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Esskultur

Der Volkstod beginnt an der McDonald’s-Kasse

McRIP: Zum Ende eines kulinarischen Sonderweges

Foto: Evan-Amos/Wikimedia
Besser als Obst? Der Zankapfel deutscher Nation

Vor zwei Wochen wurde die teutonische Welt von einer Nachricht aus den Angeln gehoben. McDonald’s McRib wird von der Speisekarte vertrieben. Szechuan-Sauce-Gate 2.0? Semilustiger Aufhänger der verknöcherten Social-Media-Offensive der Jungen Freiheit: Er »war das einzige Gute, was wir hier in Deutschland noch hatten, was uns von allen anderen Ländern abgehoben hatte« – ein Meisterwerk. So exklusiv, dass es ihn ganzjährig nur in Deutschland und Luxemburg gab, dem Herkunftsland seines Erfinders René Arend. »So stirbt langsam eine Essenskultur im Abendland«, prophezeite der hessische Landtagsabgeordnete Frank Grobe (AfD) auf X. Mehr »Hot Takes« waren rasch angerichtet, Ulrich-Siegmund-Memes geschustert, plötzlich wussten wir alle, dass der McRib zu Söders Top-zwei-Burgern zählt. Na ja, das Thema ist durch, der Verkauf seit heute offiziell eingestellt. Sorry, hoffnungslos romantische Ribheads.

Doch davor, welch ein Spektakel! Um den 14. Oktober explodierten auf X poröse Hirnschalen: Es sei der Muselmann, der den einzigen Schweineburger der Kette nicht auf den Grill hieven und noch weniger konsumieren möchte, während er uns umvolkt. Ist da gesichert Schwein drin? Der spätestens seit seinem ÖRR-Rausschmiss vor zwei Jahren immer stabiler witzelnde Sebastian »El Hotzo« Hotz fing den geistigen Ausnahmezustand so ein: »Die stalinistischen Kalifat-Linken haben den McDonald’s-Vorstand ­unterwandert, um den McRib abzuschaffen, damit deutsche Männer nicht mehr mit lebenswichtigen Schweineproteinen versorgt werden und zu schwach sind, sich fortzupflanzen. Das deutsche Volk soll aussterben.«

In unseren Gefilden begann, so fabulierte Wolfgang Pohrt 1981 in der Zeit, »mit dem amerikanischen Kulturimperialismus nicht die Barbarei, sondern die Zivilisation. In diesem Land ist jede weitere Filiale der McDonald-Hamburgerkette eine neue Insel der Gastfreundschaft und eine erfreuliche Bereicherung der Esskultur.« Doch sind Gedichte, die man selber einmal komponiert hat, sofort die korrekte Beurteilung dessen, was in Deutschland jetzt abläuft? Das fragte sich nicht nur Karl Held.

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Die Wahrheit ist immer konkret, »the proof of the pudding is in the eating«, kalendersprüchelte schon Friedrich Engels. Also ran: Schweinehacksteak mit Zwiebeln, Gewürzgurken und Sodbrennsoße im Brötchen. Gegenüber der jW-Redaktion in der Berliner Torstraße offeriert die Bäckerkette Steinecke eine Kopie: »Hot Amigo«. Dennoch nötige ich den Redakteurskollegen M. zum gemeinsamen Gang zu Ronald McDonald im Art-déco-Konsumklotz Alexa. Es ist 13 Uhr, vor den Bestellautomaten stehen sie Schlange. Wehrt sich M. gegen die Umvolkung?

Kollege M. beißt genüsslich in seinen McRib. Die BBQ-Soße läuft ihm aus dem Schlund. Kein McRib ohne Malheur. Er giert ihn in sich rein, muss was auf die Ribben bekommen. Dabei sind die auf dem Patty angedeuteten Rippchen gar keine. Darauf einen Schluck Red-Bull-Waldmeister-Energizer aus dem McCafé, und perfekt ist der Arbeitszeitbetrug. Früher sei der Burger größer, wohlschmeckender gewesen, bilanziert M. scharf wie ein Filetmesser. Apropos: Der Filet-o-Fish (heute Fish Filet Classic) rundet alles köstlich ab. Vielleicht erleichtert das den Abschied. Spaß ist was anderes.

Ein Schlag in die Magengrube: Für den McRib seien ein zusätzlicher Arbeitsplatz in den Filialen und eine eigene Warenlogistik vonnöten gewesen, klärt T-Online-Wirtschaftskolumnistin Ursula Weidenfeld auf. Die Raucharomen der Soße weichen wegen neuer EU-Richtlinien, eine Neuauflage lohne nicht, da er sich einfach nicht gut verkaufe. Dennoch wird er zurückkommen, mit noch mehr und anderer Tunke obendrauf – Codename: »Sweet Heat« –, saisonal vertrieben wie überall sonst. Der »Great Reset« reißt dem deutschen Adam nicht die Rippe aus dem Leib. Es ist eine blutige, das schon, aber doch nur eine Fußnote des US-Imperialismus, der sich einfach nicht um Idiotenidentitätspolitik schert: Der unrentable Sonderweg der germano-schlumpfgallischen Widerstandsbastion ist passé.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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