Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss
György Pálfis tierische Tragödie »Lebensansichten eines Huhns«
»Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn …« Oder besser doch nicht? Denn wer nicht viel zu tun hat, langweilt sich schnell. Die Folgen können gefährlich sein. Andererseits erlebt man oft eine Menge.
Die Heldin in »Lebensansichten eines Huhns« sucht nur scheinbar das Abenteuer – und findet es trotzdem immer wieder. Es beginnt damit, dass sie aus dem Rahmen fällt, schon als Ei. Das ist nämlich braun; alle anderen zigtausend in der Legebatterie sind weiß. Unsere kleine Henne ist dann auch als einzige schwarz, mit einem leuchtend roten Kamm. Der Lkw-Fahrer, der die Tiere von der Aufzucht abtransportiert, trennt sie sofort von den anderen und setzt sie auf den Beifahrersitz; sein Chef mag keine schwarzen Hühner. Dem Kochtopf daheim ist es egal. Beim Stopp an einer Tankstelle büxt das Huhn aus. Auf dem Hof eines pleitegegangenen Fischrestaurants an der griechischen Mittelmeerküste findet es nach tagelanger Odyssee schließlich ein neues Zuhause. Der alte Eigentümer, der dort mit Tochter und Enkeltochter lebt, päppelt die arg mitgenommene Henne wieder auf, um sie dann zu den anderen in den Käfig zu stecken.
Und wieder unterscheidet sich unsere Heldin so ganz von ihren Artgenossinnen. Ihr Gefieder ist nicht nur von anderer Farbe, es ist auch auffallend dicht, noch völlig intakt, während alle anderen Hühner schon halb gerupft aussehen, als würden sie ihr Leben nur dem Umstand verdanken, dass im letzten Moment die Speisekarte geändert wurde. Auch der Gockel macht keinen allzu guten Eindruck. Den ganzen Tag lang stolziert er halb nackt durchs Gehege, wie ein exhibitionistischer Testosteronbomber. Kaum sieht er unsere Heldin im Sand scharren, hockt er auch schon auf ihr. Regisseur György Pálfi hat den Hahn im Interview einmal als »Vergewaltigungsmaschine« bezeichnet, was es auf den Punkt bringt.
Trotz des rabiaten Patriarchats verläuft das Leben im Käfig vergleichsweise friedlich. Jedenfalls kein Vergleich zu außerhalb des Zauns, wo es unter uns Menschen ganz anders zur Sache geht.
Gibt es einen Ausweg aus unserer Hackordnung, die sich bekanntlich zunehmend in ein Hackchaos entwickelt?
Regisseur Pálfi spricht gerne von den ganz wenigen Regisseuren, die schon in den 60er Jahren eine von künstlicher Intelligenz beherrschte Zukunft thematisiert haben. In diese Liga der Weitsichtigen aufzusteigen ist seit eh und je sein Ehrgeiz. Und nun ein Film über ein Huhn. Wie ist das zu erklären?
Pálfi hat sich laut eigenem Bekunden immer klar gegen Viktor Orbán positioniert. Für ihn ist das der Grund dafür, dass er lange keine ungarische Filmförderung erhielt. Das erste Geld außerhalb der Grenzen zu bekommen ist wiederum besonders schwierig. Da heißt es dann, glaubt man Pálfi: »Wenn bei dir zu Hause keiner Vertrauen in dein Projekt hat, warum ausgerechnet wir?«
Um den halben Globus auf der Suche nach Geld abklappern zu können, hat Pálfi seinem Plot eine äußerst minimalistische Grundstruktur gegeben: »Kleiner Held, großes Problem. – Hätte ich in Mexiko eine Finanzierung bekommen, wäre es ein anderer Film geworden.«
Immigration sieht Pálfi als großes griechisches Problem, als »sehr großes«. Zweifellos ist sie eines für den alten Restaurantbesitzer im Film. Dessen Schwiegersohn arbeitet beim Zoll. Wo früher Speisen und Getränke für die Gastronomie gelagert wurden, türmt sich nun die Schmuggelware. Aber der ganz große Rubel rollt trotzdem noch nicht. Deshalb steigt der Schwiegersohn ins Schleusergeschäft ein.
Eines Nachts verirrt sich unser Huhn bei einem seiner regelmäßigen Ausflüge in das Fahrzeug, mit dem die Flüchtlinge von einer stillgelegten Werft abgeholt werden sollen. Bei dieser Aktion laufen viele Dinge schief. Was vor allem daran liegt, dass unsere kleine Henne zur falschen Zeit am falschen Ort ein Ei gelegt hat. Am Ende steht das ganze Fahrzeug in Flammen. (Falls sich jemand bei dieser Szene mehr Sorgen um das Huhn machen sollte als um die Menschen: Mir ging es genauso.)
Für György war es von Anfang an klar, dass es eine Tragödie werden muss, wenn er in Griechenland dreht. Das Huhn, das sich in jeder Szene wie ein ganz normales Huhn verhält, bricht den tragischen Erzählstrang nicht auf. Es lebt in einer Parallelwelt, die auch von Dramen geprägt ist.
Als der alte, nahezu federlose Gockel bei einem Motorradunfall ums Leben kommt, schafft der Restaurantbesitzer umgehend einen neuen an, ein junges, schmuckes Tier. Zwischen ihm und der Henne, berichtet Pálfi, hat es richtiggehend gefunkt, nicht nur vor der Kamera. Ob die beiden in ihrer Beziehung glücklich sind, vermag der Regisseur nicht zu sagen. Was jedoch offensichtlich wird, ist, dass die Tiere auch ohne uns Menschen prima zurechtkommen. Womit der Bogen zur KI am Ende doch noch geschlagen wäre.
→ »Lebensansichten eines Huhns«, Regie: György Pálfi, BRD/Griechenland/Ungarn 2025, 97 Min., Kinostart: heute
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