»Sexualisierte Gewalt ist nun vermehrt ein Thema«
Sie brachte ihre Vergewaltigung an die Öffentlichkeit und löste die japanische »MeToo«-Bewegung aus. Ein Gespräch mit Ito Shiori
Hat Ihr Film nach der Premiere in Japan öffentliche Debatten über sexualisierte Gewalt oder die Diskriminierung von Frauen ausgelöst? Die Zahl der Sexualverbrechen, die der Polizei gemeldet werden, ist ja immer noch verschwindend klein.
Der Film wurde bisher in 77 Kinos landesweit gezeigt, doch die Reaktionen der Medien waren höchst zurückhaltend. Ich wurde kein einziges Mal interviewt. Die Berichterstattung konzentrierte sich auf »formale Mängel« und man hat mir vorgeworfen, ich hätte nicht die Erlaubnis von allen Beteiligten eingeholt, die im Film auftreten.
War das der primäre Grund für die Verzögerung des Starts in Japan?
Es scheint so. Doch da war vermutlich noch etwas anderes am Werk. In Japan ist die Selbstzensur weit verbreitet. Oft wird aufgrund von Stimmungslagen entschieden. Die Mächtigen agieren dabei im Hintergrund als unsichtbare Bedrohung. Da ist es schwer einzuschätzen, was die wahren Beweggründe der Kinoverantwortlichen waren. Im Ausland scheint es Bestrebungen von japanischen Offiziellen gegeben zu haben, die Aufführung des Films zu verhindern.
Wie ist es Ihnen ergangen, nachdem Sie im Mai 2017 vor die Presse getreten waren?
Ich hatte Reaktionen im Netz erwartet, doch die Realität fühlte sich viel brutaler an. Auch meine Eltern erhielten Drohungen. Ich brach den Kontakt zu ihnen vorübergehend ab, um sie nicht noch mehr zu gefährden, ging nur noch mit Hut und Brille auf die Straße, und zog schließlich ins Ausland. Es ist hart, wenn man sich von der eigenen Gesellschaft ausgeschlossen fühlt. Dieses Trauma wirkt bis heute nach.
Ihr Mut hat sich trotzdem ausbezahlt. Es hat sich in der Gesellschaft doch etwas bewegt.
Ja. Sexualisierte Gewalt ist nun vermehrt ein Thema in den japanischen Medien. Und andere Gewaltopfer sind mir gefolgt und haben ihre Fälle auf prominente Weise öffentlich gemacht. Doch auch sie leiden an den Reaktionen der Allgemeinheit – da hat sich leider nichts verändert. 2017 und 2023 wurden die Strafrechtsparagraphen für sexualisierte Gewalt nach über hundert Jahren endlich revidiert. Vor 2023 war es beispielsweise für die Opfer schwierig, den anschließenden Prozess zu gewinnen, wenn sie sich während der Vergewaltigung nicht gewehrt hatten.
Die Staatsanwaltschaft wollte gegen Ihren Vergewaltiger Yamaguchi Noriyuki zunächst gar nicht vorgehen, da die Beweise angeblich nicht ausreichten, um zu belegen, dass Gewalt im Spiel war. Sie haben dann Zivilklage eingereicht und den Prozess 2022 schließlich gewonnen. Und Sie haben verschiedene Verleumdungsklagen geführt – auch dies damals eine Seltenheit.
Ja. Verleumdungen im Netz führen immer wieder zu Suiziden. Da schien es mir wichtig, dagegenzuhalten. Ich habe sogar die rechte Politikerin Sugita Mio verklagt, weil sie im Netz auf Verleumdungen, die mich betrafen, mit »gefällt mir« geantwortet hatte.
Haben Sie gewonnen?
Ja.
Der Feminismus gilt in Japan immer noch nicht als Selbstverständlichkeit. Doch viele Japanerinnen scheint das wenig zu kümmern. Ist es Flucht ins Private, Resignation, oder werden sie tatsächlich immer zufriedener, wie Umfragen zu zeigen versuchen?
Ich denke, sie können sich ein Leben jenseits der festgefahrenen Routine gar nicht vorstellen. Die Diskriminierung von Frauen belegen nicht nur Zahlen, sie sitzt auch tief in den Strukturen unserer Gesellschaft wie auch in unserer Sprache, wo sie vielleicht weniger auffällt. Nehmen Sie etwa unsere Schrift: Das Zeichen für »Frau« steht oft im Zusammenhang mit Unterwürfigkeit, während »Mann« unter anderem Stärke symbolisiert. Und noch etwas zum Feminismus: Wenn ich meine Gespräche mit Feministinnen in Japan mit denen im Ausland vergleiche, merke ich, wie schwer es für uns ist, auf Augenhöhe zu diskutieren. Unsere Höflichkeitssprache presst uns in Hierarchien, die anderswo so nicht existieren. Dies macht den Feminismus, der in Japan stark verwissenschaftlicht ist, vielleicht weniger attraktiv.
Bedauern Sie manchmal, dass Sie damals in den Kampfring gestiegen sind?
Nein. Ich habe dadurch viele wunderbare Menschen kennengelernt. Und ich hoffe, dass ich trotz aller Widrigkeiten einen Beitrag zu mehr Geschlechtergerechtigkeit geleistet habe.
Ito Shiori, geboren 1989, wurde durch ihren Dokumentarfilm »Black Box Diaries« weltbekannt. Sie rekonstruiert darin den Hergang bis zu ihrer Vergewaltigung durch den in Japan bekannten Fernsehjournalisten Yamaguchi Noriyuki im April 2015 und zeigt den anschließenden Kampf um Gerechtigkeit gegen Justizsystem, Patriarchat und gesellschaftliche Tabus – damals noch eine Seltenheit. Yamaguchi ist nicht nur prominent, sondern auch ein Freund des damaligen Premiers Abe Shinzo. Als Ito im Mai 2017 mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging, sendete dies Schockwellen durchs Land. Sie wurde zur Ikone der anschließenden »MeToo«-Bewegung in Japan.
Der vielfach ausgezeichnete Film erlebte seine Weltpremiere Anfang 2024 beim Sundance Film Festival in den USA und wurde im vergangenen Jahr für den Oscar nominiert. Die Premiere in Japan war für März 2025 geplant gewesen, verzögerte sich jedoch um neun Monate.
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