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BRICS-Gipfel

Regelgestalter statt Regelnehmer

Iran-Krieg stellt BRICS-Gipfel in Neu-Delhi auf die Probe. Staatenbündnis demonstriert Eintracht trotz unterschiedlicher Interessen

Foto: Bhawika Chhabra/REUTERS
Die BRICS untermauern den Anspruch, weltweite Regeln vom globalen Süden aus zu gestalten

Eigentlich hätte der Iran-Krieg das Zeug gehabt, den BRICS-Gipfel in Neu-Delhi zu sprengen. Mit Teheran saß eine der Kriegsparteien an diesem Wochenende selbst am Tisch. Gleichzeitig gehören mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zwei Golfmonarchien zum Zusammenschluss, die eng mit den USA kooperieren und wegen der US-Militärpräsenz auf ihrem Territorium ins Visier iranischer Vergeltungsangriffe geraten sind. Noch beim Treffen der BRICS-Außenminister im Mai gab es wegen der Differenzen keine gemeinsame Erklärung.

Es ist daher bemerkenswert, dass sich die Staats- und Regierungschefs am Wochenende auf die gemeinsame, 140 Punkte umfassende Erklärung verständigt haben. Beim Iran-Krieg bleibt sie jedoch auffallend vorsichtig. Die beteiligten Staaten werden nicht genannt, die BRICS rufen lediglich allgemein zu größtmöglicher Zurückhaltung, Dialog und Diplomatie auf. Dennoch ist gerade die Zustimmung Saudi-Arabiens bemerkenswert. Der französische Ökonom und Asienexperte Jean-Joseph Boillot ordnete das am Sonnabend gegenüber Franceinfo als Hinweis dazu ein, dass die Verantwortung für die Konfrontation in der Region »klar dem westlichen Lager und insbesondere den Vereinigten Staaten zugeschrieben« werde.

Bei Palästina reicht der gemeinsame Nenner besonders weit. Nicht zuletzt Brasilien drängt innerhalb der BRICS seit längerem auf eine klare Position zu Gaza. Die Staatengruppe lehnt jede Vertreibung der Palästinenser ab, unterstützt einen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 mit Ostjerusalem als Hauptstadt und verlangt ein Ende der illegalen Besatzung durch ­Israel.

Zudem wenden die BRICS sich ausdrücklich gegen einseitige Zwangsmaßnahmen und Sekundärsanktionen, die nicht vom UN-Sicherheitsrat beschlossen wurden. Für Russland und Iran ist die Frage besonders dringlich: Washington kann seine zentrale Stellung im internationalen Finanzsystem nutzen, um nicht nur die beiden Staaten selbst, sondern auch Unternehmen und Banken in Drittstaaten unter Druck zu setzen.

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Vom oft beschworenen großen Bruch mit dem Dollar-System war in Neu-Delhi trotzdem wenig zu sehen. Eine gemeinsame BRICS-Währung wurde ebenso wenig beschlossen wie ein unmittelbarer Ersatz für SWIFT. Statt dessen sollen nationale Zahlungssysteme stärker miteinander verbunden und Geschäfte häufiger in Landeswährungen abgewickelt werden. Russland und Iran drängen dabei auf möglichst schnelle Alternativen zu westlich kontrollierten Finanzwegen. China setzt eher auf einen längerfristigen Umbau. Indien wiederum lehnt eine gemeinsame BRICS-Währung ausdrücklich ab, unterstützt aber den Handel in Landeswährungen und die Vernetzung nationaler Zahlungssysteme.

Foto: India's Press Information Bureau/Handout via REUTERS 2026-09-13T012740Z_1281472263_RC2PHNAA47RX_RTRMADP_3_BRICS-SUMMI
Symbolisch pflanzten die Präsidenten Russlands, Indiens und Chinas (v. l. n. r.) am Sonnabend drei Bäume

Hinter diesen Differenzen steht ein grundsätzlicher Streit über die künftige Rolle der BRICS. China und Russland wollen den Zusammenschluss stärker als Gegengewicht zur westlich dominierten Ordnung ausbauen. Neu-Delhi dagegen will zwar eine multipolarere Welt, aber keine chinesisch geführte Gegenordnung. Premier Narendra Modi forderte beim Gipfel, der globale Süden müsse vom »Regelnehmer« zum »Regelgestalter« werden. IWF, Weltbank und WTO sollen nach dieser Vorstellung nicht abgeschafft, sondern zugunsten der Entwicklungs- und Schwellenländer reformiert werden.

Parallel zum Versuch, bestehende Institutionen zu reformieren, bauen die BRICS eigene Strukturen aus. Die in Neu-Delhi bestätigte »Strategy for BRICS Economic Partnership 2030« soll die Zusammenarbeit bei Handel, Investitionen, Digitalisierung, Technologie und Finanzfragen vertiefen. Chinas Staatschef Xi Jinping kündigte am Sonntag weitere Initiativen zu künstlicher Intelligenz, Sonderwirtschaftszonen und Dienstleistungshandel an. Dazu kommen die New Development Bank und neue grenzüberschreitende Zahlungsmechanismen.

