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Sri Lanka

Nie mehr Bürger zweiter Klasse

Sri Lanka: Vor gut 200 Jahren siedelte die britische Kolonialmacht Tamilen aus Indien nach Sri Lanka um. Bis heute kämpft die Bevölkerungsgruppe um volle Anerkennung

Foto: Depositphotos/IMAGO
Heute wie damals: Pflückerin auf einer Teeplantage in Sri Lanka (Nuwara Eliya, 15.2.2020)

Gerade ist abermals ein heftiger Schauer über die Berge im zentralen Hochland Sri Lankas niedergegangen. Die zweite Septemberhälfte war regenreich im Herzen des Inselstaates. Für eine Stunde oder zwei ist nun temporär wieder der Blick von der Serpentinenstraße bis hinunter in die Täler möglich. Kurz zuvor hatten sich die tiefhängenden Wolken noch rund um die Berge gefangen und alles mit einem Grauschleier bedeckt. Jetzt rauscht nebenan ein Wasserfall mit zusätzlicher Kraft, während am Straßenrand Pfützen stehen und Regentropfen auf den Blättern der Teepflanzen glänzen.

Teeplantagen – das ist der bestimmende Wirtschaftszweig in dieser Region um die Stadt Nuwara Eliya, die sich in diese Berglandschaft einschmiegt. Auch Gemüse wird hier auf einigen Flächen angebaut. Männer und Frauen ernten gerade Möhren von beeindruckender Größe, während nebenan Salat wächst. Doch was auf den Anhöhen rund um die Stadt klar dominiert, ist der Tee.

Mehr als 200 Jahre ist es her, seit die britischen Kolonialherren Menschen aus dem südlichen Indien zur Plantagenarbeit holten. Es waren Tamilen aus jener Gegend, die heute den Bundesstaat Tamil Nadu bildet – damals als Provinz Madras bekannt. Der Jahrestag dieser forcierten Umsiedlung 2023 führte noch einmal zu verstärktem Einsatz für die Rechte dieser Bevölkerungsgruppe, die in Sri Lanka bislang – zur Unterscheidung von den »einheimischen« Tamilen im Norden und Osten der Insel – als »indische« Tamilen tituliert wurden. Nicht nur diese Bezeichnung hatte immer schon einen abwertenden Unterton. Tatsächlich galten für diese Menschen, von denen ein Großteil noch immer auf den Teeplantagen lebt, bis vor einiger Zeit nicht einmal Bürgerrechte. Etliche NGOs versuchen, ihnen eine stärkere Stimme zu geben.

Zu den ältesten gehört die Plantation ­Rural Education Development Organisation (­PREDO). »Schon 1989 haben wir angefangen«, erzählt der Vorsitzende Michael Joachim. Einer der wichtigsten Erfolge sei, dass seit einem Jahr die offizielle Bezeichnung für die Gruppe Malayagam laute, was übersetzt so viel wie »Menschen aus den Bergen« bedeutet. »Wir haben sehr dafür gekämpft. Und die neue Linksregierung unter Präsident Anura Kumara Dissanayake hat das nun verbindlich in den amtlichen Dokumenten so festgehalten.« Als der frühere Registrar mit dem zivilgesellschaftlichen Engagement loslegte und PREDO ins Leben rief, ging es zunächst um Gesundheitsprojekte – denn der Zugang zu medizinischer Versorgung auf den Plantagen war stark eingeschränkt. »Jedes Jahr hatten wir viele Tote infolge von Durchfallerkrankungen«, blickt der zierliche, aber energiegeladene 76jährige zurück. Also standen der Zugang zu sauberem Wasser und Toilettenbau im Vordergrund.

»Danach haben wir mit den Kindern angefangen«, denn für diese gab es in jener Zeit keine etablierten Stätten, wo Eltern sie während der Arbeit auf den Teeplantagen gesichert zurücklassen konnten. Schritt eins waren sogenannte Creches, in denen 30 bis 40 Mädchen und Jungen bis zum Alter von fünf mit einer Aufsichtsperson unterkamen. Ohne Ausstattung oder Bildungsangebote. »Deswegen haben wir nach und nach die Mütter organisiert, damit in einer zweiten Stufe aus den Creches echte Kinderzentren werden konnten«, so Joachim. Inzwischen sind diese Child Development Centres (CDC) etabliert. Da die Betreuerinnen in den 120 CDC aber zunächst keine adäquate Ausbildung hatten, wurden schließlich Nursing Schools errichtet, um dies zu ändern. Mittlerweile sind an den sogenannten Vorschulen rund 200 Lehrerinnen tätig. Rund 85.000 Kinder habe man inzwischen an staatliche Schulen übermitteln können.

