Köpenickiade, Kube → Jubel der Woche. Von Jegor Jublimov
Mit dem großen Coup eines Kleinkriminellen wurden am Freitag vor 120 Jahren Preußen und sein Militär weltweit lächerlich gemacht. Zugleich wurde die vor den Toren Berlins gelegene Kleinstadt Cöpenick (wie man sie damals schrieb) weltbekannt. Der aus dem Memelland stammende Schustersohn Wilhelm Voigt (1849–1922) hatte wegen Taten, die er aus sozialer Not begangen hatte, viele Jahre in preußischen Gefängnissen zubringen müssen, unter anderem wegen Diebstählen und Urkundenfälschung. Als er endlich ein rechtschaffenes Leben beginnen wollte, wurde das durch Behörden vereitelt, weil ihm in Mecklenburg und im Großraum Berlin jeweils nach kurzer Zeit das Aufenthaltsrecht entzogen wurde. Aus Verzweiflung, aber durchaus gewitzt, fasste Voigt den Plan, in der Berliner Umgebung eine Stadtkasse zu plündern. Dafür nähte er sich eine preußische Hauptmannsuniform und vertraute ganz auf den preußischen Kadavergehorsam. In dieser rekrutierte Voigt einen kleinen Trupp Soldaten, die aus der Militärbadeanstalt Plötzensee kamen, besetzte mit ihnen das Cöpenicker Rathaus und erbeutete mehrere tausend Mark. Weil ihn bald ein Kumpan verpfiff, wurde er festgenommen.
Die Presse griff die Geschichte dankend auf: Das Husarenstück machte Voigt, der einige Monate Haft abzusitzen hatte und 1908 entlassen wurde, zu einem frühen Medienstar. Sofort erschienen kurze Stummfilme, er posierte vor der Kamera und besprach eine Schallplatte. Revuen spielten die Köpenickiade als Sketch, es gab auch eine Operette, und illustrierte Bücher trugen das Husarenstück in die Welt. Nach Voigts Tod machte ihn Carl Zuckmayers Theaterstück »Der Hauptmann von Köpenick« unsterblich, der Dramatiker hob die soziale Komponente der Aktion und den preußischen Untertanengeist hervor. Noch im Premierenjahr 1931 wurde es von Regisseur Richard Oswald mit Max Adalbert verfilmt. Nach gleichem Drehbuch adaptierte Oswald die Geschichte in der Emigration in den USA 1945 mit Albert Bassermann. In späteren Verfilmungen spielten Heinz Rühmann (1956) und Harald Juhnke (1996) den »Hauptmann«, am gültigsten aber scheint noch immer die TV-Adaption mit Rudolf Platte (1960).
Ob Horst Kube jemals den Wilhelm Voigt spielte, ist nicht überliefert. Die Statur dazu hatte er. Kube starb am Sonntag vor 50 Jahren, er wurde nur 56. Seine schönste Hauptrolle verdankte der Berliner dem Regisseur Kurt Maetzig, in dessen Komödie »Vergeßt mir meine Traudel nicht« (1956) er neben Eva-Maria Hagen einen Volkspolizisten gab. Kube spielte am Berliner Ensemble in Erwin Strittmatters »Katzgraben« (1957 auch im Film) und arbeitete mit Filmregisseuren wie Wolfgang Staudte, Konrad Wolf, Günter Reisch oder Kurt Jung-Alsen. Dabei übernahm er so unterschiedliche Rollen wie den komischen LPG-Vorsitzenden in »Maibowle« (1959), den zwielichtigen Fischer in »Der Moorhund« (1960) oder Rauhbeine im Wilden Westen (»Spur des Falken«, 1968, »Tecumseh«, 1972). Auch in Adaptionen literarischer Stoffe konnte Kube glänzen, sei es als Polizeileutnant in »Köpfchen, Kamerad« (1965, nach Franz Fühmann) oder als Bauer in »Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche« (1967, nach Ehm Welk).
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