Wie geschlossen die BRICS künftig politisch auftreten können, hängt wesentlich vom Verhältnis zwischen China und Indien ab. Xi reiste erstmals seit sieben Jahren wieder nach Indien. Beide Staaten bemühen sich nach Jahren schwerer Spannungen um eine Normalisierung, doch Grenzkonflikte und wirtschaftliche Konkurrenz bleiben bestehen. Nach russischen Angaben boten Xi und Modi zugleich ihre Vermittlung im Ukraine-Krieg an – ein Zeichen für den Anspruch, außenpolitisch stärker unabhängig von westlichen Vermittlungsformaten aufzutreten.

Das wirtschaftliche Gewicht für eine Gegenposition zum Westen ist längst vorhanden: Nach Kaufkraftparität entfallen inzwischen rund 40 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung auf die BRICS-Staaten, auf die G7 nur noch etwa 28 Prozent.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.09.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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→ Leserbriefe
  • Klaus Ludwig aus Wildeck 16. Sept. 2026 um 17:00 Uhr
    Auf der Speisekarte von Trump stand direkt zu Beginn 2025 BRICS ganz oben, denn es wurde sehr wohl verstanden, dass China zu vernichten nur über den Sturm auf vorgelagerte Ziele möglich sein wird. Dazu zählten Monroe-Doktrin, BRICS und Seidenstraße. Da spielen alle anderen ‚westlichen Staaten‘ gerne das Fußvolk, denn China statt USA können kapitalistische Staaten unter keinen Umständen in Erwägung ziehen. Ihnen würde zwar eine multipolare Welt nutzen, aber in einer solchen dominiert objektiv Wirtschaftskraft und da ist China unschlagbar. Warum? Weil eine KP regiert. BRICS, das musste Pekings Strategie sein, galt und gilt es, zu retten. Vier Jahre frontal Angriffe abwehren und das 2026, das mit dem Kidnapping Maduros begann und zusätzlich zu Kuba im brutalen Angriffskrieg gegen den Iran sich fortsetzte, ein Jahr der regulären Führung der BRICS durch Indien. Indien ist kein Konkurrent für China und wird in eine solche Rolle niemals wachsen können. Aber es spielt seine Rolle als begehrter Partner für USA/UK/EU wie BRICS aus und das ist ein eher attraktives Modell für die Zukunft von BRICS, denn eine politische Allianz ist von China wenigstens nicht gewollt, eher wird BRICS an Bedeutung gewinnen, wenn mehr Staaten ihren Antikommunismus beiseiteschieben, auch die Angst vor Dominanz unterdrücken und dank Einsicht in den eigenen (nationalen) wirtschaftlichen Vorteil einer Mitgliedschaft, beitreten. Sie bewahren ihre gesellschaftlichen Modelle und ihre Ideologien, Kultur & Religion sowieso, stärken aber BRICS und schwächen so die Anmaßung „USA first“ nachhaltig. Nur darum geht es. Das ist keine antiwestliche Haltung, denn selbst die ‚westlichen‘ Länder neben der USA profitieren wirtschaftlich von Multipolarität und Respekt gegenüber UN und WTO. Der Winner wird das Land sein, und nur solange wie es so ist, dass es wirtschaftlich die Lokomotive der Welt ist und durch Führung in Wissenschaft und Technologie überzeugt.

    Das ist die chinesische Idee, sie stört die Demagogen, weil ihnen der Klassenkampf fehlt, und sie ist unüberbietbar attraktiv, weil sie die Welt positiv beeinflusst und die Beziehungen der Staaten auf eine allen zugängliche wirtschaftliche Prosperität hebt, Ideologien aus den zwischenstaatlichen Beziehungen heraushält, weil diese nur der Spaltung der Menschheit dienen.
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 14. Sept. 2026 um 12:15 Uhr
    Es ist kein großes Wunder, dass man sich innerhalb der BRICS-Staaten auf vieles einigen kann. Nicht wenige von ihnen haben es satt, von den USA ständig wie dumme Schuljungen behandelt zu werden. Aufgrund der Kräfteverhältnisse scheuen sie alle (noch) die offene Konfrontation mit dem selbsternannten Hegemon. Aber das Grummeln wächst beständig. Und die USA sorgen fleißig dafür, dass es immer stärker wird. Staaten wie China und Indien einfach mal so von der Energieversorgung abzuschneiden, das wäre vor hundert Jahren noch gegangen. Heute geht es eben nicht mehr, ohne dass sich immer heftigere Gegenwehr formieren würde.
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