Soldatinnen als Freiwild
Die jüngsten Vorfälle »sexualisierten Fehlverhaltens« in der Bundeswehr werfen lediglich ein Schlaglicht auf misogyne Strukturen
Frauen, denen Drogen angeboten werden, um sie ins Bett zu kriegen. Männer, die Wetten darüber abschließen, wer mehr Kolleginnen »flachlegen« kann. Vorgesetzte, die Untergebene gegen deren Willen auf sexuelle Weise berühren. Und anscheinend ein Klima, in dem dieses Verhalten gedeihen kann und gedeckt wird. Das findet sich bei der Bundeswehr, genauer gesagt in einem Sanitätsregiment in Sachsen-Anhalt, das die Zustände für Soldatinnen jedoch nur exemplarisch aufzeigt.
Vergangene Woche berichtete zuerst der Spiegel über diese sexualisierte Gewalt gegen Frauen, die als Soldatinnen »dem Land dienen wollen«, wie der selbstpostulierte Anspruch der Bundeswehr an sich und andere ist. Von den mehr als 180.000 »Dienenden« sind 13 Prozent Soldatinnen. Laut Spiegel werde gegen zehn Beschuldigte bundeswehrintern ermittelt, sie sollen aus einem Zug des Regiments in Weißenfels kommen. Was im Bundeswehr-Jargon als »sexualisiertes Fehlverhalten« beschrieben wird, scheint die Schwelle zur Strafbarkeit klar überschritten zu haben: Neben einem regelrechten Wettbewerb unter den Soldaten, wer mit mehr Rekrutinnen Sex habe, stehen Vorwürfe über den Missbrauch von Betäubungsmitteln, Bedrohung und die Unterdrückung von Beschwerden im Raum. Außerdem sollen Soldatinnen »zum Sex gedrängt worden« sein, darunter mindestens eine Minderjährige. Im Klartext sprechen wir hier also mutmaßlich von Vergewaltigung.
Anfang September hatte der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, nach Spiegel-Informationen einen internen Tagesbefehl ausgegeben, da er den Umfang der Meldungen zu »sexualisiertem Fehlverhalten« mit großer Sorge beobachte. Die Zahl sei »zu hoch«, und »solche Verhaltensweisen« dürften nicht toleriert werden. Erst nachdem in der Kaserne ein Vortrag über eben diesen Tagesbefehl gehalten worden war, wandten sich die Betroffenen in Weißenfels an die Kompanieführung, die kurz zuvor ausgewechselt worden war. Die eingeleiteten Konsequenzen lassen die Schwere der Taten erahnen: Neun Bundeswehr-Angehörige dürfen die Kaserne nicht mehr betreten, in sieben Fällen wurde ein Dienstverbot ausgesprochen und ein Disziplinarverfahren eröffnet. In fünf Fällen hat die Bundeswehr die Ermittlungen an die örtliche Staatsanwaltschaft übergeben, was auf strafrechtlich relevantes Verhalten hinweist.
Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Henning Otte (CDU), drängte zwar vor einer Woche auf Aufklärung, äußerte aber zugleich seine offenbar größte Sorge: dass die Bundeswehr angesichts des dringend erforderlichen Personalaufwuchses künftig noch mehr junge Frauen für den Dienst gewinnen müsse und dies nur gelinge, wenn sie »darauf vertrauen könnten, respektiert zu werden, vor Übergriffen geschützt zu sein und ihren Dienst in einem sicheren Umfeld leisten zu können«. Eine Medienauswertung ergab Anfang September, dass zwischen 2021 und 2025 fast 2.000 Verdachtsfälle zu »sexualisiertem Fehlverhalten« – in denen Bundeswehr-Angehörige mutmaßlich Opfer waren, als auch solche, in denen sie beschuldigt wurden – über das Meldewesen der Bundeswehr beim Verteidigungsministerium erfasst wurden, im vergangenen Jahr allein 430. Ein neuer Höchststand. Allerdings ist unklar, wie groß das Dunkelfeld ist. Das Verteidigungsministerium hat nach Empfehlungen von Ottes Vorgängerin Eva Högl (SPD) das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr mit einer wissenschaftlichen Dunkelfelduntersuchung beauftragt. Sie soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden. »Es ist zu befürchten, dass die Ergebnisse das Vertrauen potentieller Bewerberinnen in die Bundeswehr zusätzlich belasten könnten«, kommentierte Otte. Eine Anfrage von jW, welche Verbesserungen der Wehrbeauftragte in dem Bereich fordere, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Und so reiht sich ein »Skandal« an den nächsten: Am Mittwoch berichtete Welt.de über den Fall eines Luftwaffenpiloten, gegen den staatsanwaltschaftlich ermittelt wird, weil er die minderjährigen Töchter seiner Lebensgefährtin heimlich im Bad gefilmt haben soll. Demnach habe der Mann, der die Taten zugegeben habe, zum Tatzeitpunkt als Ausbilder gearbeitet. Seine Vorgesetzten seien durch die Staatsanwaltschaft umgehend informiert worden, mindestens seit Dezember 2025 sollen seine Taten dem Verteidigungsministerium bekannt sein. Die damalige Lebensgefährtin sei ebenfalls Soldatin gewesen. Er sei dennoch nur kurz vom Dienst entbunden worden, seit mehr als einem Jahr arbeite er wieder in der sogenannten operativen Führung. Auch eine jW-Nachfrage an das Verteidigungsministerium, welche Planungen es gebe, um Soldatinnen besser zu schützen, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
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