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Konzert

Lauwarme Engel

30 Jahre und kein bisschen weise: Placebo in Leipzig

Foto: NurPhoto/IMAGO
Placebo-Chef Brian Molko aka Jack Sparrow 2024 in Mailand

Es ringt selbst mir Mitleid ab, wie mit der Berliner Partei Die Linke verfahren wird und woran sie alles schuld sein soll: Berlin wird 100 Jahre nach den Hitlerspielen 1936 nicht noch einmal Olympiastadt? Schuld am Rückzug der Bewerbung seien Elif Eralp und Genossen höchstpersönlich, nicht etwa die große Ablehnung des Sportsermons in der Bevölkerung der Kapitale, die statt dessen lieber bezahlbare Mieten hätte. Der Ausbau des Leipziger Sportforums, das als Berliner Außenstelle mitbeworben worden war, wurde bislang nicht abgesagt: Der Freistaat Sachsen hat bereits 60 Millionen Euro lockergemacht, damit nicht nur eine neue Ballsporthalle mit 5.000 Zuschauerplätzen entsteht, sondern auch die – Gott strafe diesen Sponsorennamen aus der Hölle! – Quarterback-Immobilien-Arena auf eine Kapazität von 12.000 aufgestockt werden kann. In einer Stadt wohlgemerkt, deren Herrenhandballteam im Sommer in die zweite Liga abgestiegen ist und auch davor nur gegen Topteams und im Derby mit Eisenach vor ausverkauftem Haus spielte.

Auch für Placebo reicht die aktuelle Budengröße: Die waren am Montag abend in Leipzig und feierten 30jähriges Bandbestehen. In ausverkauftem Haus, aber viel mehr wären bei den saftigen Ticketpreisen – von 80 Euro aufwärts – wohl eh nicht gekommen. Das primär aus Mit- und Endvierzigern bestehende Publikum klatschte brav zur Vorband Maria Iskariot. Die Punkrockerinnen aus dem flämischen Gent hatten vergangenes Jahr mit »Wereldwaan« debütiert. Netter Hintergrundpunk auf Platte, kam live hinreichend Dreck und Rotz dazu, dass es sich hören ließ. Bei einem affineren Publikum und einer kleineren Bühne wäre der Funken vielleicht übergesprungen, aber so weit ist der Sozialismus mit eralpschen Eigenschaften noch nicht vorgedrungen.

Befehle und Verbote mussten statt dessen andere übernehmen: Wer vorhatte, einen verwackelten und 80 Euro teuren Videomitschnitt von Placebo anzufertigen, wurde wiederholt sanft zum analogen Genuss gebeten und aufgefordert, den Hinterleuten nicht die Sicht mit dem Smartphone zu nehmen. Es gehe um »Euphorie« und »Transzendenz«, die vermittelt werden sollten in dieser heiligen »Anti-Handy-Night« (Brian Molko): »Please help us on our mission.« Und wer nicht hilft, dem wird geholfen: Die Ordnerinnen und Ordner werfen sich tapfer jedem Möchtegernvlogger entgegen, der mitzuschneiden versucht.

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Einmal Daft Punks »Around the World« aus der Dose, dann ist es Punkt neun, und die Transzendenz flutete nun über Bildschirme in den Saal: Von heuer an wird runtergezählt bis 1996: Eine auf die Vergangenheit hinsteuernde Videoschnipselcollage. Das Publikum zeigt mit Applaus an, dass es alt genug ist, um noch David Bowie zu erkennen. Noch einmal Jubel, als das Video zu »Nancy Boy« samt Arschschau aufblitzt.

Dann die zum Duo (Molko und Stefan Olsdal) geschrumpften und live mit Bühnenpersonal verstärkten Alternrocker aus London. Molkos von der Natur hochgepitchte Stimme haben die Jahre unbeschadet gelassen – wo er improvisiert, liegt er nie falsch, oft aber auch nicht völlig richtig. Das Blut und die Tinte, die zu »Without You I’m Nothing« auf den großen Leinwänden vergossen werden, deuten im Retrochic an: Das, was hier passiert, war einmal. Als grad die Schublade klemmte, in der Gothic steckte, sich Grunge totkonsumierte, aber die Pausenhöfe noch dunkle Ecken hatten, in denen nicht die Emos hausten, kam Placebo daher und markierte einen eingängigen Indierock im Zwielicht, der im Mainstreamradio ebenso lief wie auf Viva, und für den sich niemand schämen brauchte.

Schwer davon beeindruckt – und sicher auch pubertär vom spicy Cover angezogen – kaufte ich mir damals Placebos viertes und bestes Album »Sleeping With Ghosts« (2003). Wo aber sind »English Summer Rain«, »The Bitter End« und »Special Needs« an jenem Abend, um meine nostalgischen Bedürfnisse zu befriedigen? Es ist schon bitter: Placebo spielen sich routiniert durch ihre Diskographie, simulieren Demokratie, indem sie das Publikum um Zustimmung bitten, ehe sie die neue Single »Helen Keller« geben. »Special K« und »Song to Say Goodbye« lassen jedoch auf sich warten. Hoffnung macht die obligatorische Zugabe: Zum »Eiskalte Engel«-Soundtrack »Every You, Every Me« ist bei den Filmenthusiasten das Handyverbot längst aus dem Kopf. Danach das Depeche-Mode-Cover »I Feel You« und nach »Runnin’ Up That Hill« rödeln Molko und Olsdal an den Distortion-Reglern, drehen mit den Gitarrenpedalen laszive Kreise und wecken Träume, dass es doch noch nicht vorbei sei. Ist es aber, sehen wir’s ein!

Dieses Jahr brachten die Thrash-­Metaler Megadeth ihr endgültiges Album heraus. Darauf der letzte Song: »Ride the Lightning«, ein Cover gerade von Metallica, zu denen Dave Mustaine ein Verhältnis pflegt, für das Therapien erfunden wurden. Nun ist keine Fehde zwischen Kate Bush und Placebo bekannt und zweiterer Version von ersterer beachtlich. Aber drei Dekaden eine Band betreiben und das durchaus erfolgreich, legen nicht gerade nahe, dass die Jubiläumsshows mit Songs der anderen schließen sollten. Aber hey: Mit »An Noodles« wurde dieses Jahr ein sehr zu empfehlendes Restaurant in Arenanähe eröffnet.

→ Nächste Konzerte: Hamburg, 26.10.; Frankfurt am Main, 29.10.
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Erschienen in der Ausgabe vom 16.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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