Kapitalmacht am Meeresgrund
Debatte um Unterseekabel: China und Russland dominieren. Über US-Konzerne wird kaum gesprochen
In Machilipatnam, einer Stadt an der Südostküste Indiens, haben Meta und Alphabet bereits eigene Rechenzentren angekündigt. Jetzt bekommt der Ort auch eine neue Datenader: Microsoft und das singapurische Startup Lightstorm bauen dort den Landepunkt eines Unterseekabels, das Indien mit Malaysia und Singapur verbinden soll. Das rund 3.600 Kilometer lange System soll 2029 in Betrieb gehen. Auf der Karte verbindet es Indien mit Südostasien. Ökonomisch aber folgt es einer anderen Geographie: der von Rechenzentren, Cloud-Plattformen und KI-Clustern, die zunehmend von wenigen US-Konzernen kontrolliert werden.
Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Unterseekabel meist von breiten Konsortien nationaler Telekomanbieter gebaut. SEA-ME-WE 3 etwa, 1999 in Betrieb genommen, kostete 1,3 Milliarden US-Dollar und vereinte 92 Partnerunternehmen. Solche Konstruktionen waren träge, aber breit abgestützt.
Diese Logik ist durchbrochen. Google investierte 2008 erstmals in ein eigenes Kabel und ist inzwischen an mehr als 34 Systemen beteiligt, 18 davon vollständig im Alleinbesitz. Auch Meta und Microsoft finanzieren zunehmend eigene Trassen – nicht mehr, um nationale Netze anzubinden, sondern um Cloud- und KI-Rechenzentren zu verknüpfen. Amazon, Google, Meta und Microsoft besitzen oder leasen mittlerweile rund die Hälfte der weltweiten Unterseekabelbandbreite.
Diese Kapitalmacht wird an einer entscheidenden Stelle zusätzlich rechtlich abgesichert: dort, wo Kabel auf US-amerikanischem Boden anlanden. Die US-amerikanische Federal Communications Commission (FCC) beschloss am 25. Juni 2026 einstimmig neue Vorschriften, die erstmals auch die technische Anschlussausrüstung an Land lizenzpflichtig machen, nicht mehr nur das Kabel selbst. Chinesische Anbieter wie Huawei werden damit von US-Landepunkten noch konsequenter ferngehalten, während Meta und Alphabet von einem beschleunigten Genehmigungsverfahren profitieren, sofern sie festgelegte Sicherheitsauflagen erfüllen.
Das Kabel aus Machilipatnam selbst landet nirgendwo in den USA an – die FCC-Regel greift hier nicht direkt. Kapitalmacht und staatliche Regulierung wirken getrennt, aber in dieselbe Richtung. Weltweit investieren Google, Meta, Microsoft und Amazon aus eigenem wirtschaftlichem Interesse in neue Kabel, unabhängig davon, ob die USA dort überhaupt Zugriff hätten. Nur an den Punkten, wo Kabel tatsächlich auf US-Boden treffen, sichert Washington diese Position zusätzlich rechtlich ab. Ein einziges, alles umfassendes US-Gesetz braucht es für den Machtzuwachs nicht – die Konzentration entsteht schon durch Marktmacht allein und wird nur dort, wo der Zugriff möglich ist, noch einmal staatlich verstärkt.
Während sich diese Verschiebung vollzieht, richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine andere Bedrohung. Australiens Verteidigungsminister Richard Marles erklärte Ende Mai beim Shangri-La-Dialog in Singapur, der Meeresboden sei zum Schlachtfeld geworden, und verwies auf Kabelschäden in Ostsee und Taiwanstraße. Die USA, Großbritannien und Australien kündigten neue Unterwasserdrohnen zum Schutz der Leitungen an. Belegt ist dabei wenig: Selbst die Kappung zweier Kabel 2023 vor der Insel Matsu, die 14.000 Menschen von Internet und Zahlungsverkehr abschnitt, wurde von Taiwans Behörden nie offiziell als vorsätzlich eingestuft.
Ob beabsichtigt oder nicht: Die Debatte lenkt den Blick auf Russland und China, während die bereits vollzogene Verschiebung kaum zur Sprache kommt – die Konzentration von Kapitalmacht und Regulierung zugunsten weniger amerikanischer Konzerne.
Von dieser Machtkonzentration profitieren die Anrainerstaaten am wenigsten. Malaysia und Indonesien versuchen zwar, über Vorschriften wie die Pflicht zur Benutzung lokaler Schiffe Wert aus ihrer Lage an der Straße von Malakka zu ziehen, doch als Indonesiens Finanzminister im April öffentlich über Mautgebühren für die Durchfahrt durch die Meerenge nachdachte, räumte er zugleich ein, dass sich das kaum durchsetzen ließe. Bei der Kabelinfrastruktur ist die Lage ähnlich: Am Ende entscheiden nicht die Anrainer, wo die nächste Datenader verläuft, sondern US-Konzerne wie Microsoft, Meta oder Alphabet.
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