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Blut für Gold
Der Krieg im Sudan zwischen den einst verbündeten Warlords hinter der RSF-Miliz und der SAF-Armee wird durch ausländische Einmischung stetig befeuert
Der Bürgerkrieg im Sudan gilt als einer der brutalsten Konflikte unserer Zeit. Seit dem gescheiterten Putschversuch des Milizenverbandes der sogenannten Rapid Support Forces (RSF) am 15. April 2023 hat der vor allem zwischen den Sudanesischen Streitkräften (SAF) unter dem Kommando des Generals Abdel Fattah Burhan und der unter der Kontrolle des Warlords Mohammed Hamdan Daglo operierenden RSF schätzungsweise das Leben von mehr als 150.000 Menschen gefordert. Nicht wenige Quellen rechnen mit einer weitaus höheren Dunkelziffer.
Nachdem die Massentötungen sowie die sexualisierten und ethnisch motivierten Gewalttaten, die die RSF-Miliz nach der Eroberung der Stadt Al-Fascher in der Provinz Nord-Dafur begangen hatte, publik wurden, war der Konflikt insbesondere im vergangenen Jahr auch in der deutschen Medienlandschaft stärker präsent. Während die Berichterstattung immer wieder Licht auf die Massaker und Vergeltungsmaßnahmen beider Konfliktparteien wirft, kommt ein Blick auf die Hintergründe, Entwicklungen und Tendenzen des Krieges, der immer weiter zu eskalieren droht, oft zu kurz.
Es ist nicht zuletzt die seit der Kolonialzeit starke Ausrichtung der sudanesischen Volkswirtschaft auf den Export, die den Weg für die bis heute großen regionalen Ungleichheiten in der Verteilung des Reichtums geebnet hat.
Einer der Gründe für die Dominanz des Militärs im sudanesischen Staatswesen ist auch in dem ab 1955 und bis zur Sezession des Südsudans in verschiedenen Etappen immer wieder aufflammenden Bürgerkrieg zwischen bewaffneten Milizen der afrikanischen Bevölkerungsgruppen im Süden des Landes und der sudanesischen Zentralregierung zu suchen. So unterstand der Sudan seit seiner Unabhängigkeit insgesamt nur rund zwölf Jahre einer zivilen Regierung. Insgesamt 58 Jahre lang regierte das Militär mit eiserner Hand. So gingen auch die RSF selbst 2013 aus arabischsprachigen Milizen, den Dschandschawid, hervor, welche bereits in den 1980er Jahren im Zuge der Auseinandersetzungen mit der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee von der Regierung in Khartum gefördert und bewaffnet worden waren.
Der permanente Ausnahmezustand war schließlich der Nährboden für die Diktatur des 1989 durch einen Militärputsch an die Macht gekommenen Umar Al-Baschir. Baschir nutzte die RSF ebenso wie ihre Vorgängermilizen nicht nur zum Machterhalt im Inland. Zehntausende der Söldner zogen seit 2015 auch auf seiten der von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Saudi-Arabien geführten Kriegskoalition im Jemen gegen die schiitischen Ansarollah (»Huthis«) zu Felde.
RSF-Führer Daglo wurde für seine Dienste nicht zu knapp entlohnt. Wie schon die Dschandschawid zuvor zeigte sich die Miliz auch im wirtschaftlichen Bereich äußerst engagiert. Neben den Erträgen aus Schmuggel und der Kontrolle von Handelswegen stellt vor allem die rücksichtslose Plünderung der reichen Goldvorkommen des Landes eine der wichtigsten Einnahmequellen Daglos und seiner Gruppe dar. So kontrolliert die Firma Al-Junaid der Familie Daglo einen Großteil des Goldhandels des Landes. Bereits vor dem Beginn des jüngsten Krieges wurde geschätzt, dass der Anteil des aus dem Land geschmuggelten Goldes 50 bis 80 Prozent der Gesamtförderung betrug. Die militärischen Akteure nutzen die dabei erwirtschafteten Erträge, um ihre politische und militärische Macht, etwa durch Waffen- und Munitionskäufe, weiter zu festigen. Der Einsatz dieser militärischen Machtmittel bildet wiederum die Grundlage zur Ausbeutung der meist kleinen, handwerklich betriebenen Minen des Landes.
