Kongo kartiert seine Machtbasis
Mit der Kontrolle über neue Geodaten verschiebt Kinshasa die Kräfteverhältnisse im Rohstoffgeschäft
Nur etwa ein Fünftel der Demokratischen Republik Kongo ist bislang systematisch geologisch erschlossen. Das schätzt die staatliche Bergbaubehörde SGNC, wie Reuters berichtet. Die Regierung in Kinshasa will diese Lücke schließen – und den Zugriff auf die erhaltenen Daten unter staatlicher Kontrolle halten.
Seit Januar vermisst das spanische Unternehmen Xcalibur im Auftrag des kongolesischen Staates mehr als 700.000 Quadratkilometer aus der Luft; der Vertrag hat ein Volumen von 180 Millionen US-Dollar. Die Ergebnisse fließen in eine nationale geologische Datenbank, die bis Jahresende einsatzbereit sein soll. Basisinformationen sollen kostenlos bleiben, sensiblere Datensätze gebührenpflichtig und erst nach Prüfung freigegeben werden. Die gesammelten Daten seien, wie SGNC-Generaldirektor Raoul Wazenga Vitima gegenüber Reuters erklärte, »ein strategisches Vermögen des kongolesischen Staates«.
Doch der Wert der Daten liegt nicht im Verkauf der Datensätze, sondern in der Verhandlungsposition, die daraus entsteht. Wer die geologischen Informationen besitzt, weiß früher, wo Explorationsrisiken gering und Lagerstätten wahrscheinlich sind – und kann Konzessionen entsprechend bewerten. Bislang kannten internationale Bergbaukonzerne den Untergrund oft besser als der Staat selbst. Mehr eigenes Wissen stärkt damit unmittelbar Kinshasas Position bei der Vergabe von Förderrechten – und erhöht die Chance auf höhere Staatseinnahmen.
Dass Kinshasa in der Lage ist, wirksam in die Wertschöpfungskette einzugreifen, hat sich bereits gezeigt: Der Exportstopp von Kobalt ab Februar 2025 und das anschließende Quotensystem drehten den Weltmarkt von Überschuss in Defizit und trieben den Preis von rund zehn auf etwa 26 US-Dollar je Pfund. Ein seltener emanzipativer Schritt: Nicht länger bestimmen allein die Abnehmer, was der Rohstoff wert sein soll. Kinshasa nutzt seine Stellung als Produzent, verknappt gezielt das Angebot und zwingt den Weltmarkt damit, fairere Preise zu akzeptieren.
Die Geodatenkontrolle setzt an derselben Logik an, nur früher in der Kette – beim Wissen um das, was überhaupt im Boden liegt. Zugleich werden Geodaten zum strategischen Lagebild: Sie zeigen früh, welche Lagerstätten künftig zum Ziel von gesteuerten Aufständen werden könnten. Wie real dieses Risiko ist, zeigt die Situation in Ostkongo. Seit April 2024 kontrolliert die von Ruanda unterstützte Terrororganisation »M 23« die Coltanregion Rubaya in Nord-Kivu, deren Minen rund 15 Prozent des weltweit gewonnenen Tantals liefern. Ruandas militärische Unterstützung der »M 23« speist eine internationale Rohstoffökonomie: Mineralien aus besetzten Gebieten gelangen über Ruanda auf den Weltmarkt, während die Vereinigten Arabischen Emirate zu einem zentralen Absatzmarkt für Raubgold aus der Region geworden sind. So entsteht ein Geschäftsmodell, das von der Zerrüttung des Ostkongo lebt: Gewalt öffnet den Fremdzugriff auf Rohstoffe, Schmuggel verwischt ihre Herkunft, globale Handelsplätze verwandeln Kriegsrohstoffe in reguläre Ware.
Abu Dhabi spielt auf mehreren Seiten zugleich: Während die Golfdiktatur in großem Stil Gold aus der von »M 23« geprägten Kriegsökonomie aufkauft, versuchte sie parallel über eine gemeinsame Handelsgesellschaft mit der kongolesischen Regierung, sich den direkten Zugang zum Goldhandel zu sichern. Die VAE setzen damit weniger auf einen Sieger als auf dauerhaften Zugriff auf die Rohstoffe – unabhängig davon, wer das jeweilige Gebiet kontrolliert.
Kongos Anspruch auf Hoheit über seine Geodaten ist Teil einer breiteren afrikanischen Emanzipationsbewegung. Auch Kenia bricht mit dem alten Extraktionsmodell: Präsident William Ruto will die Ausfuhr unverarbeiteter Mineralien verbieten. Gold soll künftig nur noch verarbeitet und über staatlich zugelassene Kanäle exportiert werden; die Regel soll für sämtliche Rohstoffe gelten. Parallel plant Nairobi mindestens drei Goldraffinerien. Kurz zuvor hatte Ruto dem indischen Konzern Tata Chemicals den Rückzug nahegelegt: Nach Jahrzehnten der Förderung von Natriumkarbonat am Magadisee sei zuwenig heimische Wertschöpfung entstanden.
Kongo setzt am Wissen über den Untergrund an, Kenia an seiner Verarbeitung. Gemeinsam ist beiden der Versuch, das alte Modell bloßer Ressourcenextraktion aufzubrechen: Afrika will nicht länger nur liefern, sondern an der Wertschöpfung verdienen.
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