Zum Inhalt der Seite
Japans Wirtschaft

Jahrzehnte der Stagnation

Japan: Seit der Rezession der 1990er Jahre steht der »Kapitalismus mit humanerem Gesicht« in Frage – der ohnehin eine Illusion war

Foto: Reuters
Trübe Aussichten: Bei Massenveranstaltungen konkurrieren baldige Uniabsolventen um Arbeitsplätze (Tokyo, 16.11.1999)

Was im Japan der Nachkriegszeit lange als ökonomische und politische Selbstverständlichkeit galt, ist vor nun schon 35 Jahren schwer erschüttert worden. Die Turbulenzen 1991 und Anfang 1992 haben das Land in eine Identitätskrise gestürzt und einen Richtungsstreit ausgelöst, der bis heute andauert. Wegen der Zähigkeit bei der Umsetzung von Reformen sprechen sowohl linke als auch neoliberale Kommentatoren gerne von den »verlorenen 35 Jahren«.

Nachdem Japan die vielen Krisen der 1970er und 80er Jahre erstaunlich gut überstanden hatte, kam seine Ökonomie nach dem Platzen der Spekulationsblase zu Beginn der 90er Jahre ins Stottern. Anfang 1991 war klar: Der damalige Technologieweltmeister befand sich in einer Rezession. Die Reformvorschläge innerhalb der konservativen Dauerregierungspartei LDP (Liberaldemokraten) – vor allem im politischen Bereich – wurden von den Parteigranden blockiert. Im Oktober 1991 musste Premier Toshiki Kaifu deshalb zurücktreten. Nach dem Machtwechsel ging es im gleichen Stil weiter: Im Februar 1992 erschütterte der Sagawa-Kyubin-Skandal das politische Establishment. Schmiergelder waren an führende Politiker geflossen, um dem namensgebenden Paketdienstbetreiber bessere Expansionschancen im stark regulierten Markt zu ermöglichen. Vielen in Politik, Wirtschaft und den Medien wurde klar, dass »Japan Inc.« – wie das eng verzahnte Wirtschaftssystem von Privatunternehmern und Regierung damals hieß – an seine Grenzen gestoßen war. Der Inselstaat müsse sich neu erfinden, so der Tenor.

Dabei hatte nur 15 Jahre zuvor alles noch so gut ausgesehen. Der Harvard-Professor Ezra Vogel veröffentlichte 1979 den Bestseller »Japan as Number One«. Der Untertitel lautete: »Lessons for America«. Nun sollte der Westen von Japan lernen und nicht umgekehrt, wie es vor allem liberale und linke Intellektuelle des Inselstaats nach 1945 gefordert hatten. Sie hatten den Japanern einen Mangel an individueller Autonomie bescheinigt und diesen für die Entstehung des Vorkriegsfaschismus verantwortlich gemacht. Vogel pries nun umgekehrt den japanischen Teamgeist und die »ureigenen« Konsensfindungsprozesse, die angeblich störungsfreie Arbeitsabläufe ermöglichten, da alle an einem Strang ziehen würden. In den 1980er Jahren waren die Buchläden voll mit Büchern, deren Autoren das »japanische Wesen« verstanden zu haben glaubten. Gerade dieses sei es, das die wirtschaftlichen Erfolge ausgelöst habe – so die Meinung. Zehn Jahre später schien all dies wie weggeblasen.

Prinzip Hoffnung

Einer, der nah dran war an den turbulenten Ereignissen der 1990er Jahre, ist Shoichi Kondo , geboren 1958. Er saß von 1996 an 30 Jahre im japanischen Unterhaus, zuletzt für die Zentristische Reformallianz, die sich jedoch schon wieder im Auflösungsmodus befindet. Bei der Gründung des Bündnisses im Januar 2026 wurde er deren Vizechef, verlor diesen Posten jedoch, als er seinen Sitz bei den Unterhauswahlen im Februar abgeben musste. Sein Wahlkreis befindet sich in einem Vorort der Hafenstadt Nagoya – deren Ausläufer die Sitze eines Gutteils der japanischen Automobilindustrie beheimaten.

