Wer hat, der wird gebildet
Von Max Grigutsch
Die Vernachlässigung des Bildungswesens, neuerdings auch wieder zugunsten der Hochrüstung, zeigt sich auch darin, dass es in Deutschland mehr private und weniger öffentliche Schulen gibt. Im Schuljahr 2024/25 waren 3.800 allgemeinbildende Schulen in privater Trägerschaft, wie das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mitteilte. Das entspricht einem Anteil von rund zwölf Prozent. Damit ist die Anzahl in den vergangenen zehn Jahren um sieben Prozent gestiegen. Mit nur noch 29.000 Einrichtungen ist die Zahl der öffentlichen Schulen im gleichen Zeitraum um vier Prozent gesunken.
Wer nun vermutet, dass sich mehr Eltern die Kosten der Privatbildung ihrer Kinder leisten können, irrt. Der Gesamtanteil von Privatschülerinnen und -schülern blieb den Statistikern zufolge im Zehnjahresvergleich ungefähr gleich bei neun Prozent. Daraus lässt sich schließen: Während Schüler mit vermögenden Eltern an immer mehr Privatschulen unterrichtet werden, wird es an den öffentlichen Bildungsinstitutionen immer voller. Das Bundesamt formuliert das so: »Diese Konstanz ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Privatschulen durchschnittlich kleiner als die öffentlichen sind und die Schließungen von öffentlichen Schulen häufig durch Vergrößerungen der verbliebenen öffentlichen Einrichtungen ausgeglichen wurden.«
Als Zweiklassensystem bezeichnet das Nicole Gohlke, Sprecherin für Bildung und Wissenschaft der Fraktion Die Linke im Bundestag, am Montag gegenüber jW. Wer zahlen könne, »weicht aus – und die öffentlichen Schulen werden zur Restschule für alle anderen.« Das sei nicht gerecht.
Ein Platz an einer Privatschule kostet im Schnitt 2.042 Euro im Jahr. Dieser teure Bildungsweg bleibt nicht zuletzt migrantischen Kindern unzugänglich. »Während vier Prozent der ausländischen Schülerinnen und Schüler an einer allgemeinbildenden Privatschule unterrichtet wurden, lag der Anteil bei deutschen Schülerinnen und Schülern bei zehn Prozent«, befanden die Statistiker. Im Ländervergleich lag Mecklenburg-Vorpommern mit 13 Prozent Privatschüleranteil auf Platz eins, gefolgt von Sachsen mit zwölf und Bayern mit elf Prozent. Am niedrigsten war der Anteil in Niedersachsen und Schleswig-Holstein bei je sechs Prozent.
Auch in Berlin gingen mit einem Anteil von zehn Prozent mehr Kinder und Jugendliche als im Bundesschnitt in private Schulen. »Wenn Bildung zunehmend vom Geldbeutel der Eltern abhängt, geht Chancengleichheit verloren«, erklärte Asya Şenyüz am Montag gegenüber jW. Als Direktkandidatin der Linkspartei und Vertreterin der Linksjugend Solid will sie die Interessen von Kindern und Jugendlichen bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September in den Vordergrund stellen. Gute Bildung dürfe keine Frage des Einkommens sein, führte Şenyüz aus. Statt eines Zweiklassensystems brauche es »eine grundlegende Veränderung der öffentlichen Bildung: keinen Leistungsdruck für Fachkräfte und Schüler*innen, keine Hausaufgaben und Noten und Raum für emanzipatorisches Lernen für alle«.
Für eine »Kehrtwende« plädiert auch die Bundestagsabgeordnete Gohlke. »Statt Flucht ins Private muss die Bundesregierung dauerhaft in öffentliche Schulen investieren: in Sanierung, Lehrkräfteausbildung und multiprofessionelle Teams«, sagte sie. Das funktioniere nur, wenn Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten.
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