Das auf Patronage und Beutegemeinschaft aufgebaute System begann Ende 2018 jedoch zu wanken. Nach einer durch die schwächelnde wirtschaftliche Lage angetriebenen Protestwelle, die sich schnell gegen die Regierung richtete, schien sich das Militär für einen Moment auf die Seite der Protestbewegung zu stellen, wodurch sich der langjährige Machthaber Al-Baschir gezwungen sah, das Feld zu räumen. Während die Demonstranten auf den Straßen auf einen Übergang zu einer zivilen Regierung hofften, rissen die beiden Militärs Burhan und Daglo 2021 im Verbund die Macht an sich und erstickten die Hoffnung auf Demokratisierung. Erst nachdem Daglo sich 2023 geweigert hatte, den Forderungen nach einer Eingliederung seiner Truppe in die Streitkräfte nachzugeben, und statt dessen versuchte, durch einen Putsch die Regierungsgewalt an sich zu reißen, zerbrach die gegen die Bevölkerung gerichtete Interessensgemeinschaft.
Die umfangreiche ausländische Einflussnahme befeuert die Dynamik des Krieges fortwährend. Dabei gelten die VAE als einer der wichtigsten Unterstützer der RSF und als Abnehmer des illegal exportierten Goldes. Aber nicht nur mit Devisen soll die Golfmonarchie Daglos Truppen unter die Arme greifen. Laut Financial Times sollen seit 2024 schätzungsweise 2.000 kolumbianische Söldner durch das emiratische Sicherheitsunternehmen Global Security Services Groups angeworben und über Libyen sowie Somalia in die Konfliktgebiete geschleust worden sein. Das von Ahmed Mohamed Al-Humairi, Generalsekretär des Präsidialamtes der VAE, gegründete Unternehmen soll es dabei vor allem auf erfahrenes Personal des kolumbianischen Militärs und damit auf Männer mit Erfahrung in Aufstandsbekämpfung und Guerillakrieg sowie auf Milizionäre südamerikanischer Drogenkartelle abgesehen haben. Als wichtigster Unterstützer der SAF gilt hingegen die Regierung Ägyptens, die vor allem an der Sicherung einer ungehinderten Nutzung des Nils sowie an einer Eindämmung des Einflusses der Muslimbruderschaft in der Region hat. Das Land ist aber auch aufgrund seiner Lage am Roten Meer und seiner Hafenstädte von Interesse.
Die Russische Föderation schien im Konflikt aufgrund der Verstrickungen der regierungsnahen Wagner-Miliz in den Goldabbau der RSF auf Daglos Seite zu stehen. Moskau einigte sich aber 2025 mit Burhan über die zukünftige Eröffnung einer russischen Marinebasis in Port Sudan am Roten Meer. Im Gegenzug für die Errichtung des ersten Stützpunkts dieser Art auf dem afrikanischen Kontinent versprach Russland den SAF umfassende Militärhilfe.
Um dem Goldhandel als treibendem Faktor des Krieges einen Riegel vorzuschieben, verabschiedete die Europäische Union im Juli dieses Jahres neue Sanktionen gegen die Akteure im Sudan. Dabei blieben wichtige Handelspartner der EU wie die Golfmonarchien, die die Hauptverantwortung für den organisierten Goldraub tragen, außen vor. Auch dass die EU selbst eine Verantwortung am Aufstieg des militärisch-industriellen Komplexes der SAF und RSF gehabt haben dürfte, blendet man in Brüssel lieber aus. Im Rahmen des sogenannten Khartum-Prozesses hat die EU seit 2014 »Hilfen« in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro zur Kontrolle von Migrationsströmen in Ostafrika in das sudanesische Regime gepumpt. Laut Amnesty International dürften die Mittel sehr wahrscheinlich der zur Grenzverstärkung eingesetzten RSF zugeflossen sein. Die Menschenrechtsorganisation berichtete am 14. November 2024 darüber hinaus, dass in gepanzerten Mannschaftstransporten der RSF französische Technologie verbaut sei, was einen Verstoß gegen das EU-Waffenembargo für Sudan bedeuten würde.
Der Krieg im Sudan ist einmal mehr ein Beispiel dafür, dass die Suche nach klaren Blöcken und stabilen Bündniskonstellationen in den aktuellen Konflikten der Welt nur in die Irre führen kann. Die Sudanesische Kommunistische Partei (SKP), die auch eine der treibenden Kräfte der Aufstandsbewegung im Winter 2018 gewesen war, bezeichnete in einer am 22. Juli im Lower Class Magazine auf deutsch veröffentlichten Erklärung die »externen Interventionen nicht als nebensächlichen Faktor, sondern als ein wesentliches Element bei der Verlängerung und Verschärfung des Krieges«. Die SKP leitet daraus ab, dass die »Verteidigung der nationalen Souveränität und der Unabhängigkeit sudanesischer Entscheidungsprozesse« die »unverzichtbare Voraussetzung für eine nachhaltige Lösung der Krise« seien.
Tim Krüger ist freier Journalist und berichtet über die Konflikte und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Westasien, Afrika und anderen Teilen der Welt.
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