Ich treffe Kondo in einem zweistöckigen Haus, in dem seine Büros untergebracht sind. Trotz der jüngsten Schicksalsschläge und der derzeitigen Krise der Mitte-links-Opposition ist bei ihm von schlechter Stimmung wenig zu spüren. Wie um dies zu unterstreichen, trägt er an dem Tag Orange – in der Politik steht die Farbe oft für »Hoffnung« und »Aufbruch«. Er mache weiter, sagt er mir. Bei den nächsten Unterhauswahlen will er sich wieder aufstellen lassen.

Anzeige

Schon früh habe er den Wunsch verspürt, wie sein Vater Politiker zu werden. Trotzdem heuerte er 1984 bei der linksliberalen Zeitung Chūnichi (Zentraljapan) an. Die Wende kam 1992: Morihiro Hosokawa, der ein Jahr später Premierminister werden sollte, verließ aus Protest über den »Reformstau« die LDP, um eine neue Partei zu gründen. Dies diente Kondo als Inspiration. Anfang 1993 kündigte er und ging in die Politik. Er erhoffte sich von den anstehenden Reformen vor allem einen Schub hin zu einer gerechteren und faireren Gesellschaft, von der alle profitieren würden. Der japanische Kapitalismus habe damals vielleicht ein humaneres Gesicht gehabt, meint er, doch von der Klientelpolitik der LDP hätten viele Japaner nur wenig gehabt. 1994 schloss er sich deshalb der Neuen Partei Sakigake (Vorbote) von Masayoshi Takemura an. Auch Takemura war damals wie Hosokawa und auch Ichirō Ozawa aus der LDP ausgetreten, um jeweils eine neue Partei ins Leben zu rufen, und der sozialliberalste in dem Trio. Er plädierte für Bescheidenheit und hegte Zweifel daran, ob Japan ein Großmachtstatus zum Vorteil gereichen würde. Sein Slogan lautete: »Qualität statt Quantität«.

Den damaligen Zeitgeist am besten habe jedoch Ozawa – ein brillanter Stratege – eingefangen, meint Kondo. Viele Japaner befürchteten, den Anschluss an die rasch zusammenwachsende Weltwirtschaft zu verpassen. Die bisher vielgepriesene Mittelstandsgesellschaft, in der die Spreizung der Löhne begrenzt war, galt nun plötzlich als Fluch. Sie wie auch die vielen bürokratischen Hürden seien verantwortlich dafür, dass Eigeninitiative abgewürgt wurde. Gefordert wurden vor allem ein freieres Umfeld und neue Ideen, die man gut und gerne teuer vergelten könnte. Um solche Pläne umzusetzen, brauchte es jedoch – so der allgemeine Tenor – mehr Wettbewerb in der Politik und eine mächtigere, saubere Regierung. Der bekannte niederländische Journalist und Japan-Spezialist Karel van Wolferen bezeichnete das damalige politische System als »führerlos«, da ein Zentrum der Macht fehle. Ozawa forderte deshalb, die Verantwortung klar zu benennen, und zwar nicht nur in der Politik, sondern auch bei jedem einzelnen Bürger.

Ob er denn nicht befürchtet habe, dass solche Vorstellungen direkt in den Neoliberalismus und steigende Armut münden würden, frage ich Kondo. Er überlegt kurz. Natürlich habe er gewusst, dass das Beharren auf mehr Wettbewerb viele Schattenseiten habe, meint er. Takemura habe sich als Politiker in jener Zeit denn auch auf den Ausbau des öffentlichen Dienstes konzentriert. Doch der Zeitgeist deutete klar in Richtung »Liberalisierung« und »Deregulierung«.

Auch bei einem anderen Thema mochte Kondo nicht mit Ozawa mitziehen. Dieser propagierte die Idee einer »normalen Nation« – Japan solle die »Fesseln« ablegen, die es sich nach 1945 auferlegt hatte. Er wollte, dass sein Land eine aktive politische und militärische Rolle auf der internationalen Bühne spiele und vor allem bei den »Friedensbemühungen« der UNO mitmache. Doch Kondo hält bis heute nichts von der Idee, die Friedensverfassung, die es Japan verbietet, Krieg zu führen, zu revidieren. Gerade sie sollte den Inselstaat motivieren, etwa durch Diplomatie auf den Frieden in der Welt hinzuarbeiten.

