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Kino

Bis wieder Krieg ausbricht

Liebe in Beirut: Cyril Aris’ Spielfilmdebüt »A Sad and Beautiful World«

Foto: Neue Visionen
Keine Katastrophe ohne Hoffnung: Licht am Ende des Tunnels

Der Prolog beginnt mit dem Raketenbeschuss einer Geburtsklinik in Beirut. Die beiden Babys, die mit nur wenigen Minuten Abstand zur Welt gebracht werden, bleiben trotz der beträchtlichen Verwüstungen unversehrt. – Darf man das einen glücklichen Start nennen?

Der Titel »A Sad and Beautiful World« lässt erahnen, dass es in der Welt, die uns der libanesische Regisseur Cyril Aris in seinem Spielfilmdebüt zeigt, keine ungetrübte Freude gibt, keine Liebe ohne Leiden, aber eben auch keine Katastrophen ohne Hoffnung.

Nino (Hasan Akil), das erste der beiden Babys, entwickelt sich zu einem durch und durch optimistischen Menschen. Seine Lebensfreude grenzt an einen psychischen Defekt; immer wieder muss er die Realität ausblenden, um weiter funktionieren zu können. Er ist ungefähr fünf Jahre alt, als seine Eltern bei einer Autofahrt plötzlich in einen Kugelhagel geraten. Vater und Mutter kommen dabei ums Leben, während Nino auf der Rückbank nicht einmal einen Kratzer abbekommt (vielleicht rührt daher seine unerschütterliche Zuversicht).

Ninos Großvater führt das Restaurant der Eltern vorerst weiter und weiht Nino in die Geheimnisse der libanesischen Küche ein. Später wird Nino das Restaurant übernehmen. Viele wichtige Szenen des Films spielen sich hier ab. Das gemeinsame Essen ist im Libanon Ausdruck sozialer Vitalität. »Wenn die Menschen aus meinem Film kommen, sollen sie hungrig sein«, sagt der Regisseur.

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Yasmina (Mounia Akl) wurde wie Nino unter Beschuss auf die Welt gebracht (Baby zwei). Und auch sie bleibt Einzelkind. Doch wächst sie in einer Familie auf, in der die Eltern schon lange keine Mahlzeiten mehr gemeinsam einnehmen. Als überaus intelligentes Kind macht sie sich keine Illusionen bezüglich der Ausweglosigkeit der Ehekrise. Zudem soll sie sich für einen von beiden entscheiden. Das will sie nicht. Sie will am liebsten abhauen. Am besten mit ihrem Freund Nino. Einmal rennen sie Hand in Hand von der Schule fort, und Nino gesteht ihr in ihrem gemeinsamen Versteck seine grenzenlose Liebe. Der Charme, den er dabei entwickelt, ist umwerfend, zumal für einen Achtjährigen.

Aus der gemeinsamen Flucht wird dann doch nichts. Nino und Yasmina verlieren sich aus den Augen, bis Nino 20 Jahre später mit seinem Wagen infolge einer kosmischen Ablenkung in die Schaufensterscheibe des Geschäfts von Yasminas Mutter kracht. Es erscheint beinahe überflüssig zu erwähnen, dass ihm dabei nichts passiert. Nur der Ärger mit der Versicherung eben. Und der mit Yaminas Mutter. Um die Wogen zu glätten, lädt Nino die ganze Sippschaft zum Essen in sein Restaurant ein. Womit die eigentliche Story beginnt.

Cyril Aris erzählt eine Liebesgeschichte, deren Auf und Ab immer nur eine Reaktion auf die sich ändernden Umstände ist. Diese Fixierung auf die Realität lässt zwar ausreichend Platz für Romantik, stranguliert jedoch das Beziehungsdrama. Alles läuft immer total supi, bis entweder die Banken zusammenkrachen, ein Krieg ausbricht oder irgend etwas noch Schlimmeres passiert, zum Beispiel keine Gäste mehr Ninos Restaurant besuchen oder das Fleisch im Kühlschrank knapp wird usw. In einer Szene, es herrscht seit Wochen totale Flaute im Lokal, kündigen Ninos Koch und die mit ihm verheiratete Kellnerin, das einzige Personal, das ihm geblieben ist. Sie sagen: »Wir gehen nach Saudi-Arabien.« Nino ist am Boden zerstört: »Ihr wollt pilgern?«

Doch auch für Nino gibt es hin und wieder den Punkt, an dem selbst ihm nicht nach Scherzen zumute ist. Das erste Mal sehen wir das, als er erfährt, dass Yasmina schwanger ist. Und sie will kein Kind. Als Finanzexpertin kennt sie die Realität. Vielleicht liegt es auch an ihrer eigenen Kindheit. Viel Überzeugungsarbeit muss Nino allerdings nicht leisten. Kaum hat Yasmina ihm gesagt, was sie von einem gemeinsamen Kind hält, da gibt es auch schon einen Zeitsprung von neun Jahren, und die Kleine geht zur Schule (manchmal empfindet man es im Rückblick ja wirklich so).

Die Zeitspanne wurde vom Regisseur vermutlich gewählt, weil der Libanon in diesem Moment wieder vor einer pechschwarzen Zukunft steht und für alle, die Ninos Optimismus nicht teilen, feststeht, dass sie nun doch endgültig das Land verlassen müssen, auch Yasmina, mit ihrer Tochter. Angesichts dieser Umstände noch an die Schönheit der Welt zu glauben, fällt dem Zuschauer schwer, den Charakteren erst recht.

Der Titel des Films stammt übrigens aus Jim Jarmuschs »Down by Law« (1986). Obwohl »A Sad and Beautiful World« nicht besonders griffig klingt, wollte der Regisseur seinen Film von Beginn an nur so nennen. Und er hat für die Erlaubnis wohl auch einiges hingeblättert. (A sad and expensive world.)

→ »A Sad and Beautiful World«, Regie: Cyril Aris, Libanon/USA/BRD/Saudi-Arabien/Katar 2025, 110 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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