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Übersteuert

Foto: The Tiger Lillies
Fröhliche Musikanten: The Tiger Lillies

Andreas Ammer, der vielleicht renommierteste aktive Radiokünstler dieses Landes, hat am 18. September auf dem Berliner Hörspielfestival die Eröffnungsansprache gehalten. Darin griff er das Festivalmotto »Übersteuert« auf, um den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten die Leviten zu lesen: Das Hörspiel werde bei den ARD-Sendern »übersteuert«, und zwar politisch. Er sprach von einem »politischen Clipping«, das nur noch leicht verständliche Mitteltöne zulasse. Der Vortrag des Hörspieldoyens wurde Wutrede und in der vorigen Woche von epd Medien dokumentiert.

Ammer beklagte demnach, dass das Hörspiel – »entgegen allen anderslautenden Verlautbarungen aus den Rundfunkhäusern« – nach Jahrzehnten der freien und prächtigen Entfaltung »überreguliert und vom Raum der Kunst in den der Massenkompatibilität überführt wird. (…) Das Hörspiel ist übersteuert! Jene einzige Kunstform, die von einem Medium, wie das Radio eines ist, hervorgebracht wurde. (…) Von dieser Kunstform werden von den Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks derzeit alle Höhen und Tiefen abgeschnitten«, so der 66jährige weiter. Außerdem würden immer weniger Hörspiele produziert, Studios geschlossen, Sendeplätze gestrichen, »und entgegen geltenden Verträgen wird versucht, Honorare zu kürzen.« Nicht einmal Autorenverträge würden von allen Anstalten eingehalten, »die Autoren im Netz nicht genannt«. Originalton Ammer zum Ergebnis dieser Entwicklung: »Hörspiel heißt jetzt Podcast, (…) ist gerne mal Gelaber und hat die Logorrhoe.«

Versuchen wir es mit inhaltsreicher Hörkost gegen den Sprechdurchfall: Sendeschwerpunkt der österreichischen Freien Radios ist heuer das Thema Armut. Im ersten Beitrag der Reihe, → »Gegen die Dankbarkeit gegenüber dem Sozialstaat«, spricht Thomas Ebermann von der »Bewirtschaftung des Menschenmaterials« (Radio Helsinki 2026, Di., 13 Uhr, Orange 94.0). → »Wirkung ist letzten Endes etwas Furchtbares«, wird Thomas Bernhard zitiert im Feature von Severin Weh, der den Wiedergängern des Schriftstellers nachspürt (ORF 2026, Di., 16.05 Uhr, Ö 1). Im Hamburger Freien Radio sind Gerichtsaussagen zweier Sozialarbeiter aus dem NSU-Prozess zu hören, die in einem Chemnitzer Jugendklub dem Entstehen der Terrorszene zusahen: → »Das Piccolo war der Untergrund?« (Mi., 8 Uhr, FSK).

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Am Freitag wird die Eröffnung der → »Wien Modern 2026 live« übertragen (19.30 Uhr, Ö 1), in den »Milestones« das legendäre Compilation-Album → »Chicago/The Blues/Today!« von 1966 porträtiert (Fr., 22.05 Uhr, DLF), während uns auf SWR Kultur in der trotz Mannesmangels → »Nacht der Poet:innen« genannten »Vor Ort«-Folge Lisa Christ, Fee Brembeck und Dagmar Schönleber komisch kommen (Fr., 22.03 Uhr). Am Sonnabend zieht ein greiser, zurückgelassener Künstler Bilanz im Hörspiel → »So ist das« nach dem Theatermonolog von Jon Fosse (NDR 2022, 18.05 Uhr, NDR Kultur), danach übertragen die ARD-Kulturwellen teilweise bis sechs Uhr früh → »Live vom Jazzfest Berlin 2026« (Sa., 20.03 Uhr, Bremen Zwei, BR Klassik, NDR Kultur, Radio 3, SR Kultur, SWR Kultur, WDR 3).

Zwei Hörspiele am Sonntag könnten vor Ammers Ohren Gnade finden: das Stück → »Im Busch« von Christoph Buggert, produziert vom Liquid Penguin Ensemble (SR 2024, 17.04 Uhr, SR Kultur), und das Funkdrama → »Träume« von Günter Eich, das bei der Uraufführung 1951 beim NWDR den anständigen Deutschen empörte, hier in einer Inszenierung des Rundfunks der DDR von 1981 (18.30 Uhr, DLF Kultur). »Am Morgen vorgelesen« wird ab Montag von der Autorin selbst der neue Eva-Menasse-Roman → »Alleinruhelage« in zehn Episoden (8.30 Uhr, NDR Kultur), während am Abend ein Konzert in der Prager Lucerna Music Bar den geneigten Hörer in eine stabile Unruhelage versetzen soll – was klappen könnte: Aufgetreten sind dort im Mai → »The Tiger Lillies« (Mo., 20 Uhr, DLF).

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.10.2026, Seite 14, Feuilleton

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