Ende der Geduld

Solche Debatten prägten auch das Jahr 1994, als die LDP im Sommer nach einjähriger Auszeit wieder an die Macht kam. Allerdings steckte die Dauerregierungspartei in einem Dilemma: Ihre Klientel lebte vor allem auf dem Lande, wo sie von abgeschotteten Märkten profitierte. Andererseits wusste die LDP, dass sie mit dem Zeitgeist gehen musste, wollte sie an der Macht bleiben. Es folgten 30 Jahre des Sichdurchwurstelns mit vielen Alibiübungen, doch nur wenigen tiefgreifenderen Veränderungen. Natürlich können viele Japaner froh sein, dass der Neoliberalismus – wirtschaftliche Freiheit ohne soziale Abfederung – nicht stärker durchgedrückt worden ist. Auch Ozawa hat seine Ansichten in dieser Beziehung revidiert und ist kein Falke mehr. Japan ist heute etwas diverser, seine Wirtschaft hat Weltmarktanteile verloren, die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich vergrößert, der Lebensstandard ist in der älter gewordenen Gesellschaft eher gesunken, und der Anteil der ländlichen Bevölkerung hat abgenommen, weshalb die LDP ihren Fokus nun vermehrt auf die Städte und Großunternehmen richtet, ohne jedoch Korruption und Verfilzung überwunden zu haben.

Die Mitte-Opposition, die sich 1996 zur Demokratischen Partei (DPJ) zusammenschloss und auch konservative und linke Kräfte einbezog, bildete ein Gegengewicht zur LDP, war aber schlussendlich zu schwach, um ihr Programm durchzusetzen. Wären ihre Vorstellungen von Liberalisierung, Deregulierung und Ausbau der spärlichen sozialen Sicherheitssysteme realisiert worden, hätte sich Japan sicherlich anders entwickelt. An Japans Schwerfälligkeit änderte auch der kurzfristige Richtungswechsel in den Nullerjahren nichts, den der neoliberale Premier Junichiro Koizumi (2001–2006) initiierte oder den die unter einem schlechten Stern stehende »Machtergreifung« der DPJ mit sich brachte.

Widerstand gegen weitreichende Reformen kam aber auch von unten. Im japanischen Alltag herrschen immer noch ungeschriebene Gesetze und Gruppendruck, die das Zusammenleben bestimmen. Ein prägnanter Individualismus gilt als verpönt, und die Protestkultur wird vielerorts immer noch schräg angesehen. Außerdem erwarten viele Japaner von der Politik in erster Linie, dass ihre Eigeninteressen befriedigt werden. Am ehesten noch gab es Verschiebungen auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik. Shinzo Abe hat Japan während seiner zweiten Amtszeit ab 2012 zu einem »normaleren Staat« gemacht. Die 2015 beschlossene Installierung der »kollektiven Selbstverteidigung« ermöglicht es dem Inselstaat nun, überall auf der Welt an US-Kriegen teilzunehmen.

Doch Kondo glaubt, dass dieses von der LDP zu verantwortende System, bei dem die Bevölkerung durch harte Arbeit die Unzulänglichkeiten der Politik auszugleichen versucht, bald an seine Grenzen stoßen werde. Bestes Beispiel sei der Bildungsbereich. Der japanische Staat spart bei den Bildungsausgaben – sie sind im OECD-Ländervergleich unterdurchschnittlich. Trotzdem belegt Japan in der PISA-Studie, die die Kompetenzen von Schülern im internationalen Rahmen vergleicht, jeweils Spitzenplätze. Kondo führt dies auf den Einsatz der Lehrer zurück, die trotz moderater Löhne versuchen, die Qualität des Unterrichts hochzuhalten. Doch auch die Geduld der Japaner kennt Grenzen. Was dann passiert, ist höchst ungewiss.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 25.09.2026, Seite 9, Schwerpunkt

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!