), Empfänge, Spaziergänge, intime Rendezvous. Das Libretto bietet reichlich emotionale Bezugspunkte. Eine Gesellschaft tanzt ihren eigenen Untergang; eine Hure ist bezeichnenderweise die mit Abstand moralischste Person – ein beliebter Topos der Zeit. Denn schließlich verzichtet die Kameliendame auf ihr Glück mit Armand, um ihm und seiner Schwester nicht die Zukunft zu verbauen. So schickt sie ihn per Brief zurück in sein eigenes, einsames Leben. Und er flippt aus, springt, als wolle er sich das Herz aus dem Leib reißen, bietet ein Wutsolo, das jede und jeder, die oder der jemals verlassen wurde, vollends nachempfinden kann.
Chopins Musik wird von dem in Helsinki geborenen, versierten Ballettdirigenten Markus Lehtinen mit sanfter, doch sicherer Hand dirigiert: Über drei Stunden Stückdauer erstrecken sich liebliche, auch tragisch von Unheil kündende Klänge. Am Klavier illustriert Michał Białk mit perlenden Tönen die Gefühlswallungen. Größeres Kino, als es das Kino selbst je sein könnte.
Interessant auch die Neuinterpretation der Rivalin der »Kameliendame«: Die Edelprostituierte Olympia wird üblicherweise mit animalisch-gierigem Charme ausgestattet. So hatte das schon Gigi Hyatt, die heutige Leiterin der Hamburger Ballettschule, in den 80er Jahren gemacht. Doch mit Eleanor Broughton kommt jetzt neuer Facettenreichtum in das Stück. Sie interpretiert die kokette Olympia mit runden, weichen Linien als anmutiges Walzermädchen, das dem Funkeln von Juwelen, dem Glitzer der schönen Scheinwelt ganz verfallen ist.
Damit wird die latente Sozialkritik im Stück nochmals verdeutlicht: Frauen aus der Unterschicht hatten im 19. Jahrhundert wenig andere Möglichkeiten, gesellschaftlich aufzusteigen (oder überhaupt selbständig ihren Lebensunterhalt zu bestreiten). Sie prostituierten sich. Die Männer bestimmten dann, wie diese Frauen starben. Als ehrbare Ehefrauen – denn manche der respektablen Huren wurden geheiratet – oder in Armut nach sozialem Abstieg.
Für die Kameliendame kommt es bekanntlich schlimm. Sie ist tödlich an Lungentuberkulose erkrankt. Ida Praetorius hustet – soweit ich weiß, als einzige Darstellerin dieser Rolle weltweit – hörbar laut, nicht nur mit geschütteltem Oberkörper. Sehr ergreifend. In ihrer Traumwelt tanzt sie dann mit dem wiederum stummen barocken Liebespaar Manon Lescaut und Des Grieux bis zum Tod. Auch hier gibt es Rollendebüts: Futaba Ishizaki fasziniert als lyrisch-leidenschaftliche Manon, und Daniele Bonelli glänzt als ihr Liebhaber mit aller Sinnlichkeit, die dieses geisterhafte Pärchen in violetten Kostümen haben muss. Am Mittwoch ist das noch einmal zu sehen.
Das demnächst kommende Stück beim Hamburg-Ballett ist ganz anders, viel klamaukiger. Es verspricht aber ebenfalls angenehme Überraschungen mit Neubesetzungen: In »Wunderland« von Alexei Ratmansky, das nach der literarischen Vorlage von Lewis Carroll erst dieses Jahr uraufgeführt wurde, tanzt jetzt auch Charlotte Larzelere die Hauptrolle.
Larzelere ist weniger energisch als Olivia Betteridge in der Erstbesetzung. Dafür hat sie eine sanftmütige Beharrlichkeit unter Beweis gestellt. Ihre Alice wird mehr verträumt als neugierig sein. Louis Musin, der neue Armand aus der »Kameliendame«, wird an ihrer Seite das Weiße Kaninchen tanzen: mit spritzig-flippigen Sprüngen. Wandelbarkeit ist eben alles am Theater.
Nächste Aufführungen: »Die Kameliendame«, 28.10.; »Wunderland«, 30.10., 31.10., 6.11.
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