Bessere Zeiten klingt gut
Tja, also nicht so richtig super: Das neue Album »∞ +1« von Bilderbuch
Neulich »Kick« der australischen Band INXS gehört, ihr Erfolgsalbum von 1987. Lange gesucht, in einem Friedrichshainer Second-Hand-Laden für zehn Euro erstanden. Was das Album von damals mit dem neuen von Bilderbuch zu tun hat? »Kick« ist ein abwechslungsreiches, gut gemachtes Rockpopalbum auf der Höhe seiner Zeit, man hört deutlich, dass die Produzenten von Princes Single »Kiss« hellauf begeistert waren. Die Rhythmusgitarre klingt klar, ist funky, statt Rockschlagzeug setzte man auf Drum Patterns. Der Rock auf »Kick« weiß alles, was Rock seit 1956 wissen muss und vermeidet doch die Fallen, die das Genre ab 1968 breit bereitgestellt hat. »Kick« funkelt, hat Sex, nervt nicht. Eine Zeitlang war es mein Album der Stunde.
Bilderbuchs »∞ +1« ist nicht das Album, das der Band aus Österreich den Durchbruch beschert. Den haben sie längst hinter sich. Die Jugendjahre in Kremsmünster sind ferne Vergangenheit, aus Indierock wurde Discopop mit HipHop-Einschlag. Es sind erstaunlich viele Jahre ins Land gegangen, seit sie damals in »Inas Nacht« (ARD) den Song »Maschin« (2025) playback gespielt haben. Im Grunde ein Armutszeugnis, klang damals trotzdem fresh wie Turnschuh. 2017 kam »Bungalow« auf dem Album »Magic Life« und weitere Platten, die um die funkelnden Hits herumgestrickt waren. Gute Zeiten für Bilderbuch.
»∞ +1« ist ihr achtes und den anderen durchaus ähnlich: Pop oder Rock, gelernt von den Großen, gleichwohl eigenständig, immer funky. Die Funk- ist eine Rockfunkgitarre, sie bratzt und zerrt. Meist klingt sie nach 1984, was nicht unbedingt von Vorteil ist: Van Halen statt Prince. Die Stimme wird durch diverse Autotunefilter geschickt. Die Beats pumpen nicht, scheppern nicht, kratzen und klicken nicht, das ist irgendwie vorbei, so wie HipHop für Bilderbuch vorbei ist. Trotzdem geht es insgesamt eher nach vorn, eine ätherisch wirkende Nummer wie »Unterwasser« bildet ab, was unter Abwechslung läuft. Was das insgesamt soll, außer ein bereits durchgesetztes Erfolgsrezept zu konsolidieren, weiß man allerdings nicht.
Klar, Sex versprüht die Musik immer noch, eher a- bis antisexuellen Diskursen der letzten Zeit zum Trotz. Die Sprache von Sänger Maurice Ernst hüpft immer noch lustig vor sich hin; Ernst ist ein Meister des Verkürzens, ein Mastermind des Denglischen. Wer sich für das Jugendwort des Jahres interessiert, wird von »∞ +1« for real bestens abgeholt. Im Mittelpunkt des Werks steht die Single »Push Reality«, die es mit »Maschin« oder »Bungalow« aufnehmen kann. Obgleich das Stück eher wie das Videospiel zur Band klingt. »Baby Junkie« wäre der zweite, ebenfalls nicht gute Hit, etwas indierockiger als der Rest. Daneben findet sich das eine oder andere Schmankerl, insgesamt dudelt es aber ziemlich jeansshopmäßig vor sich hin.
Mit INXS nahm es bekanntlich kein gutes Ende. Auch Ernst galt ja als Sexsymbol, eines der treuen, nicht so eigensüchtigen Sorte. Inzwischen haben Bilderbuch ihren Gitarristen in Pension geschickt, angeblich auf eigenen Wunsch. Eingewechselt haben sie das Multitalent Uche Yara aus Linz bzw. Berlin, auch sie hat gerade eine Platte draußen, eine, die eher auf Hyperspace-Pop Richtung Arca oder FKA Twigs setzt. »∞ +1« klingt dagegen noch sehr nach ihrem Vorgänger. Ein Hallelujah für Longevity? Mal wieder »Kick« hören, wäre meine Empfehlung.
→ Bilderbuch: »∞ +1« (Maschin Records)
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