Besitz- und rechtlos

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Der Alltag auf den Teeplantagen wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die Betriebe mit klangvollen Namen wie Rothschild Estate oder Northwood Estate haben eine Durchschnittsgröße von 1.000 Hektar, wie Joachim berichtet. Dort leben jeweils um die 250 Familien, die de facto völlig von den Plantagenbesitzern abhängig sind. Die Teepflückerinnen und Teepflücker, erklärt der langjährige Aktivist, leiden unter fehlenden Landtiteln, haben nur sehr bescheidene Unterkünfte und verfügen nicht einmal über eine eigene Postanschrift: »Briefe gehen deshalb zunächst an die Plantagenleitung.« Erst 2022 habe eine Klage vor Sri Lankas Oberstem Gerichtshof das Recht auf eine eigene Adresse richterlich festgeschrieben. Die Umsetzung in der Praxis funktioniere aber nur schleppend. Darüber hinaus sei PREDO bemüht, im Distrikt Nuwara Eliya, wo rund 450.000 Malayagam leben, zusätzliche staatliche Anlaufstellen zu schaffen. Das sei gerade deshalb wichtig, weil ein Teil der Bevölkerungsgruppe ins Ausland migriert. Die dazu notwendigen Dokumente zu erhalten habe zuvor eine mit Hin- und Rückfahrt drei Tage dauernde Reise nach Colombo gefordert. »50.000 Unterschriften hatten wir gesammelt«, nun gibt es eine lokale Zweigstelle der Behörde, alles kann binnen Tagesfrist erledigt werden.

Ebenfalls sehr aktiv für die Rechte der ­Malayagam ist die Human Development Organization (HDO). Der Hauptsitz der renommierten NGO liegt in einer kleinen Seitenstraße in Kandy. Seit 1995 sei man aktiv, erklärt Ponniah Logeswary, die heutige Geschäftsführerin. Und auch die resolute, aber herzliche 52jährige betont, wie mühevoll es sei, Veränderungen für eine Gemeinschaft zu erkämpfen, die im Kern heute noch genauso lebe wie vor Jahrzehnten. »Bis 2003 gab es nicht einmal Ausweise, viele der Plantagenarbeiter waren formell staatenlos«, erinnert sie sich. Schon bei der Vereinsgründung habe man dieses Problem als vordergründig eingestuft. »Damals ging man offiziell von 60.000 Betroffenen aus – wie sich im Registrierungsprozess 2003 zeigte, waren es aber sogar an die 300.000 Menschen.« Dass die damalige progressive Staatspräsidentin Chandrika Kumaratunga sich zu diesem Schritt durchgerungen hat, »war ein echter Meilenstein«.

Auch die HDO-Chefin kritisiert die Pro­bleme, die sich etwa daraus ergeben, dass den Plantagenarbeiterfamilien nicht einmal das Land gehöre, auf dem ihre Hütten stehen, es keine Grundstücke für die Altersvorsorge gebe und der Zugang zu medizinischer Hilfe immer noch schwierig sei. Die Estates stünden abseits des Systems der staatlichen Gesundheitsfürsorge, das sonst in Sri Lanka als vergleichsweise gut gilt.

Schleppender Wandel

Punktuelle Verbesserungen unter der neuen Regierung gebe es neben einem staatlichen Zuschuss zu den kargen Monatslöhnen mittlerweile auch in diesem Bereich, sagt Logeswary. Aber Neuerungen würden oft nur schleppend umgesetzt, so die Erfahrung gestandener NGOs. Das gelte, hatte Michael Joachim angemerkt, auch bei der Verkleinerung von Verwaltungseinheiten. Da staatliche Beihilfen in identischer Höhe pro Division oder Distrikt vergeben werden – in dieser Gegend aber mehr Menschen pro Verwaltungseinheit leben als andernorts – komme pro Person weniger an. Gemeinsam hatten verschiedene NGOs für Nuwara Eliya eine Ausweitung von bisher fünf Distrikten auf 15 erstreiten wollen, um auf eine vergleichbare lokale Bevölkerungsgröße zu kommen. »Die Regierung hat sich immerhin auf drei zusätzlich eingelassen, also nun insgesamt auf acht.«

Mit 140 Dorfkomitees (Village Development Societies) und anderen Basisgruppen, so der PREDO-Chef, gebe es aber weiter Möglichkeiten, effektiv Druck von unten zu machen. Und mit zahlreichen Frauengruppen ist inzwischen auch deren politische Teilhabe gestiegen, ­konstatieren sowohl er als auch Logeswary. Etliche Frauen sitzen nun in den Dorfräten. Und als einen der größten Erfolge bezeichnen die beiden NGO-Vertreter, dass seit zwei Jahren erstmals sogar zwei Malayagam-Frauen als Interessenvertreterinnen der Region mit im nationalen Parlament sitzen, wo die Bevölkerungsgruppe bis 1960 zunächst gar nicht repräsentiert war. Als ihre mittlerweile stärkste Stimme gilt die neue Abgeordnete Ambika Samuel, die als langjährige Aktivistin Bekanntheit und Anerkennung genießt.

Der Linksregierung attestieren die Gesprächspartner der beiden NGOs, dass sie sich zumindest den Problemen der Region und speziell der Malayagam ernsthafter stellt als ihre Vorgänger. Vor allem die Lohnaufstockung der Plantagenarbeiter aus dem Staatshaushalt sei ein wichtiger Schritt. Dennoch brauche es noch viel mehr gemeinsame Anstrengungen, um die Lebensverhältnisse nachhaltig zu verbessern, sind sich Logeswary und Joachim einig.

Zum Autor

Thomas Berger ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Südasien, Südostasien und Entwicklungspolitik. Er ist regelmäßiger Autor der jungen Welt und schreibt für die Märkische Oderzeitung zu regionalen Themen.
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Erschienen in der Ausgabe vom 17.10.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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