Frau ja, Feminismus nein
Von Igor Kusar, Tokio
Sechsmal im Jahr ist in Japan Sumozeit. Während jeweils 15 Tagen kämpfen die stark beleibten Ringer um Sieg, Ehre und viel Geld. Die Besten unter ihnen gehören zu den absoluten Superstars im Land. Nun ist es Tradition, dass der amtierende Premierminister – falls es die Zeit erlaubt – am letzten Tag den Kampfring besteigt und dem Sieger den Pokal überreicht. Das letzte Mal geschah das vor rund einem Jahr, als Ishiba Shigeru in der Kampfhalle erschien. Doch mit der Ernennung von Takaichi Sanae zur Premierin im Oktober bekam der Sumoverband ein Problem: Frauen ist das Betreten des Rings verboten. Gemäß dem shintoistischen Glauben – Japans indigener Naturreligion – wird er von Kami (japanische Gottheiten) bewohnt, gilt als heilig und muss deshalb absolut rein gehalten werden. Diese Unbeflecktheit wird durch die Frauen bedroht – sie gelten wegen Menstruation und Entbindung als »unrein«. Gespannt war man deshalb darauf, wie Takaichi – eine stramme Konservative – dieses Dilemma angehen würde. Im November entzog sie sich durch ihre Abreise zum G20-Gipfel in Südafrika einer klaren Stellungnahme. Mitte Januar gab sie dann bekannt, auch dem ersten Turnier des Jahres in Tokio fernbleiben zu wollen. Tradition geht in ihren Augen vor Geschlechtergleichstellung.
Doch bei diesen Konventionen rund um Sumo handelt es sich um ein typisches Beispiel einer in der Moderne »erfundenen Tradition«, wo Bedeutungen neu konstruiert oder umformuliert werden. Natürlich bemühen sich konservative Forscher und Kommentatoren, den spirituellen Wesenskern des Sumo über Jahrhunderte zurückzuverfolgen. Doch eine klare Verbindung zwischen diesem Kampfsport und dem Shintoismus wurde erst am Anfang der Neuzeit erstellt, die in Japan 1868 begann. Mit Blick auf die »Beflecktheit« der Frau, die bereits seit Langem im Glaubenskonstrukt der auf Reinheit fokussierenden Naturreligion existiert, wurde ihnen daraufhin der Zugang zum Kampfring verboten. Zuvor wurden Sumoturniere in Notbehelfhütten auf dem Gelände von Schreinen und Tempeln abgehalten, um Geld zu sammeln. Frauen gab es auf den Zuschauerrängen keine, sie sollten vor den öfters ausbrechenden Raufereien geschützt werden. Daneben war Frauensumo bis zum Zweiten Weltkrieg jedoch ziemlich beliebt.
Die Aufwertung von Sumo zum modernen Nationalsport hatte einen klaren Grund: Der sich neu formierende Staat benutzte ihn als Symbol einer bereits jahrtausende währenden Glaubensgemeinschaft, die in der Verbindung zu den Kami ihren Ursprung hat. Solche Mythen sollten das Volk zusammenschweißen. Die Japanerinnen wurden dabei größtenteils ausgeschlossen und durch die Bewertung »unrein« in ihrer Sexualität behindert, die unter der Kontrolle der Männer verblieb. Natürlich gibt es in der japanischen Moderne auch Gegenbeispiele: 1872 wurde Frauen der Zugang zu shintoistischen Schreinen und buddhistischen Tempeln vollständig erlaubt. Trotzdem gibt es im Inselstaat bis heute heilige Orte, wo Frauen unerwünscht sind. Bis 2007 existierte sogar ein Gesetz, das ihnen den Zutritt zu Bauarbeiten im Tunnel verbot, aus Angst, die Berggöttin könnte eifersüchtig werden und ihn zum Einsturz bringen.
Rollback nach Revolte
Die Abwertung der Frau – ihre Behandlung als »Ding«, über das der Mann frei verfügen kann, wie es Tanaka Tohko im Gespräch mit jW formuliert – zieht sich durch die ganze japanische Moderne. Tanaka ist Feministin und Soziologieprofessorin an der Tokio-Universität. Sie forscht vor allem über die Verbindung von Feminismus und Medien. Im Gender Global Gap Report des Weltwirtschaftsforums, der die Gleichstellung der Geschlechter in den Bereichen Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und Politik misst, belegte Japan 2025 unter 148 Ländern Rang 118. Die Ernennung Takaichis zur ersten Premierin in der Geschichte Japans kam für viele liberale Feministinnen deshalb überraschend. Allerdings wurde in den Medien bereits eine Diskussion über die Notwendigkeit einer größeren weiblichen Präsenz in den Chefetagen geführt, die der frühere rechte Premier Abe Shinzo 2013 mit seinem Slogan »Womenomics« – arbeitende Frauen als Wachstumsmotor – angestoßen hatte. Viele Frauen in den großen japanischen Unternehmen und Medienhäusern beteiligten sich an diesen Debatten und am Traum von der Selbstverwirklichung. Die Idee war aber auch, dass der Durchstoß der Frauen zur Elite einen Trickle-down-Effekt (Durchsickern nach unten) auslösen würde, der allen Japanerinnen zugutekäme.
