Tränengas auf dem Campus
Von Friedrich Schmalzbauer
Gendarmen, die Tränengasgranaten über die Universitätsmauern werfen, auf Studenten einprügeln und sie verletzen: Die Bilder aus Senegal gingen in der vergangenen Woche um die Welt. An solche Szenen sollten sich eigentlich die beiden führenden Persönlichkeiten an der Spitze des Landes erinnern, Präsident Bassirou Diomaye Faye, und Premierminister Ousmane Sonko. Sie beide waren politische Gefangene des frankreichfreundlichen Vorgängerregimes von Macky Sall, die nach mörderischen Straßenschlachten vor zwei Jahren von der senegalesischen Jugend befreit und in die höchsten Ämter als Duo Sonko/Faye gewählt wurden. Ihr Anspruch: Arbeit, Ethik und Brüderlichkeit. Vordergründig geht es bei den aktuellen Studentenprotesten um nicht ausgezahlte Stipendien. Nur hängen an diesen Geldern nicht nur Studenten, sondern oft auch Familien aus ärmeren Verhältnissen. Die Sprösslinge der Reichen tummeln sich in Privatschulen, die seit Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen, oder pflegen im Ausland ihr Studentenleben. Besonders beliebt sind dabei der Französisch sprechende Teil Kanadas oder die USA.
Ausgerechnet an der Universität, an der Sonko und Faye ausgebildet wurden, der Université Gaston Berger in der ehemaligen französischen Kolonialhochburg Saint Louis, sind Studenten bei einer Demonstration schwer verletzt worden. Das gilt ebenso für andere Aktivisten an den fünf Universitäten der Republik Senegal. Darüber hinaus geht es um unzumutbare Studienbedingungen und fehlenden günstigen Wohnraum. Mit der Folge, dass neue Studenten nur immatrikuliert werden, wenn sie in privaten Unterkünften unterkommen, die von Spekulanten in Universitätsnähe hochgezogen wurden. Für Neue aus ärmeren Verhältnissen ist kein Platz.
Der Soziologe Scheich Tidiane Mbaye bringt es auf den Punkt. Es gehe nicht nur ums Geld, sondern um das Funktionieren des Universitätssystems. Man kann getrost hinzufügen: Es geht um das ganze Bildungssystem, an dem viele aus der vor allem ländlichen Bevölkerung nicht teilhaben und in dem man von der Grundschule an mit Französisch traktiert wird, obwohl im Dorf eine der sieben Volkssprachen »Muttersprache« ist. Wer es schafft, darf im Gymnasium die französische Romantik wiederkäuen, und dem wird zum Abschluss geraten, so schnell wie möglich aus dem Senegal zu verschwinden und in die reichere Welt abzutauchen. Frauen bleiben bei diesem Wettlauf öfter auf der Strecke als Männer. Außerdem verkauft nach Abschluss des Studiums ein erheblicher Teil der Absolventen alte Kleidungsstücke aus den reichen Industrienationen, die in Containern am Hafen von Dakar meistbietend versteigert werden.
Faye und Sonko, die Gründer der senegalesischen Partei der Patrioten für Arbeit, Ethik und Brüderlichkeit (PASTEF), streiten über den richtigen Weg. Faye ist auf Kompromisse mit den westlichen Geldgebern und ihren Institutionen aus, Sonko ist auf eher antiimperialistischem Kurs und sucht Geldquellen in Saudi-Arabien.
Das geopolitische Umfeld ist von Unstetigkeit geprägt: Da ist der Nachbar Mali, in dem eine Militärjunta die unfähige Staatsspitze stürzte, einen weiteren ineffektiven Militäreinsatz der Franzosen und Westalliierten beendete und gegen Islamisten kämpft, denen die Armut Kämpfer zutreibt. Oder Niger, wo Frankreich noch vor zwei Wochen Uran geschürft hat, bis die französische Firma Orano des Landes verwiesen wurde. Nicht weit weg ist auch Burkina Faso, das an den ermordeten Marxisten Thomas Sankara anzuknüpfen sucht. Trotz der Milliarden, die Senegals Expräsident Macky Sall vor dem Internationalen Währungsfonds versteckt hat, ist das Land auf Wachstumskurs. Fragt sich nur, wer daran beteiligt wird.
Eigentlich sollten sie es wissen, die beiden Finanzinspektoren Sonko und Faye, weil sie es am eigenen Leib erfahren haben: Ohne die Jugend bricht die Wählerbasis weg. Tränengas und Schlagstöcke lösen außerdem keine Probleme, sie schaffen bestenfalls ein nachhaltig gestörtes Verhältnis zum Staat.
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