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Globaler Wettlauf

Kalter Krieg um KI

Beim Gipfel in Washington sprachen Xi und Trump auch über künstliche Intelligenz. Die Kooperation hält sich allerdings in Grenzen

Von Frederic Schnatterer, Washington, D. C.
Foto: Shelby Tauber/REUTERS
Der Aufbau von Rechenzentren stößt in den USA inzwische vermehrt auf Widerstand (Baustelle in Texas)

Groß waren die Erwartungen ohnehin nicht gewesen – und am Donnerstag morgen (Ortszeit) schraubte US-Präsident Donald Trump sie noch weiter herunter. Auf seiner Plattform »Truth Social« erklärte er, »Superintelligenz« (SI) werde »ein wichtiges Diskussionsthema werden, aber ich möchte, dass alles genau so bleibt, wie es ist«. Das sei, so Trump, auch die Position Chinas. Als »Superintelligenz« bezeichnet Trump neuerdings künstliche Intelligenz (KI), offenbar in dem Bemühen, die Technologie in der öffentlichen Wahrnehmung positiver zu besetzen.

Herzliches Gegeneinander

Der Umgang mit den Risiken von KI gehörte zu den zentralen Themen beim Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Washington, dem bereits zweiten Treffen der Staatschefs in diesem Jahr. Beide Länder führen die rasante Entwicklung der Technologie als einen der Gründe an. Zuletzt hatten Warnungen aus der Industrie selbst der Debatte über nötige Regulierung Auftrieb gegeben. Erst am Mittwoch machte der australische Premier Anthony Albanese öffentlich, dass ein von Open AI entwickelter KI-Agent im Juni unbefugt auf ein Portal des öffentlichen Gesundheitssystems zugegriffen und dort gespeicherte Daten abgerufen hatte.

Xi drängte am Donnerstag auf verstärkte Kooperation. China und die USA trügen als führende KI-Nationen »sowohl die Fähigkeit als auch die Verantwortung, künstliche Intelligenz zum Wohle der Menschheit zu entwickeln und zu steuern und sicherzustellen, dass die Entwicklung der KI stets unter menschlicher Kontrolle steht«, sagte er. Bereits im Juli hatte er auf einer Konferenz in Shanghai gefordert, das »Risikobewusstsein« zu schärfen und sicherzustellen, »dass KI sicher und kontrollierbar ist«. Im eigenen Land verfügt die Volksrepublik längst über weitaus strengere Vorgaben als in den USA und anderen Ländern. So existieren Sicherheitsrichtlinien für KI, Vorgaben zur Ethikprüfung und verbindliche Auflagen für KI-Dienste im Verbraucherbereich.

Auch Trump sprach vor dem Treffen große Worte: Die dort zu treffenden Entscheidungen könnten »Frieden und Wohlstand für die kommenden Jahrzehnte« bringen. Priorität hat für ihn allerdings der Wettlauf mit China, und dabei stören Regularien. Erst Mitte des Monats hatte er bekräftigt: »Wir führen bei KI gegenüber China. Und ehrlich gesagt möchte ich auch, dass das so bleibt, denn wer die KI beherrscht, gewinnt.« US-Unternehmen investieren enorme Summen in das Training ihrer Modelle und den Ausbau der nötigen Infrastruktur. Ein erheblicher Teil des Wirtschaftswachstums der USA basiert inzwischen auf den für die Zukunft prognostizierten Gewinnen dieser Konzerne.

Der Vorsprung der USA in dem Wettlauf schrumpft allerdings. Laut Stanford University lag Anthropics führendes Modell im März nur noch 2,7 Prozentpunkte vor dem besten chinesischen System. Während US-Unternehmen auf proprietäre Modelle mit Spitzenleistung setzen, bringen chinesische Firmen offene und günstigere Modelle auf den Markt, die sich weltweit rasch verbreiten. Zwar versucht Washington, die Entwicklung in China mit Exportbeschränkungen für hochentwickelte Mikrochips zu bremsen, doch auch bei der Hardware holt die Volksrepublik zusehends auf.

Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die jüngsten Warnungen aus der US-Industrie lesen. Hochrangige Vertreter zeichneten zuletzt ein geradezu dystopisches Bild einer ungezügelten KI‑Entwicklung. Besonders prominent trat der CEO von Anthropic, Dario Amodei, in Erscheinung. Er veröffentlichte am 12. September ein Essay mit dem Titel »We Must Pace the Frontier«, in dem er für eine Drosselung der KI-Entwicklung plädiert, damit Sicherheitsmaßnahmen mit den Fähigkeiten der Modelle Schritt halten können. Der Forderung schlossen sich auch Sam Altman von Open AI und Elon Musk von Space X AI an.

