Joachim Lottmann tot
Der Schriftsteller Joachim Lottmann ist tot. Er starb nach schwerer Krankheit am Sonntag im Alter von 70 Jahren. Lottmann hatte seine Krebserkrankung öffentlichgemacht und mitgeteilt, dass er nicht mehr lange leben werde. Zuletzt lag der Autor in einem Wiener Hospiz.
Seit Anfang 2026 dokumentierte Lottmann unter dem Titel »Langweiliges Tagebuch« seine Erkrankung im Internet, sein Hoffen und Bangen. »Sterben ist langweilig«, schrieb er darin. »Man fährt mich zum Röntgen. Das Wasser ist noch immer in der Lunge. Ich kann nicht mehr atmen, nicht mehr denken. Nur noch schreiben.« In seinem letzten Tagebuchbeitrag vom Freitag heißt es mit Blick auf die medizinische Versorgung, eigentlich müsse es doch aufwärtsgehen. »Tut es aber nicht. Ich erwarte täglich das Aus. Tod durch Ersticken.«
Lottmann gilt als führender Vertreter sogenannter Popliteratur, obwohl er diese im Juni 2003 in einem Berliner Lokal öffentlich zum erledigten Fall erklärt hatte. Er wurde 1956 in Hamburg geboren und wuchs in Bayern auf. Ab 1976 studierte er Theatergeschichte und Literaturwissenschaft in Hamburg. »Ich war ja immer mit Jüngeren befreundet gewesen, zum Beispiel der Popjugend«, schrieb er in seinem Onlinetagebuch.
Sein Debütroman »Mai, Juni, Juli« von 1987 handelte von einem depressiven Schriftsteller auf der Suche nach einem Sujet und enthielt Parodien diverser Romananfänge (u. a. Hamsuns »Hunger«) und Reportageelemente aus dem Umkreis des damaligen Kölner Musikmagazins Spex. Im Jahr 2002 schrieb die FAZ, dieser Roman sei »der Anfang von vielem, großem, schönem, lebensgenauem, was in den neunziger Jahren zu erleben und zu lesen war«.
Lottmann schrieb mehr als ein Dutzend Bücher, häufig alles andere als höfliche Auseinandersetzungen. Es sind oft gnadenlose, teils diffamierende Abrechnungen mit dem Kulturbetrieb, in denen er sich nicht scheute, Namen zu nennen. Manch Freundschaft ging dabei zu Bruch. Der Autor mit Hang zur Selbstinszenierung nahm es dabei mit der Wahrheit nicht immer ganz genau. »Alles neu erfinden, alles umlügen, dass sich die Balken biegen, aber so verblüffend intim, dass es jeder glaubt«, schrieb er.
Mit dem autofiktionalen Protagonisten Johannes Lohmer stellte Lottmann leicht erkennbar sein Alter Ego in den Mittelpunkt vieler Werke. Oft ging es ihm um den loslabernden Zeitgeist: Finanzcrash (»Der Geldkomplex«), Flüchtlingskrise (»Alles Lüge«), Generationenfragen (»Die Jugend von heute«) oder Coronapandemie (»Sterben war gestern«). Allen Büchern gemeinsam sind ein plaudernder, scheinbar harmloser Ton, der nicht selten in Polemik abdriftet. Grundmotiv ist stets die Vermischung von Autobiographie und Fiktion. (dpa/jW)
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