Takaichis Aufstieg stieß in diesem Lager des »neoliberalen Feminismus« auf Begeisterung. Doch auch in der breiten Bevölkerung unterstützen vor allem viele junge Frauen die neue Premierin. Sie tritt selbstsicher auf und ist in den meisten politischen Themen sattelfest. Als Frau hat sie frischen Wind in den verkalkten männerdominierten Politbetrieb gebracht. Bereits das steht für Veränderung, die viele nun mit einer zukünftigen Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse verbinden. Doch diese Hoffnung wird sich als Trugschluss erweisen. Denn Takaichi steht für eine Ideologie, die dafür verantwortlich ist, dass japanische Frauen durchschnittlich nicht einmal halb so viel verdienen wie Männer. Um dies besser zu verstehen, muss man auf die Vergangenheit blicken. Auch in Japan gab es eine Phase der »weiblichen Revolte«. Zwischen 1970 und 2000 erstritten sich die Japanerinnen mehr Rechte und kämpften oft erfolgreich gegen sexualisierte Gewalt.
Dann geschah etwas Unerwartetes: 1991 begannen in Südkorea Frauen ihre Stimme zu erheben, die in der Kaiserlichen Japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg als »Sexsklavinnen« ausgebeutet worden waren. Auch Feministinnen in Japan beteiligten sich an den aufkommenden Protesten – die Zeitungen griffen das Thema auf. Die Anschuldigungen trafen das japanische Patriarchat und insbesondere Rechte und Nationalisten ins Herz. Um den späteren Premier Abe Shinzo begann sich eine Gegenbewegung zu formieren. Diese richtete sich sowohl gegen die neue Geschichtsschreibung, als auch gegen den Kampf der Japanerinnen und zog immer weitere Kreise. Die bisherigen feministischen Erfolge wurden gestoppt oder gar rückgängig gemacht, der Sexualunterricht in Schulen wurde erschwert. Dieser Backlash dauerte bis 2010, ist jedoch auch heute noch spürbar.
Die bekannte Feministin und Publizistin Kitahara Minori erinnert sich gut an diese Zeit. 1996 eröffnete sie den ersten Laden in Japan, der Erotikartikel für Frauen verkauft. Sie wollte damit den Umgang mit weiblicher Sexualität entkrampfen. Doch die folgenden Jahre sollten sich als äußerst schwierig erweisen: Ihr Computerserver wurde mehrmals lahmgelegt, sie erhielt Morddrohungen und wurde 2014 sogar verhaftet. Sie hatte in ihrem Laden eine Nachbildung einer Vagina aus Gips einer japanischen Künstlerin ausgestellt, was als Sittenverstoß geahndet wurde. Wiederum sollte dem Versuch eines freieren Ausdrucks der weiblichen Sexualität ein Riegel vorgeschoben werden. Die Verlogenheit der Behörden wird deutlich, wenn man bedenkt, dass es in Japan shintoistische Fruchtbarkeitsfeste gibt, bei denen Männer einen tragbaren Schrein mit einem großen Phallus schultern.
Der patriarchale Backlash um das Jahr 1995 hatte jedoch auch eine neoliberale Komponente. Die Unternehmen begannen damals, sich für den globalen Wettbewerb zu rüsten und forderten einen flexibleren Arbeitsmarkt. Aus Mangel an Ausländern fiel das Augenmerk auf die Frauen, die sich zu jener Zeit trotz hoher Bildung oft ganz der Haushaltsarbeit widmeten. Hierauf stieg infolge des allgemeinen Lohndrucks die Arbeitsquote der Frauen, die häufig in prekäre Arbeitsverhältnisse gezwungen wurden. Diese Entwicklung dauert bis heute an. Und der patriarchale Druck sorgt dafür, dass sich daran nichts ändert. Einen Trickle-down-Effekt wird es unter Takaichi, die im politischen Umfeld von Patriarchat und Neoliberalismus aufgestiegen ist, deshalb nicht geben.