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Zugleich machte Amodei klar, die Drosselung dürfe nicht dazu führen, dass US-Unternehmen gegenüber China ins Hintertreffen geraten. Ein Vorsprung der Volksrepublik stelle »eine ernsthafte Gefahr für die Vereinigten Staaten und die Welt dar«, weshalb er sich zugleich für eine härtere Gangart gegenüber der Konkurrenz aussprach, darunter strengere Exportkontrollen bei hochentwickelten Halbleitern und ein hartes Vorgehen gegen den Chipschmuggel. Amodeis Vorstoß dürfte auch wirtschaftlich motiviert sein: Die kostengünstigeren chinesischen KI-Modelle zählen zu den Hauptkonkurrenten von Anthropic, das einen baldigen Börsengang plant.

Entsprechend ließ die Reaktion aus Beijing nicht lange auf sich warten. Außenamtssprecher Guo Jiakun nannte den Essay ein Beispiel für »Panikmache, Konfrontation und ruinösen Wettbewerb«. Ziel sei es, »die Bemühungen um eine solide globale KI-Governance zu behindern, was niemandem dient«. Die Parteizeitung Global Times bezeichnete den Aufsatz als »Kalter-Krieg-Drehbuch für den KI-Bereich«.

An die Zeiten des Kalten Kriegs erinnern auch die Maßnahmen, mit denen China und die USA die Konfrontation nun einhegen möchten. Zunächst sollen ein »Meldemechanismus« und ein neuer Kommunikationskanal zwischen beiden Mächten eingerichtet werden. Am vergangenen Sonntag hatten sich US-Finanzminister Scott Bessent und Chinas Vizepremier He Lifeng über erste Schritte dazu ausgetauscht. Am Donnerstag bestätigte der Sprecher des chinesischen Handelsministeriums, He Yadong, Vertreter beider Länder hätten »ihren ersten Dialog« über KI abgehalten. Wie gering das Ausmaß der Kooperation bislang ausfällt, hatte Bessent bereits am Montag auf den Punkt gebracht: »Am wichtigsten ist, dass wir begonnen haben, miteinander zu sprechen.«

»Let Data Reign«

Ende August ging der US-Präsident all in. Über die sozialen Medien forderte er die Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf: »Let Data Reign.« Donald Trump behauptete: »Der einzige Grund, warum Gemeinden in den USA keine Rechenzentren wollen sollten, ist, wenn sie rückständig und arm bleiben wollen.« Wenn sie aber »erfolgreich und reich sein wollen, mit weitaus niedrigeren Steuern und Arbeitsplätzen überall, dann lasst die Daten regieren«.

Die Debatte über Risiken und Chancen der Rechenzentren nimmt in den USA seit Wochen an Fahrt auf. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Gallup sprechen sich rund 70 Prozent der Bevölkerung gegen den Bau neuer Rechenzentren aus, darunter auch 63 Prozent derjenigen, die sich als Wähler der Republikaner bezeichnen. Vor den Zwischenwahlen am 4. November, bei denen die Hälfte des Abgeordnetenhauses und ein Drittel des Senats neu bestimmt werden, ist das durchaus relevant. Dass er sich in der Frage derart positioniert, überrascht angesichts seiner politischen und wirtschaftlichen Nähe zu Big Tech kaum. Die Chancen, die Mehrheit in den beiden Kammern zu verteidigen, erhöht er damit allerdings eher nicht.

Nahezu überall in den USA sind in den vergangenen Monaten Bewegungen entstanden, die den Bau neuer Rechenzentren verhindern wollen. Sie kritisieren deren exzessive Nutzung von Wasser und Energie, die oft auf Kosten der betroffenen Gemeinden geht. Hinzu kommen Umweltverschmutzung und Lärmbelästigung durch Turbinen und Generatoren, die den für die Kühlung der Rechner notwendigen Strom erzeugen. Für die Gemeinden, in denen die Rechenzentren oftmals in direkter Nachbarschaft zu Wohngebieten stehen, bringt die hochautomatisierte Industrie kaum Arbeitsplätze.

Laut der Forschungsplattform Data Center Watch ist der wachsende Protest durchaus erfolgreich. In den ersten Monaten dieses Jahres wurde demnach bereits der Bau von 120 geplanten Rechenzentren verhindert, nachdem Verordnungen beschlossen worden waren, die deren Neubau verbieten. Das entspricht Investitionen im Wert von insgesamt fast 200 Milliarden US-Dollar. Laut CNBC sind in diesem Jahr trotzdem Investitionen in die Infrastruktur in Höhe von mindestens 700 Milliarden US-Dollar geplant, darunter von Giganten der Branche wie Amazon, Microsoft, Meta und Google, die die Rechenzentren für ihre KI-Modelle benötigen.

Besonders weitreichend ist das Moratorium im Bundesstaat New York, das im Juli den Bau besonders großer Datenzentren vorerst auf Eis gelegt hat. Doch es sind nicht nur von den Demokraten regierte Staaten, die Big Tech Restriktionen auferlegen. So beschloss der texanische Gouverneur Greg Abbott im August, dass neue Rechenzentren sich vorerst nicht an das Stromnetz des Bundesstaates anschließen dürfen. Trump jedoch hat seine eigene Lesart. Am 14. September bezeichnete er die wachsende Opposition online als »krankhafte Verschwörung gegen KI und Rechenzentren« – sehr zur Freude von China.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.09.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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