Schöner Schein
Im Gegensatz etwa zur italienischen Premierin Giorgia Meloni – einer weiteren Rechtskonservativen –, die sich im Gewand des Femonationalismus als Kämpferin für die Sache der Italienerinnen sieht, gebe Takaichi nicht mal vor, etwas für das Gros der Japanerinnen tun zu wollen, meint Kikuchi Natsuno, Feministin und Soziologieprofessorin an der Städtischen Universität Nagoya gegenüber jW. Die Japanerin habe bereits in ihrer Antrittsrede die für Frauen so wichtige Work-Life-Balance verworfen, und ihre Landsleute zu noch größeren Anstrengungen aufgerufen. Kikuchi beschäftigt sich unter anderem mit dem Phänomen des »Postfeminismus«. Dabei gehe es um die irrige Annahme, der Feminismus habe ausgedient, da die Geschlechtergleichstellung – etwa auf gesetzlicher Ebene – erreicht worden sei. Viele japanische Feministinnen im liberalen oder radikalen Lager sehen in Takaichis Amtsübernahme die Gefahr eines verheerenden Effekts: Ihre Geschichte vermittle den falschen Eindruck, dass die berühmte gläserne Decke endgültig durchbrochen worden sei.
Doch nicht nur das Leben im Prekariat ist hart, auch die japanischen Elitefrauen führen, trotz »Womenomics«, einen täglichen Überlebenskampf – wenn auch einen der anderen Art. Sie werden vor allem von den Netzgemeinschaften auf Schritt und Tritt überwacht, die auch hierzulande von toxischer Männlichkeit infiziert sind. Bereits kleine Regelübertretungen – etwa bei der Etikette – können dabei starke Reaktionen auslösen und landen schnell einmal in den Mainstreammedien – ein Phänomen, das die männlichen Kollegen weniger tangiert. Uniprofessorin Tanaka führt diese Verirrungen auch auf die kleine Zahl dieser Frauen zurück. Unter besonderer Aufmerksamkeit stehen bekannte Feministinnen wie sie selbst. Anfeindungen sind an der Tagesordnung, jede ihrer Bemerkungen scheint viele Japaner in ihrem innersten Stolz zu treffen.
Trotz dieser widrigen Umstände hat die erstarkte globale Frauenbewegung der vergangenen zehn Jahre auch in Japan positive Spuren hinterlassen. Als im Westen 2017 das Hashtag »MeToo« populär wurde, trat die Journalistin Ito Shiori mit Enthüllungen ihrer Vergewaltigung vor die Presse, was Schockwellen durch Japan sandte – der Täter war ein Freund des damaligen Premiers Abe. Trotz enormer Anfeindungen ging Ito vor Gericht – ein mutiger und damals noch seltener Schritt. Sie wurde zum Star der Linken, die sie als Speerspitze gegen ihr Feindbild Abe benutzte. Danach wurde es für Betroffene von Übergriffen und sexualisierter Gewalt etwas leichter, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Eine Plattform boten etwa die von der Feministin Kitahara organisierten Flower-Demonstrationen. Diese Entwicklung erreichte 2023 einen Höhepunkt, als Gesetze gegen sexualisierte und partnerschaftliche Gewalt verschärft wurden.
Nischen erkämpft
Doch das Leiden vieler Japanerinnen geht weiter, sowohl als ausgebeutete Arbeitskraft als auch als Sexualobjekt. Anzügliche Bemerkungen der Männer gehören immer noch zum Alltag, wie auch die permanente Zurschaustellung des weiblichen Körpers in den Medien. Mehr als anderswo stehen die Japanerinnen unter enormem Druck, einem das Männerauge ansprechenden körperlichen Ideal nachzueifern. Für den französischen Philosophen Michel Foucault war diese Disziplinarmacht ein Teil dessen, was er als »Biopolitik« verstand – soziale und kulturelle Mechanismen zwingen etwa zu Diäten und treiben Frauen in die Unterwürfigkeit. Doch die Japanerinnen haben sich Nischen erkämpft, um dem Männerblick zu entfliehen. Die gesamte gehobene Gourmet- und Modewelt etwa gehört praktisch ihnen. Hier herrscht Weltklassequalität mit stark verfeinerten Umgangsformen. Der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojeve nannte es einmal die »reine Formalisierung des Lebens« mit entleertem Inhalt. Hier setzen die Japanerinnen Standards in der Ästhetik und auch Tugendhaftigkeit, die auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen. Die Japaner verharren derweil im Ideal der Bescheidenheit und Arbeitsamkeit.
Die große Distanz zwischen den Frauen- und Männerwelten ist vielleicht mitverantwortlich dafür, dass viele Japanerinnen von Geschlechterdiskriminierung nicht sprechen wollen. Die Kategorien, mit denen japanische Feministinnen – dem Westen entlehnt – operieren, scheinen in der Bevölkerung oft auf wenig Resonanz zu stoßen. Hier gelten andere Regeln.
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